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11. September 2010, 17:09 Uhr

Neue Staatsgarantien

"Die HRE ist ein Fass ohne Boden"

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Für die Krisenbank Hypo Real Estate hätte der Start in die neue Ära schlechter nicht ausfallen können: Die notwendige 40-Milliarden-Bürgschaft scheint alle Beteuerungen und Vertrauensappelle der Verantwortlichen Lügen zu strafen.

Berlin - Es war erstaunlich ruhig um die Hypo Real Estate in den vergangenen Wochen, und man fragt sich im Rückblick, warum eigentlich. Natürlich war da der Verlust im zweiten Quartal. Oder die Tatsache, dass der Immobilienfinanzierer im Juli als einzige Bank in Deutschland durch den Stresstest gefallen war. Doch was bei anderen Banken möglicherweise zu Schlagzeilen geführt hätte, blieb im Falle der Hypo Real Estate jedes Mal nur eine Randnotiz.

Und für die schlechten Nachrichten hatte man jedes Mal schnell wohlfeile Erklärungen parat: 400 Millionen Quartalsverlust? Ist doch ganz ordentlich, wenn man bedenkt, dass im Vergleichszeitraum des Vorjahres in der Bilanz noch fast 650 Millionen Miese standen. 2012 würden doch schon wieder schwarze Zahlen erwartet. Stresstest? War doch klar, dass die HRE durchfallen musste. Man stelle sich vor, jede Bank hätte ihn bestanden, sagten Analysten danach. Das hätte das Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland nicht gestärkt.

Man hätte sie aber auch als Warnsignal deuten können - und das wäre der Wahrheit wohl sehr viel näher gekommen. Denn solche massiven Liquiditätsengpässe, wie sie das Münchener Geldinstitut jetzt unter Druck setzen, waren durchaus absehbar.

Ein wesentlicher Grund für die jetzt erneut notwendig gewordenen Milliardengarantien sind die Staatsanleihen, die die HRE in den Büchern stehen hat. In den vergangenen Wochen hatte sich die Skepsis, ob die kriselnden EU-Mitglieder ihre Probleme tatsächlich in den Griff bekommen würden, merklich gesteigert - abzulesen an steigenden Risikoaufschlägen, die die Investoren für ihr Engagement verlangen.

Der HRE-Vorstand ahnte wohl schon im Juli etwas von der Sprengwirkung, die dieser Posten entfalten könnte. Beim Stresstest füllte man den Fragebogen zum Thema Staatsanleihen vorsorglich erst gar nicht aus. Erst nachträglich, nach heftiger Kritik von Seiten der europäischen Bankenaufsicht CEBS, räumte die Bank schließlich ein, dass sie langfristige Anleihen im Wert von 73 Milliarden Euro hielt. Doch jetzt rauben die hohen Risikozuschläge für die Refinanzierung über Kurzfristdarlehen der HRE die letzte Liquidität.

Das Geschäftsmodell, das 2008 an den Rand des Zusammenbruchs führte, erweist sich auch jetzt als die Achillesferse des Geldkonzerns. Die Bargeldvorräte gingen so schnell zur Neige, dass im schlimmsten Fall schon am 22. September die Zahlungsunfähigkeit gedroht hätte, wie stern.de berichtete. Im besten Falle wäre gerade einmal eine Woche länger Zeit gewesen.

Kein Wunder also, dass der Bankenrettungsfonds Soffin am Freitag die Reißleine zog und Staatsgarantien im Umfang von 40 Milliarden bereitstellte. Dort legt man aber Wert darauf, dass es sich lediglich um Bürgschaften bis zum Jahresende handelt, um mögliche Risiken bei der geplanten Auslagerung der 180 Milliarden schweren Altlasten auf eine Abwicklungsbank ("Bad Bank") abzusichern. Die in der deutschen Bankenlandschaft einmalige Transaktion beginnt Ende September.

Der Beschluss sei gefasst worden, "um vor und bei der geplanten Transaktion jegliche Liquiditätsengpässe auszuschließen", erklärte der Soffin. Dahinter steht die Befürchtung, dass es bei der Ausgliederung zu technischen Pannen kommen könnte. So könnte es Verzögerungen bei der einen oder anderen Überweisung geben. Jetzt bürgt der Staat dafür - mit 20 Milliarden Euro. Die anderen 20 Milliarden müssen allerdings dafür verwendet werden, um die drohenden Liquiditätsengpässe zu überbrücken.

Die Möglichkeit einer Insolvenz weist man in Bankkreisen zwar kategorisch zurück, auch von einem Vertrauensverlust in Folge der gestrigen Hiobsbotschaft will niemand sprechen. Doch ob die von Altlasten bereinigte und wesentlich kleinere Kernbank namens Deutsche Pfandbriefbank den Vertrauensverlust ausgleichen kann, der zwangsläufig auch sie betrifft, bleibt abzuwarten. Derzeit wirbt HRE-Vorstandschefin Manuela Better bei jeder sich bietenden Gelegenheit für das neue Geschäftsmodell. Die Deutsche Pfandbriefbank habe ein tragfähiges Geschäftsmodell, erklärte sie. Man werde zukünftig keine Geschäfte machen, deren Risiken nicht zum neuen Profil der Bank passten.

Nicht jeder hält die Beteuerungen jedoch noch für glaubhaft. Der Finanzexperte der FDP-Bundestagfraktion, Frank Schäffler, etwa fürchtet bereits, die HRE könnte sich zu einem Dauersanierungsfall zu Lasten des Steuerzahlers entwickeln. Der Bund werde nach den jetzt zur Verfügung gestellten zusätzlichen Milliardengarantien wohl auch in Zukunft mit Liquiditätsengpässen des verstaatlichten Instituts konfrontiert sein, sagte er im Gespräch mit "Handelsblatt Online". "Die HRE ist als Zombie-Bank ein Fass ohne Boden".

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