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17. Oktober 2011, 08:24 Uhr

Neue Kraftwerke

Kommunen wollen Stromriesen ausbooten

Es ist eine Kampfansage an RWE, E.on und Co: Kommunale Versorger wollen in neue Kraftwerke investieren und es so mit den Branchenriesen am Strommarkt aufnehmen. Laut "Financial Times Deutschland" könnten die acht größten Stadtwerke in den kommenden Jahren zehn Milliarden Euro investieren.

Berlin/Brüssel - Große Kommunalversorger wollen die Energiewende nutzen, um den Branchengrößen RWE, E.on, Vattenfall und EnBW Anteile am Strommarkt abzujagen. Die acht größten deutschen Stadtwerke haben sich in einer Allianz namens 8KU zusammengeschlossen. Diese kündigte nun umfangreiche Investitionen an. "Wir sind als 8KU in der Lage, in zehn Jahren zehn Milliarden Euro zu investieren und damit zehn Gigawatt Kraftwerksleistung zu bauen", sagte der Koordinator und Chef der Stadtwerke Leipzig, Thomas Prauße der "Financial Times Deutschland" (FTD).

Die Leistung entspreche etwa der von acht großen Kernkraftwerken. Mit ihrer Ankündigung sagen die großen Kommunalversorger erstmals eine konkrete Investitionshöhe zu. Die Summe würde reichen, um ein Zehntel der gesicherten Kraftwerksleistung Deutschlands zu ersetzen, berichtete die Zeitung.

Der Allianz 8KU gehören unter anderen die Versorger in Hannover, Frankfurt, Mannheim und Köln an. Bei ihrer Offensive gegen die Stromkonzerne setzen die Kommunen auf Rückenwind durch die Energiewende.

Ein großer Teil des Zehn-Milliarden-Investitionspakets solle in den Ausbau erneuerbarer Energien fließen und dabei hauptsächlich in Windkraft, sagte Prauße. Der überwiegende Teil sei für ortsnahe Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung auf der Basis von Gas oder Kohle gedacht. Prauße kritisierte, die Politik forciere die Umsetzung der Energiewendegesetze noch zu wenig. "Die Projekte liegen in den Schubladen. Was uns fehlt, ist Planungssicherheit auch bei den Durchführungsbestimmungen."

Die rund tausend Kommunalversorger sind bei der Stromerzeugung bisher sehr auf die Konzerne angewiesen. Beim Stromverkauf haben sie aber mit weit über 50 Prozent einen entscheidenden Marktanteil.

Bau von Trassen soll schneller erfolgen

Bei ihren Plänen zur Energiewende legt die Bundesregierung ihren Fokus derzeit vor allem auf den Ausbau von Stromtrassen. Denn in Deutschland sind die Netze an der Kapazitätsgrenze angelangt. Wie die FTD berichtete, will die EU-Kommission vorschlagen, dass die Planung und Genehmigung neuer Stromtrassen und Ferngasleitungen innerhalb der EU nicht länger als drei Jahre dauern soll.

"Normalerweise muss es in drei Jahren möglich sein, ein Projekt zu planen und zu genehmigen", sagte der zuständige EU-Energiekommissar Günther Oettinger der Zeitung. Das beschleunigte Verfahren solle für alle "Projekte im europäischen Interesse" gelten - unabhängig davon, ob sie auch mit EU-Geldern gefördert werden.

Für die Umstellung der europäischen Stromnetze auf den steigenden Anteil erneuerbarer Energien wie Windkraft sollen in den nächsten zehn Jahren rund 140 Milliarden Euro in überregionale Hochspannungsleitungen investiert werden. Dazu kommen 70 Milliarden Euro für Gasleitungen, Flüssiggasterminals und -speicher.

mmq/Reuters/dpa

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