Klimaschutz und Finanzprodukte Fonds for Future

Jahrelang hat die Bundesregierung den Klimaschutz im Finanzsektor ignoriert, nun soll ein Beirat Lösungen erarbeiten. Vor dem ersten Treffen macht ein Finanzexperte einen radikalen Vorschlag.

Feld mit Sonnenblumen und Windrädern
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Feld mit Sonnenblumen und Windrädern

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Wie schief es gehen kann, wenn Finanzakteure Milliarden in unökologische Projekte investieren, hat Gerhard Schick vor einigen Jahren in Mannheim miterlebt. Da kämpfte der damalige Grünenabgeordnete an der Seite von Bürgerinitiativen gegen den Bau des neuen Steinkohle-Blocks 9 der Großkraftwerk Mannheim AG (GKM). In Zeiten der Energiewende einen neuen Kohlegiganten ans Netz zu nehmen, sei ein absurdes Vorhaben und werde sich auf Dauer nicht rechnen, warnte der Finanzexperte. Am Ende stellten die Banken trotzdem die nötigen Mittel für das Vorhaben bereit, 2015 ging das neue Werk ans Netz.

Heute weiß man, dass sich die 1,3 Milliarden teure Investition wohl nicht rechnen wird: Denn Anfang des Jahres hat die Kohlekommission beschlossen, dass der letzte Kohlemeiler im Jahr 2038 abgeschaltet werden soll. Bei den Planungen in Mannheim waren die Investoren aber noch davon ausgegangen, dass das Werk auch noch im Jahr 2050 am Netz sein werde. Das Werk hat so mehr als ein Jahrzehnt weniger Zeit, um seine Investitionen hereinzuholen. "Das war eine gigantische Fehlkalkulation", sagt Schick heute.

Das Beispiel habe ihm eines deutlich gemacht, sagt Schick: Die Finanzindustrie darf nicht mehr länger Milliarden in unökologische Projekte pumpen. Als Partner der Realwirtschaft solle sie endlich zum Ermöglicher für mehr Nachhaltigkeit werden, indem sie sich künftig Klimaschutzzielen unterwirft und bei der Investition von Anlagegeldern Nachhaltigkeitsaspekte miteinbezieht. "Wir werden die Klimaziele des Pariser Klimaschutzabkommens nur erreichen, wenn wir auch endlich den Finanzsektor nachhaltiger aufstellen", sagt Schick. Denn dieser stehe im Zentrum unseres Wirtschaftssystems, verteile Milliarden von Anlagegeldern an Unternehmen und sei ein großer "Hebel" beim Thema Klimaschutz. Künftig soll Kapital ökologische Rendite erwirtschaften, so seine Vision.

Schick führt den Kampf gegen den schmutzigen Finanzsektor an der Spitze der "Bürgerbewegung Finanzwende" an, eines gemeinnützigen Vereins, gegründet im vergangenen Jahr. Sein Zweck laut Satzung: die "Mobilisierung der Öffentlichkeit" für eine "nachhaltige Finanzwirtschaft". Zum Jahreswechsel hat Schick dafür sogar sein Bundestagsmandat niedergelegt.

Große Hoffnungen setzt Schick dabei auf den ersten Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung, der an diesem Donnerstag das erste Mal tagt und das Ziel hat, eine nachhaltige Finanzstrategie für die Bundesregierung zu entwickeln und Deutschland zu einem führenden Standort für nachhaltige Finanzmärkte und -anlagen zu machen. Das Bundesfinanzministerium hat Umweltschützer wie Schick nebst einer Reihe von Wirtschaftsvertretern eingeladen. Der Versuch, Kapitalmärkte grüner zu machen, passt in eine Zeit, in der Schüler für mehr Klimaschutz streiken (Fridays for Future) und die Grünen bei der Europawahl so erfolgreich abschneiden wie nie zuvor.

Der deutsche Staat investiert Geld in Ölkonzerne

"Sustainable Finance" heißt auch das Aktionsprogramm der EU-Kommission, das die Kapitalmärkte grüner machen soll. Künftig soll sich der mächtige Finanzsektor Umweltstandards unterwerfen. Wer nachhaltig investiert, soll bessere Konditionen am Kapitalmarkt erhalten, für die anderen soll es schwieriger werden, an frisches Geld heranzukommen. Banken und Versicherungen sollen zudem künftig in Kundengesprächen ausdrücklich auf nachhaltige Finanzprodukte hinweisen.

