Neue Wechselkurspolitik Warum China einen stärkeren Yuan zulässt

China will den Wechselkurs des Yuan flexibler gestalten, Europäer und Amerikaner sind begeistert: Sie hoffen auf Erleichterungen beim Export. Die Ankündigung aus Peking ist aber alles andere als selbstlos - die Volksrepublik verfolgt knallhart ihre eigenen Interessen.
Wechselstube in Honkong: "Druck auf die Industrie ausüben"

Wechselstube in Honkong: "Druck auf die Industrie ausüben"

Foto: Ym Yik/ dpa

Berlin/Frankfurt am Main - Schon die vage Ankündigung sorgte für Festtagsstimmung an den Aktienmärkten - und für dickes Lob aus aller Welt. "Eine sehr willkommene Entwicklung", kommentierte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Ein "konstruktiver Schritt", sagte US-Präsident Barack Obama. Sie beide meinen das Gleiche: die Entscheidung Chinas, die enge Bindung des Yuan an den Dollar schrittweise zu lösen.

Auch Analysten jubelten, der Dax   kletterte am Montag deutlich nach oben. "Die Märkte honorieren die Bemühungen Chinas, einen Handelskrieg zu verhindern", erklärte Klaus Gölitz vom Hamburger Bankhaus M.M.Warburg.

Am Frankfurter Aktienmarkt verzeichneten besonders die Papiere von Stahl- und Autokonzernen hohe Gewinne. "Die Ankündigung einer flexibleren Währungspolitik Chinas zieht diese Werte ganz klar nach oben", sagte Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. Im Dax führten die Papiere von Daimler   die Gewinnerliste mit einem Plus von 3,7 Prozent an, die Titel von BMW   gewannen 3,4 Prozent. Beide Unternehmen profitieren von den Meldungen aus China, weil sie dorthin sehr viel exportieren.

Sollte China sein Versprechen tatsächlich wahrmachen, würde der internationale Wettbewerb endlich gerechter. Europäische und US-Unternehmen hätten bessere Chancen gegen die mächtige Konkurrenz aus der Volksrepublik, weil sie ihre Produkte billiger nach China verkaufen könnten. Umgekehrt würden Waren aus der Volksrepublik teurer. Schon jetzt steigt die Nachfrage nach Premiumautos in China deutlich, mit einem stärkeren Yuan werde sich dieser Trend noch verstärken, erklärt LBBW-Analyst Frank Biller.

Vor allem für die USA wäre die Yuan-Aufwertung ein Segen: Endlich könnten sie ihr gigantisches Handelsbilanzdefizit abbauen. Der internationale Handel würde ausgewogener und die Weltwirtschaft schneller wieder gesund.

Viel spricht allerdings dafür, dass die chinesische Regierung ganz andere Gründe hat, eine marktgerechte Bewertung des Yuan anzupeilen. Denn Appelle aus Washington und Brüssel gab es immer wieder - nur hat sich Peking bislang nicht beeindrucken lassen. Womöglich war der öffentliche Druck aus dem Westen sogar hinderlich. "In Asien legt man viel Wert darauf, sein Gesicht zu wahren", sagt Harwig Wild, Experte für Emerging Markets im Bankhaus Metzler.

Was aber hat China dann bewogen, seine Wechselkurspolitik zu ändern? SPIEGEL ONLINE beleuchtet die Hintergründe - und erklärt, was eine Aufwertung des Yuan für die Weltwirtschaft bedeuten könnte.

Warum die Yuan-Aufwertung auch für China Sinn macht

Auf Dauer kann China seinen Status als Billigwerkstatt der Welt nicht halten: Die Löhne und damit die Arbeitskosten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, längst wird in anderen asiatischen Ländern günstiger produziert. Die kommunistische Führung hat dieses Problem erkannt - und treibt den industriellen Wandel des Landes vom reinen Produktionsstandort zum Innovationsstandort voran. Elektronik-, Auto- und Bio-Industrie werden massiv gefördert.

Wan-Hsin Liu, Volkswirtin am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, ist deshalb sicher: Mit der Entscheidung, den Yuan nicht mehr so eng an den Dollar zu koppeln, "will man auch ein bisschen Druck auf die Industrie ausüben". Denn die chinesischen Unternehmen würden so gezwungen, stärker auf neue Technologien und weniger auf billige Arbeitskosten zu setzen. Die Logik dahinter: Wenn die Lohnkosten steigen, muss die Produktivität gesteigert werden, Ökonomen sprechen von der sogenannten Produktivitätspeitsche.

Wie das geht, hat ausgerechnet Deutschland vorgemacht. Auch hierzulande mussten die exportorientierten Unternehmen ihre Produktivität verbessern, als der Euro-Kurs in den vergangenen Jahren sehr hoch war. "Die Maßnahmen der deutschen Exporteure dienen China wahrscheinlich als Vorbild", sagt Harwig Wild.

