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31. Dezember 2018, 12:52 Uhr

Weltkriegsstollen unter Kindergarten

Nazi-Bunker lässt Kleinstadt verzweifeln

Von , Nalbach

Im saarländischen Nalbach bedroht ein brüchiger Nazi-Bunker einen Kindergarten. Der kleine Ort prozessiert deshalb gegen die Bundesrepublik. Für die Gemeinde geht es um viel Geld.

Der Regen spült immer mehr Ziegelreste und Erdreich in den bröckelnden Stollen aus dem Zweiten Weltkrieg. Das zieht dem Kindergarten darüber langsam den Boden weg - und der saarländischen Gemeinde Nalbach womöglich auch.

Im Inneren des Stollens schmatzt unter Peter Lehnerts Gummistiefeln der rotbraune Schlamm. Inzwischen sei die Erde, so der Bürgermeister, unter der Bodenplatte der Kita an manchen Stellen um bis zu 1,80 Meter tief abgesackt. Teils verdecke nur noch Estrich das Loch.

Dabei habe niemand, so versichert es der 61-Jährige, bis vor rund zwei Jahren von dem Gang gewusst, der für Kinder und Erzieherinnen zur Gefahr wurde. Ihren einsturzgefährdeten Kindergarten betreten? Streng verboten. Im muffigen Stollen darunter sollen sogenannte Stempel den Einsturz verhindern. Zur Sicherheit begleitet die Feuerwehr Lehnert, der mit seinem Helm gegen eine Deckenlampe stößt.

Dauerhaft helfen will dem Verwaltungschef mit diesem Relikt der Nazis außerhalb Nalbachs niemand. Er fühlt sich "enttäuscht und alleingelassen". Vor dem Saarbrücker Landgericht hat die Kommune, keine 10.000 Einwohner groß, deshalb die Bundesrepublik verklagt. Ende Januar will die Kammer eine Entscheidung verkünden. Doch was steckt hinter dem Streit über das unterirdische Erbe?

Dass unter Nalbach Stollen aus den Vierzigern schlummern, weiß gefühlt der ganze Ort. Einstiege gibt es etwa in Hinterhöfen oder einer Garage. Anwohner lagern Getränke oder eine Schneeschaufel darin, gemeinsam wurde in den Stollen auch gefeiert. Als Kind spielte Lehnert in den Gängen. In den Siebzigerjahren war der Komplex mit Sandfiltern, Duschen und Feldbetten zum Atombunker aufgerüstet worden.

Aus der vergilbten Karte aus dem Jahr 1977 im Rathaus geht der Abschnitt unter dem Kindergarten jedoch nicht hervor. Eingezeichnet ist nur ein "toter Gang", ein Wurmfortsatz, wie Lehnert ihn nennt, der sich aber viel weiter als eingezeichnet in den Berg schlängelt und dort zusammenbricht - direkt unter dem Kindergarten.

Auf Spaziergängen war Lehnert stutzig geworden. Im Garten eines Kita-Nachbarn entdeckte er das obere Ende eines Lüftungsrohrs. Vor der Kita-Sanierung beharrte er auf Probebohrungen, von denen gleich die erste den Hohlraum traf. Schließlich ließ er den Bauhof die gut 60 Zentimeter dicke Mauer aus Ziegeln am vermeintlichen Ende des Ganges aufbrechen, Stalaktiten hingen dahinter von der Decke.

Ansprüche seit knapp 60 Jahren verjährt?

Nach dem Blick ins Loch bat Nalbach den Bund um Hilfe. Da der Kindergarten saniert werden sollte, war zumindest die von der katholischen Kirche betriebene Einrichtung kurzfristig in einen Nachbarort umgezogen. Doch allein die bisherigen Kosten etwa für Untersuchungen und Sicherungen für das Gebäude aus den Fünfzigern, welches die Gemeinde erst kurz vor dem Auftreten des Schadens von der Kirchengemeinde übernommen hat, reichen laut dem Anwalt der Gemeinde, Berthold Kohl, "weit in den sechsstelligen Bereich". Was die Sanierung oder die Sicherung des Stollens kostet, weiß noch niemand. Sie dürfte den gerade mal knapp 14 Millionen Euro umfassenden Jahresetat des Ortes aber schwer belasten.

Nalbach ist eine Wohn-, vor allem aber eine Schlafgemeinde. Viele Einwohner arbeiten bei Ford in Saarlouis oder im Stahlwerk Dillinger Hütte, große Gewerbesteuerzahler gibt es nicht - und auf freiwillige Zahlungen des Bundes kann der Ort im Stollenstreit auch nicht hoffen: Nalbach ist dafür knapp 60 Jahre zu spät.

