Nachhaltigkeit in der Textilbranche Sauber kaufen

Wer ökologisch und sozialverträglich produzierte Kleidung kaufen möchte, hat es schwer: Kleidungsstücke mit Nachhaltigkeitssiegel gibt es selten - und selbst diese garantieren noch längst keinen fairen Handel. Experten fordern deshalb mehr Transparenz in der gesamten Lieferkette.
Von Martin Motzkau
Näherinnen in Kambodscha: Unternehmen wissen oft nicht, wo ihre Ware hergestellt wird

Näherinnen in Kambodscha: Unternehmen wissen oft nicht, wo ihre Ware hergestellt wird

Foto: ? Chor Sokunthea / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Ein Einkaufsbummel durch die Hamburger Innenstadt mit dem Ziel, fair produzierte Kleidung zu bekommen, ist schwierig. Ob nun das himmelblaue T-Shirt, die Jeans oder der Turnschuh - unter welchen Umständen die häufig aus Bangladesch, Indonesien oder China stammenden Produkte hergestellt worden sind, ist für den Käufer nicht erkennbar. Nachhaltigkeitssiegel, die informieren sollen, gibt es zwar zuhauf. Sie sind auf den meisten Kleidungsstücken allerdings nicht zu finden.

Allein die Nachfrage löst Verwunderung aus. Er wisse nichts von solchen Siegeln bei den Produkten seines Arbeitgebers, sagt ein Mitarbeiter des Sportgeschäfts Foot Locker.

"Ist das denn wichtig?"

Seit der schweren Katastrophe in Bangladesch Ende April ist das Thema nachhaltiger Konsum vor allem in den Medien wieder im Gespräch: Nahe der Hauptstadt Dhaka war ein mehrstöckiges Hochhaus eingestürzt, in dem sich mehrere Textilfabriken befanden, und begrub mehr als tausend Menschen unter sich. Es war nicht die erste Katastrophe dieser Art.

Dennoch scheint das Problem unhaltbarer Arbeitsbedingungen in vielen asiatischen Fabriken für den westlichen Markt in der Hamburger Fußgängerzone nicht wahrgenommen zu werden. Auf die Frage, in welchem Land eine Jeans für 59,95 Euro hergestellt wurde, stellt eine junge Verkäuferin eher gleichgültig die Gegenfrage: "Ist das denn wichtig?"

Angesichts der vielen Toten in Bangladesch eine mehr als überflüssige Frage. Das sieht offenbar auch eine große Mehrheit der Deutschen so. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern" wollen 66 Prozent der Bürger nicht mehr bei Firmen kaufen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurden. Ob sie in der Praxis wirklich so handeln, bleibt dahingestellt. Dennoch nimmt der Druck auf die Textilindustrie zu. Mehrere große Konzerne haben deshalb reagiert und ein Abkommen unterzeichnet. Darin verpflichten sie sich, für mehr Sicherheit und bessere Arbeitsbedingungen in Bangladesch zu sorgen.

Kritik an H&M

Auch die beiden Einkaufsketten H&M und C&A gehören zu den Unterzeichnern. Die Unternehmen werben in ihren Filialen mit umweltfreundlich hergestellter Ware, die von unabhängigen Zertifizierern geprüft wurde. "Für mehr Nachhaltigkeit in der Mode" lautet etwa das Motto der hauseigenen H&M-Kollektion "Conscious". Wie auch C&A verspricht der Konzern seinen Kunden, dass einige ihrer Angebote aus Biobaumwolle produziert wurden.

Schön und gut, aber die Fragen, ob Kinder die Baumwolle verarbeitet haben, oder ob die Näherinnen von ihrem Lohn leben können, beantwortet keines dieser Unternehmen. Auch deshalb rügte die Kampagne für Saubere Kleidung die "Conscious"-Kollektion von H&M als "krassen Gegensatz zur Arbeitsrealität in Asiens Textilfabriken".

Fachleute sehen das Problem in der mangelnden Transparenz der Lieferkette. "Unternehmen wissen oft nicht, wie und wo ihre Produkte hergestellt werden", sagt Maren Sartory von der Organisation Transfair, die das Fairtrade-Siegel vergibt. Das jüngst unterzeichnete Abkommen sieht sie daher auch kritisch. "Eine Selbstverpflichtung der Unternehmen reicht nicht aus", sagt sie. "Ein wichtiger Schritt wäre es, die komplette Lieferkette transparenter zu machen."

Dem stimmt Berndt Hinzmann von der Kampagne für Saubere Kleidung zu. Er setzt auf langfristige Veränderungen und fordert Firmen dazu auf, Mitglied in einer sogenannten Multi Stakeholder Initiative (MSI) zu werden. Ein Konzern, der sich einer MSI anschließe, verpflichte sich vertraglich, die unternehmerische Praxis in allen Teilen der Lieferkette hinsichtlich ökologischer und sozialer Standards zu verbessern.

Langfristiger Prozess

Als gutes Beispiel nennt Hinzmann die Fair Wear Foundation. Die Nichtregierungsorganisation arbeitet mit Unternehmen und Herstellern zusammen. Sie hat sich die Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf die Fahnen geschrieben. Angeschlossen haben sich bislang aber bislang nur wenige bekannte Marken. Neben den Outdoor-Bekleidern Jack Wolfskin und Mammut dürfte den meisten Konsumenten nur der Textildiscounter Takko ein Begriff sein. Das Unternehmen stand in der Vergangenheit häufig in der Kritik, unter anderem weil es Kleidung in chinesischen Gefängnissen produzieren ließ.

Die Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation ist somit kein Freifahrtschein, um guten Gewissens dort einkaufen zu gehen. Es handle sich um einen Prozess, der nicht von heute auf morgen abgeschlossen sei, sagt Hinzmann. Ein Unternehmen wie Takko, das erst seit kurzem dabei sei, könne die geforderten Standards in der Zeit noch nicht zu 100 Prozent erreichen. Der deutsche Textilhändler ist seit Oktober 2011 Mitglied der Organisation.

Für verantwortungsbewusste Käufer bedeutet das: Nachhaltig beworbene Produkte bedeuten noch lange nicht, dass sie es auch wirklich sind - auch wenn die Chance dafür größer ist. Entsprechende Siegel betrachten meist nur einen Teil der Lieferkette. Es muss sich erst bei Verbrauchern, Unternehmen und dann im gesamten Produktionsablauf grundsätzlich etwas ändern. Und das kann noch dauern.