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01. Februar 2012, 17:06 Uhr

Neue Studie

Wo Deutschlands ärmste Kinder wohnen

Die Kinderarmut in Deutschland geht zurück, die Bundesagentur für Arbeit feiert das als Erfolg. Doch eine neue Studie offenbart große regionale Unterschiede. In Teilen der Bundesrepublik lebt jedes dritte Kleinkind in einer Hartz-IV-Familie.

Gütersloh - Erst in der vergangenen Woche hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) Zahlen zu Kindern in Hartz-IV-Familien veröffentlicht. Sie hatte es als großen Erfolg gefeiert, dass die Quote der unter 15-Jährigen, die in Armut aufwachsen, zuletzt gesunken war. Doch das gilt nicht für ganz Deutschland, sondern nur für einige Regionen. In Berlin lag die Quote demnach bei 34,7 Prozent, in Bayern bei sieben Prozent.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt nun, dass es auch bei Kleinkindern eklatante Schwankungen gibt. Deutschland gilt als reiches Land, doch in der Hauptstadt wächst mehr als ein Drittel der unter Dreijährigen in einer Hartz-IV-Familie auf. Mit 36,3 Prozent hatte Berlin im Jahr 2010 unter den Bundesländern den höchsten Anteil, deren Familien auf die staatliche Grundsicherung angewiesen waren. In Bayern und Baden-Württemberg waren es nur rund zehn Prozent.

Im Städtevergleich ergaben sich noch größere Unterschiede: Im Jahr 2009 wuchsen in München 12,6 Prozent der unter Dreijährigen in Hartz-IV-Familien auf. In Köln oder Dresden war es bereits etwa jedes vierte Kleinkind, in Gelsenkirchen dagegen 40,4 Prozent.

Und selbst innerhalb einer Stadt sind die Unterschiede teils dramatisch. So schwankten die Quoten der unter Dreijährigen in Hartz-IV-Familien für Stadtviertel von Heilbronn in Baden-Württemberg und Jena in Thüringen zwischen etwa einem und mehr als 50 Prozent.

Die Bertelsmann-Stiftung beschränkt sich auf die Gruppe der unter Dreijährigen, da diese nach Angaben der Verfasser von allen Kindern und Jugendlichen das höchste Armutsrisiko tragen. Die Daten der Stiftung zu einzelnen Städten und Landkreisen stammen aus dem Jahr 2009, die zu den Bundesländern aus dem Jahr 2010.

Die großen sozialen Ungleichheiten müssen aus Sicht der Bertelsmann-Stiftung bekämpft werden. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstandes, plädiert dafür, staatliche Förderung stärker auf soziale Brennpunkte zu konzentrieren. Mehr Hilfe solle etwa gezielt an Kindertagesstätten gehen.

Vergangene Woche hatte bereits der Kinderschutzbund vor verfrühter Euphorie bei der Bekämpfung der Kinderarmut gewarnt. So ging die Zahl der Arbeitssuchenden zwischen September 2006 und September 2011 um 34 Prozent zurück, also um gut ein Drittel. Die der erwerbsfähigen Hartz-IV-Bezieher nur um knapp 16 Prozent.

ssu/fdi/AFP/dapd

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