Geld aus dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz könne es nur geben, wenn der Schaden "bis spätestens Ende des Jahres 1959" geltend gemacht worden wäre, heißt es von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Der Behörde zufolge gehören die für rund 1000 Menschen ausgelegten Weltkriegsstollen demjenigen, der auch Eigentümer des Grundstücks darüber ist - und das ist die Gemeinde Nalbach.

Für Bürgermeister Lehnert ist das ein Unding: "Wie soll eine Verjährung für etwas greifen, von dem ich nichts weiß?" Der Bund lade den Kita-Bau den Kommunen auf, und nun verhindere eine Bundesbehörde, dass in Nalbach ein Kindergarten saniert wird. Er ist fest entschlossen dagegen anzukämpfen, das hat er als jahrelanger Vertreter der Bergbaubetroffenen Saar gelernt.

Beengtes Provisorium als Ausweichquartier

Unter dem andauernden Ausweichquartier leidet Martina Strauß. Ihre zwei Söhne im Alter von drei und fünf Jahren gehen in den Kindergarten. "Ich fahre jetzt mit dem Auto, früher konnte ich zu Fuß gehen", berichtet sie. "Wir haben ein Auto, wenn mein Mann geschäftlich unterwegs ist, muss ich schon entsprechend rödeln oder das Kind bleibt zu Hause."

Im Provisorium in Piesbach geht es laut Kita-Leiterin Edeltraud Fries beengt zu, die Zahl der Anmeldungen sei von 100 auf 80 gesunken. Besonders sozial schwächere Menschen ohne Auto hätten es schwer und seien auf den Bus angewiesen. Nalbach sei "zu einer toten Gemeinde geworden", sagt die 62-Jährige. "Es fehlt, dass die Kinder zu Fuß in den Kindergarten gehen." Der Gemeinderat will daher längst einen neuen Kindergarten an ganz anderer Stelle bauen.

Fries leitet den Kindergarten St. Peter und Paul seit 36 Jahren. In dem Gebäude über dem Stollen hatte sie kein unsicheres Gefühl. "Unser Haus hatte nie einen Schaden, auch nicht beim großen Erdbeben 2008." Doch seit dem 23. Februar 2017, ausgerechnet dem Jahrestag des Erdstoßes, durfte sie die Kita nicht mehr betreten. "Das war schon ein Schock."

Gericht: Erfolgsaussichten "derzeit gering"

Kann das Landgericht diesen Schock nun lindern? Die Behörde beruft sich auf einen ähnlichen Fall aus Salzgitter, in dem der Bundesgerichtshof 2006 entschied, dass es für ähnliche erst nach 1959 angemeldete Kriegsschäden kein Geld gibt. Laut Behörde habe der Gesetzgeber die Frist bewusst gesetzt, um auszuschließen, dass der damals noch jungen Bundesrepublik "jegliche Handlungsfähigkeit genommen würde". Auch einem Gerichtssprecher zufolge werden Nalbachs Erfolgsaussichten "derzeit als gering bewertet".

Dennoch hat die Kammer beide Seiten dazu aufgerufen, bis zum nächsten Termin über einen Vergleich nachzudenken. Denn schließlich erkannte der Bund nahe der Stelle, an der auch der Kindergarten steht, bereits 1964 schon einmal eine Gefahrenlage und damit verbundene Schäden an. Deshalb und wegen der unter anderem mit diesem Fall begründeten Verwaltungspraxis hofft Nalbachs Anwalt Kohl weiter auf eine für die Gemeinde gute Lösung.

Die Bundesbehörde äußert sich mit Blick auf das laufende Verfahren nur zurückhaltend. "Mir ist selbstverständlich bewusst, dass die Situation für die Gemeinde Nalbach nicht zufriedenstellend ist", schrieb ein Sprecher. Allerdings dürfe seine Behörde auch keine Steuergelder ausgeben, "um Ansprüche zu erfüllen, die rechtlich nicht begründet sind". Und im Bundeshaushalt sei nun mal kein Geld für Nalbach vorgesehen.

Damit wird sich der Bürgermeister kaum abfinden. "Für eine kleine Kommune wie uns ist das existenzbedrohend, wenn der Staat sagt, wie du es machen sollst, aber kein Geld dafür gibt", klagt Lehnert. Er sagt aber auch: "Ich bin ein Mensch mit hoffnungsloser Euphorie."

Aktenzeichen: LG Saarbrücken 4 O 439/17

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