Doch trotz der Vorgaben aus Brüssel ist in Deutschland bisher nicht viel passiert. Abseits der Ökorhetorik ringt die Politik um konkrete Maßnahmen. Realität ist bis heute, dass selbst der Staat bei seiner Geldanlage keine Nachhaltigkeitskriterien zugrunde legt. Bisher werden die Aktieninvestments des Bundes, die bis zu 20 Prozent des verwalteten Vermögens ausmachen, in globale Indexfonds investiert, die keinerlei Nachhaltigkeitskriterien anwenden. So kommt es, dass der Bund mit etwa 350 Millionen Euro am französischen Erdölkonzern Total beteiligt ist und insgesamt Aktien im Wert von rund 700 Millionen Euro an Unternehmen aus den Branchen Atomkraft und fossile Brennstoffe hält.

"Die Summen sind nicht gewaltig, aber eine Regierung, die mehr Klimaschutz im Finanzsektor will, und gleichzeitig selbst in klimaschädliche Unternehmens investiert, ist nicht glaubwürdig", sagt Schick. Bevor der Staat andere Maßnahmen ergreift, müsse er selbst seine Geldanlage nach nachhaltigen Standards ausrichten. Das müsste in Zukunft auch für gemeinnützige Stiftungen gelten, die Milliarden verwalten.

Andere Staaten wie Norwegen machen das längst vor. Der eine Billion Dollar schwere Öl-Staatsfonds Norwegens investiert etwa nur noch in Unternehmen, die streng nachhaltig wirtschaften.

Doch Anlegern, die nachhaltig investieren wollen, wird es derzeit noch zu schwer gemacht, findet Matthias Kopp von der Umweltorganisation WWF. Denn ihnen fehlten bislang die nötigen Informationen. Zwar würden Unmengen an Daten zum CO2-Ausstoß von Unternehmen erfasst, dies führe aber nicht zwangsläufig dazu, dass Investoren wirklich nachhaltig wirtschaftende Unternehmen auswählen. "Oftmals vergleichen Investoren nur die Höhe der C02-Ausstöße und wählen dann das Unternehmen mit den geringeren Emissionen aus", sagt Kopp. Dabei müsse das nicht immer sinnvoll sein: Eine Investition in eine Firma mit hohem CO2-Ausstoß, könne durchaus sinnvoll sein, wenn sie sich glaubwürdig eine Strategie zum Abbau dieser Emissionen auferlegt hat. Kopp fordert deshalb, dass künftig Ratings an den Finanzmärkten auch eine Aussage über die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens treffen.

Ex-Abgeordneter Gerhard Schick
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Ex-Abgeordneter Gerhard Schick

Das Problem, geeignete Produkte zu finden, haben auch Privatanleger. Zwar gibt es inzwischen unzählige grüne Finanzprodukte auf dem Markt, die über verschiedene grüne Siegel verfügen, aber es ist extrem schwierig, in diesem Gewirr den Durchblick zu behalten. Denn es gibt keine einheitlichen Kriterien, was nachhaltig überhaupt bedeutet. Jeder Fonds legt unterschiedliche Maßstäbe an. Manche Fonds meiden etwa Aktien von Firmen der Rüstungs-, der Atom- oder der Ölbranche. Andere Spezialfonds investieren gezielt in Branchen wie erneuerbare Energien, das kann aber sehr riskant sein, etwa wenn die Branche in eine Krise gerät. Wieder andere Fonds stecken das Geld in Unternehmen, die sich in ihrer umstrittenen Branche besonders hervortun, der sogenannte Best-in-Class-Ansatz.

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Finanzwende-Chef Schick will deshalb die Anbieter in die Pflicht nehmen. Ganz besonders abgesehen hat er es auf die öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken, die - gemessen an der Bilanzsumme - mehr als ein Viertel des deutschen Bankensektors ausmachen. Sein radikaler Vorschlag: Sparkassen, Landesbanken und Bausparkassen sollten vom Gesetzgeber stärker reguliert und auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. "Wenn dieser Sektor Teil einer nachhaltigen Strategie wird, kann in Deutschland für grüne Produkte eine viel größere Marktbreite erreicht werden als in Ländern, in denen sich der Staat weitgehend aus dem Finanzmarkt heraushält", sagt Schick.