Eine flexiblere Währung würde außerdem den Inflationsdruck in China mindern. Denn je wertvoller der Yuan ist, desto geringer sind die Kosten für den Import von Rohstoffen wie Öl und Vorprodukten. Günstige Einfuhren würden auch den Binnenkonsum anheizen - ein Ziel, das die Regierung in Peking seit langem verfolgt.

Darüber hinaus könnte eine Aufwertung des Yuan dazu beitragen, den überhitzten Immobilienmarkt in China abzukühlen. "Die Zinsen werden steigen und die Nachfrage ein wenig dämpfen", erklärt Wild.

Was bedeutet die Entscheidung für Europa und die USA?

Für viele deutsche Maschinen- oder Autobauer wäre eine Yuan-Aufwertung ein Segen. Schließlich könnten sie ihre Produkte dann billiger auf den chinesischen Markt bringen. "Für die deutschen Exporteure sind die Perspektiven nicht schlecht", sagt Metzler-Experte Wild. "Immerhin hat der Euro seit Jahresbeginn 13 Prozent gegenüber dem Dollar verloren - an den der Yuan gekoppelt ist." Würde der Yuan nun beispielsweise um fünf Prozent aufgewertet, "ergäbe sich so ein Preisvorteil von knapp 20 Prozent", rechnet der Ökonom vor. "Das ist schon ein Wort."

Auch Politiker in den USA hoffen auf Vorteile für die heimische Industrie. Die scheinbar bestechende Logik: Wenn es teurer wird, in China zu produzieren, sind die USA als Standort genauso wie die amerikanischen Hersteller wieder wettbewerbsfähiger.

Doch Steffen Dyck, Asienexperte der Deutsche Bank Research, glaubt nicht unbedingt an diese Rechnung. Eine zu starke Teuerung des Yuan könnte der US-Wirtschaft sogar "mehr schaden als nutzen", sagt er. "Viele Arbeitsplätze hängen von einer funktionierenden chinesischen Wirtschaft ab, schon weil viele multinationale Unternehmen mit Sitz in den USA in China produzieren." Auch könnten Waren aus China bei einer starken Aufwertung sehr viel teurer werden, "wenn die Produzenten die höheren Produktionskosten weitergeben". Und das müssten dann die Konsumenten in den USA bezahlen.

Was passiert jetzt mit dem Yuan?

Von einer echten Freigabe des Yuan-Kurses kann noch nicht die Rede sein. Wenn die chinesische Regierung von mehr Flexibilität spricht, meint sie damit lediglich ihre eigenen Entscheidungen. Noch immer ist es die chinesische Zentralbank, die täglich den Mittelwert des Yuan-Kurses zum Dollar festsetzt. Dieser Mittelwert orientiert sich an den gesammelten Angeboten von Händlern. Gegenüber diesem Wert darf der Yuan um bis zu 0,5 Prozent an einem Tag steigen oder fallen. Tatsächlich bleiben die Schwankungen meist sehr viel geringer.

Ändern könnte sich allerdings der Währungskorb, mit dem Pekings Zentralbanker operieren. Seit 2005 gehören zu dem Korb die wichtigsten Währungen der Welt: Dollar, Euro, Yen und der koreanische Won. Auch der Singapur-Dollar, das britische Pfund, der malaysische Ringgit, der russische Rubel, der australische Dollar, der thailändische Baht und der kanadische Dollar sind enthalten. Seit 2008 war dieser Korb allerdings ganz überwiegend vom Dollar dominiert. Womöglich verschiebt sich nun die Gewichtung.

Große Ausschläge sind allerdings nicht zu erwarten, denn schon einmal hat Peking schlechte Erfahrungen mit allzu viel Flexibilität gemacht: Nachdem die starren Wechselkurse 2005 aufgehoben wurden, gewann der Yuan binnen drei Jahren um ein Fünftel an Wert gegenüber dem Dollar. Solche Schwankungen werden die Herren des chinesischen Geldes diesmal kaum dulden. Die festgelegte tägliche Handelsspanne von 0,5 Prozent wird sich deshalb kaum ändern. "China wird seine Politik der kleinen Schritte wohl nicht aufgeben", sagt Ben Simpfendorfer, China-Ökonom der Royal Bank of Scotland.

Was ist also realistisch? DB-Research-Experte Dyck erwartet eine Aufwertung des Yuan von jährlich zwei bis vier Prozent gegenüber dem Dollar. "Langfristig ist es sicherlich das Ziel, den Wechselkurs komplett freizugeben", sagt Dyck. Derzeit wolle China aber die Kontrolle über den Kapitalverkehr noch nicht aufgeben.

Das internationale Umfeld ist den Herren in Peking wohl zu unberechenbar.