Neue Berechnung Hysterie über Italiens Schuldzinsen ist übertrieben

Die Zahlen widersprechen der aktuellen Panik: An den Finanzmärkten wird verbreitet, ein Zinssatz von sieben Prozent auf Anleihen überfordere Italien. Experten haben dagegen berechnet, dass das Land sogar noch höhere Belastungen verkraften kann.

Italienische Flagge vor dem Parlament in Rom: Kritische Marke erreicht?
REUTERS

Italienische Flagge vor dem Parlament in Rom: Kritische Marke erreicht?


Hamburg - Italien stellt die Euro-Zone derzeit vor große Probleme. Wenn die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsgemeinschaft ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, stößt auch der Rettungsfonds EFSF an seine Grenzen. Deshalb wird bereits über ein stärkeres Eingreifen der Europäischen Zentralbank spekuliert. Sie solle vermehrt italienische Anleihen kaufen, fordern Experten wie der Nobelpreisträger Paul Krugman - und damit den Zinsdruck für das Land lindern.

Doch eine Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, dass die Panik übertrieben sein könnte. Zwar liegt der aktuelle Zins mit knapp sieben Prozent sehr hoch, doch im langfristigen Durchschnitt kommt Italien weitaus günstiger weg.

Aber warum gilt ausgerechnet der Zinssatz von sieben Prozent als kritische Marke? Der Grund: Bei diesem Niveau nahmen schon Portugal und Irland die Hilfe des EFSF in Anspruch.

Doch die Lage Italiens ist nur bedingt mit jener der anderen Euro-Sorgenkinder vergleichbar: Wie Berechnungen des IW zeigen, wäre die Belastung für Italien selbst bei einem Zinssatz von neun Prozent noch deutlich niedriger als in der Vergangenheit - und da konnte das Land sie bei ähnlich hohem Schuldenstand durchaus verkraften.

Um die Berechnung des IW, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, zu verstehen, muss man wissen, dass sich ein gestiegener Zinssatz für ein Land nur bei der Aufnahme neuer Schulden auswirkt. Der Wert für die alten Schulden ändert sich nicht. Der Zins am Sekundärmarkt, also dort wo Besitzer von Staatsanleihen miteinander handeln, betrifft ein Land also nicht, das kaum neue Schulden aufnehmen muss.

Wie der Zinssatz berechnet wird

Italien muss bis 2015 allerdings rund 750 Milliarden Euro an alten Schulden tilgen und durch neue ersetzen. Das gilt - etwa im Vergleich zu Griechenland - als sehr viel. Deshalb werden an den Märkten Bedenken geäußert, das Land könne mit seiner Refinanzierung überfordert sein. Doch laut dem IW-Experten Jürgen Matthes sind diese Bedenken überzogen: "Der Durchschnittszins erhöht sich nur nach und nach. Bis 2015 wird noch nicht einmal die Hälfte des Schuldenstandes von 1,9 Billionen Euro umgewälzt."

In Modellrechnungen zeigt Matthes, dass sich der Durchschnittswert bei einem aktuellen Zinssatz von sieben Prozent bis 2015 gerade einmal auf 5,3 Prozent erhöht. "Italien musste bis zum Jahr 2001 wesentlich höhere Durchschnittszinsen verkraften und konnte das auch", sagt Matthes.

Ein vereinfachtes Beispiel zeigt, wie der IW-Experte gerechnet hat:

  • Der gesamte Schuldenstand beträgt rund 1,9 Billionen Euro, die durchschnittlichen Zinsen darauf liegen laut EU-Kommission im Jahr 2011 bei 4,2 Prozent.
  • 2012 werden rund 300 Milliarden Euro fällig, die annahmegemäß ebenfalls zu 4,2 Prozent im Durchschnitt verzinst sind. In der Modellrechnung verlangen die Investoren für neue Kredite aber sieben Prozent Zinsen.
  • Der neue Durchschnittssatz wird dann aus den 1,6 Billionen Euro an alten Schulden (zu 4,2 Prozent) und den 300 Milliarden Euro an neuen Schulden (zu 7,0 Prozent berechnet.
  • Das Ergebnis für diesen Fall wäre dann ein Durchschnittssatz von 4,66 Prozent.