Konkret würde das bedeuten, dass alle Sparkassenberater künftig kompetent zum Thema Nachhaltigkeit Auskunft geben und dass Sparkassen in jeder Produktkategorie über grüne Produkte verfügen müssten. Auch sollten die öffentlichen Institute bei der Kreditvergabe systematisch ökologische Risiken berücksichtigen. Schick will deshalb das Kreditwesengesetz anpassen lassen, das darüber entscheidet, wie Sparkassen als Unternehmen auftreten. Er wolle einen Passus ergänzen, der Sparkassen künftig dazu verpflichtet, nachhaltig zu agieren.

Ob Schick mit diesem Vorschlag bei den ersten Beiratssitzungen auf breite Zustimmung stoßen wird, ist aber mehr als fraglich. Immer wieder verweisen Bankenvertreter darauf, wie schwer es sei, das Thema Nachhaltigkeit in Gesetze zu gießen. Richtlinien würden entweder zu lasch oder zu strikt für die Realität der Investoren.

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dr.frustus 05.06.2019
1. Und der Beirat …
… setzt sich dann aus den gleichen "Profis" zusammen, die den Kohleausstieg und alles was dazugehört zu verantworten haben. So hoch kann der Risikozins gar nicht sein, das ich da einsteigen würde
ossimann 05.06.2019
2. Money money over all .
Gibt es überhaupt noch irgend ein Bereich auf dieser Welt der nicht im Schatten des Geldmachens steht . In allen Lebensbereichen ob wohnen , Energie, Gesundheit usw. stehen irgend welche sogenante Investoren am Verteilertisch um die fetten Augen aus der Suppe zu schöpfen und laut schreien das die Suppe immer noch zu dünn ist . Wenn ist das Ende der Fahnenstange wenn der Grossteil des Volkes nur noch für die Rendite arbeitet und selbst zunehmend den Lebensunterhalt nicht mehr bezahlen kann. Wenn wie oft erwünscht jeder seine Ersparnisse in Fonds/Aktien anlegt wer soll dann die Unmenge an Renditeanfragen erarbeiten ? Geht das nur noch mit Schuldenmachen oder Märchenerzählen von Experten/Analysten damit Kurse gepuscht oder gedrückt werden ?
fredvom 05.06.2019
3. Ökologisch investieren
bzw.Geld anlegen kann man als Privatmann ganz wunderbar auf der Social-Trading-Plattform "wikifolio". Dort gibt es einige wunderbare, grüne Wertpapierdepots, die völlig transparent für den Anleger sind. Beispielsweise konnte man dort durch eine Investition in das Wikifolio Tech & GreenTec Aktienwerte (Wf00JT1371) innerhalb von gut 2 Jahren eine Rendite von bis zu ca. 75% erlangen. Und das mit gutem Gewissen.
apst 05.06.2019
4. Das Ganze zeigt...
....zwei wesentliche Dinge: 1. Auch in der Ökologie geht es um Ökonomie. (Warum glaubt man dann nicht, dass Ökoverbänden ihre finanziellen Interessen durch Lobbyismus durchsetzen, um mit ihren Bankgeschäften Profit zu machen??) 2. Wenn Politik in hochkomplexe Mechanismen eingreift, kann es auf allen Seiten nur Verlierer geben (Die Investition in den Kohleblock wurde erst durch politisches Handeln unwirtschaftlich - der durch die moderne Technologie mögliche verringerte CO2 Austoss wird jetzt durch tschechische und polnische Kohlekraftwerke umgedreht und erhöht) Loos-Loos nennt man das... Das passiert, wenn man der Schwarmintelligenz vertraut...
iffelsine 05.06.2019
5. Das wird ja immer verrückter !
Den Banken Plastikkugelschreiber als Kundengeschenk auszureden, ist ja noch ok, aber vorzuschreiben, Grüne Anlageformen zu propagieren, ist Nonsens. Wenn ein Kunde danach fragt, kann schon heute so etwas angeboten werden, wenn es in seine Risikoklasse passt. Passt es aber meist nicht da die normalen Anleger eher sicher investieren wollen und Grüne Anlagen eher unsicher sind.
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