Zum Vergleich: Vor zehn Jahren lag dieser Wert in Italien noch bei 6,0 Prozent - und das Land konnte seine auch damals immensen Schulden problemlos bedienen.

cte



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
analyst2 11.11.2011
1. Experten?
Zitat von sysopDie Zahlen widersprechen der aktuellen Panik:*An den Finanzmärkten wird dagegen verbreitet, ein Zinssatz von sieben Prozent*auf Anleihen*überfordere das Land. Experten haben dagegen*berechnet, dass Italien sogar noch höhere Belastungen verkraften kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797252,00.html
Die Dummschwätzer werden immer mehr. Und weiter geht die lustige Staatsverschuldung,übrigens verschuldet von selbsternannten Experten in der Politik.
HighFrequency 11.11.2011
2. .
Zitat von sysopDie Zahlen widersprechen der aktuellen Panik:*An den Finanzmärkten wird dagegen verbreitet, ein Zinssatz von sieben Prozent*auf Anleihen*überfordere das Land. Experten haben dagegen*berechnet, dass Italien sogar noch höhere Belastungen verkraften kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797252,00.html
Hohe Belastungen ertragen, gleichzeitig Staatseigentum verscherbeln - erinnert mich irgendwie an eine von Fontane kolportierte Affäre: "Da erging eines Tages eine königliche Anfrage an die Oberförsterei: Wie lange die Menzer Forst aushalten werde, wenn Berlin aus ihm zu brennen und zu heizen anfange, worauf die Oberförsterei mit Stolz antwortete: Die Menzer Forst hält alles aus. Jedoch, da hatte er den Mund wohl zu voll genommen. Denn siehe da, ehe dreißig Jahre um waren, war die ganze Menzer Forst durch die Berliner Schornsteine geflogen. Ja, Hülfe war gekommen, die Menzer Forst hatte rentiert; aber freilich, die Hülfe war gekommen nach Art einer Sturzwelle, die, während sie das aufgefahrene Schiff wieder flottmacht, es zugleich auch zerschellt." Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, in welcher Zwickmühle der Förster alsbald steckte. Zwar wollte er seiner Majestät gefällig sein, aber diese Haltung kostete nun die ganze Forst! Bei Fontane ist nichts zu erfahren über die Kämpfe, die der Förster mit sich ausgetragen hat. Staatsräson kontra Verantwortung, König oder Wald? Kein Wort der Klage, gar der Kritik drang aus der kleiner und kleiner werdenden Menzer Forst. Das Halt! kam denn auch aus der fernen Hauptstadt: "Abermals mußte Wandel geschafft werden", berichtet Fontane, "diesmal nach der entgegengesetzten Seite hin, das berühmte, wenn auch unverbürgte Wort, das König Friedrich einst in delikatester Situation an Schmettau richtete, dasselbe Wort richtete jetzt die Königliche Verwaltung der Forsten und Domainen an den Oberförster von Groß-Menz: Hör Er auf! und man hörte auf." Auf diesen Wandel können wir wohl nicht hoffen, die Verwertung geht weiter bis zum Kollaps...
Bernd Klehn 11.11.2011
3. Zinssatz
Natürlich muss ein Land einen Zinssatz von 5-6% bei 2-3% Inflation verkraften können. Der Zinssatz von 2-3% ist nicht normal und nicht ewig durchhaltbar. Nur kann Italien das? Die Lage in Italien hat sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert, sinkende Industrieproduktion (Deutschland Exportanteil 38% Italien 20%) lebt immer stärker über seine Verhältnisse (3.5% Leistungsbilanzdefizit) und die Auslandsschulden steigen. Bei diesen Randbedingungen verträgt Italien keine Staatsschulden von 120%. Die ausländischen Investoren geben Italien halt kein Geld mehr und dieses ist nicht ungerechtfertigt, da kann der IWF rechnen was er will.
moses prey, 11.11.2011
4. Experten
Zitat von sysopDie Zahlen widersprechen der aktuellen Panik:*An den Finanzmärkten wird dagegen verbreitet, ein Zinssatz von sieben Prozent*auf Anleihen*überfordere das Land. Experten haben dagegen*berechnet, dass Italien sogar noch höhere Belastungen verkraften kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797252,00.html
.....die Experten kaufen selber aber auch keine italienischen Staatsanleihen ausser der EZB macht das nämlich kaum einer mehr und ohne deren Einsatz wäre Italien wahrscheinlich auch jetzt schon am Ende....
CommonSense2006 11.11.2011
5. Käse
Zitat von moses prey.....die Experten kaufen selber aber auch keine italienischen Staatsanleihen ausser der EZB macht das nämlich kaum einer mehr und ohne deren Einsatz wäre Italien wahrscheinlich auch jetzt schon am Ende....
Italien wäre überhaupt nicht am Ende. Lesen hilft: Im Moment muss Italien überhaupt keine Schulden aufnehmen. Und selbst wenn die nächsten 300Mrd zu 7% aufgenommen werden müssten, wären das eben nur 3% mehr als bisher und damit eine zusätzliche Bealstung von 9Mrd €. Das ist zwar eine Menge Holz, aber angesichts von Gesamtausgaben des italienischen Staates von 785 Mrd € (2009) gerade mal 1%. Eine Summe, die sich mit etwas gutem Willen einsparren lässt. Am guten Willen darf man gerne zweifeln, aber deswegen gleich "Italien am Ende!" zu schreien, ist wirklich übertrieben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.