Pflege-TÜV der Krankenkassen Gute Heime, schlechte Heime

Die Krankenkassen haben ihr neues Konzept für einen Pflege-TÜV vorgestellt. Das Bewertungssystem soll eine bessere Übersicht über gute und schlechte Heime schaffen - sanktioniert werden soll nicht.
Wohn-Pflege-Gemeinschaft in Neuburg: Positives Echo

Wohn-Pflege-Gemeinschaft in Neuburg: Positives Echo

Foto: Uwe Anspach/ dpa

Die Entscheidung, die eigene Wohnung aufzugeben und in ein Pflegeheim zu ziehen, gehört wohl zu den schwersten, die ein Mensch in seinem Leben zu treffen hat. Es geht um die Aufgabe der eigenen Autonomie, und ebenso das Bewusstsein, dass es wahrscheinlich der letzte Umzug ist, den man im Leben vor sich hat. Entsprechend groß ist die Not, wenn es abzuschätzen gilt, welcher Einrichtung man sich anvertrauen will. Mit einem Besuch am Nachmittag, einem Rundgang durch Gemeinschaftsräume und Zimmer und einen Spaziergang im Garten ist es da nicht getan. Und der Rest? Ist in Gesprächen mit Heimleitung und ein paar Pflegekräften keineswegs geklärt.

Bislang dienten Schulnoten des sogenannten Pflege-TÜV als Orientierungshilfe, wenn es um die Qualität der Pflege ging. Kritiker stellen allerdings deren Aussagekraft in Frage, weil die Bewertungen in der Regel viel zu positiv ausfallen. Und sich überdies schwerpunktmäßig auf die Unterlagen stützten, in denen die Heime die Pflege-Leistungen dokumentierten.

Im neuen System, das der Spitzenverband der Krankenkassen am Dienstag in Berlin vorstellte, soll Schluss sein mit dem alten Notensystem, und damit mehr Transparenz schaffen bei der Bewertung. Letztlich werde damit auch die Pflegequalität verbessert, erklärte Monika Kücking vom GKV-Spitzenverband zum Start des neuen Prüfsystems. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von einem "Riesenschritt für mehr Vertrauen ins System". Künftig gehe es "darum, wie es den Bewohnern wirklich geht".

Doch wie funktioniert das neue System? Wann wird ein Heim als schlecht, wann als gut bewertet? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Welche Regeln gelten künftig?

Ab sofort müssen Pflegeheime halbjährlich interne Qualitätsdaten bei ihren Bewohnern erheben - etwa wie mobil und selbstständig diese sind, oder ob sie ausreichend essen. Die Daten werden an eine unabhängige Stelle weitergeleitet und dort ausgewertet. Anschließend wird jedes Heim mit den bundesweiten Ergebnissen aller Einrichtungen verglichen.

Ab November überprüft zudem der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK) die Versorgungsqualität der Heime. Dabei wird bei einer Stichprobe mit nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Bewohnern geschaut, wie gut diese versorgt sind. Die Pflegebedürftigen kommen dabei ebenso zu Wort, wie die verantwortlichen Pflegefachkräfte. Die Interviews sollen "wesentlicher Bestandteil des neuen Prüfverfahrens" werden.

Bis Ende kommenden Jahres soll jede Einrichtung in Deutschland einmal geprüft worden sein. Die Ergebnisse der externen MDK-Prüfung und der internen Erhebung sollen den Verbrauchern nach und nach ab 2020 zur Verfügung stehen.

Wie bewertet der Medizinische Dienst die Qualität der Einrichtungen?

Die Ergebnisse der Experten-Besuche vor Ort und die Selbstauskünfte werden in vier Kategorien eingeteilt:

  • Keine Auffälligkeiten oder Defizite
  • Auffälligkeiten, die keine Risiken erwarten lassen - zum Beispiel, dass der betreffende Bewohner viel mobiler ist, als in den Unterlagen vermerkt.
  • Ein Defizit mit dem Risiko negativer Folgen - wenn etwa ein Bewohner Zeichen von Mangelernährung aufweist.
  • Defizit mit (negativen) Folgen - etwa, wenn ein Bewohner unterernährt oder dehydriert ist, ohne dass eine physische oder psychische Krankheit die Ursache dafür ist.

Zuletzt fließen noch allgemeine Informationen in die Bewertung mit ein, wie etwa die Ausstattung der Zimmer und Gemeinschaftsräume, der Zugang zum Garten, oder die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Anschließend werden die ermittelten Ergebnisse mit denen der anderen überprüften Heime verglichen, so dass man erkennen kann, ob die Leistungen besser oder schlechter sind als der Durchschnitt.

Werden Interessenten gute Heime von schlechten besser unterscheiden können?

Die Ergebnisse der Auswertung sollen künftig nicht in langen schwer interpretierbaren Zahlenreihen präsentiert werden, sondern als Datensatz für eine Software zur Verfügung stehen. Auf den Internetseiten der Pflegekassen sollen Verbraucher dann nach eigenen Prioritäten Informationen über die Einrichtungen abrufen können, die sie vergleichen wollen.

Verfügt der Pflege-TÜV über Möglichkeiten, mangelhafte Heime zu sanktionieren?

Dafür ist das System ausdrücklich nicht vorgesehen. Vielmehr erhoffen sich die Initiatoren einen intensiveren Dialog mit den Leitungsbüros und den Pflegekräften der Einrichtungen, um gemeinsam den Ursachen für festgestellte Missstände auf die Spur zu kommen. MDS-Geschäftsführer Peter Pick hofft, durch den Dialog mehr Bereitschaft dafür wecken zu können, die Probleme auch wirklich zu beseitigen. Wenn man feststelle, dass sich einzelne Probleme mit Hilfe des neuen Systems nicht beheben ließen, könne man immer noch nachsteuern, ergänzte GKV-Expertin Kücking.

Wie wird der neue Pflege-TÜV bewertet?

Insgesamt fiel das Echo auf die Pläne zunächst einmal positiv aus. In einem nächsten Schritt müsse das Begutachtungssystem aber so weiterentwickelt werden, dass "systematische Fehler in Pflegeeinrichtungen" entdeckt und bewertet werden könnten, sagte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK. Die neuen Qualitätsprüfungssysteme konzentrierten sich bisher zu sehr auf zufällige oder individuelle Fehler der Pflegekräfte.

Auch die fehlende Übersichtlichkeit wurde beanstandet. So hält die deutsche Stiftung Patientenschutz den neuen "Pflege-TÜV" zwar für notwendig. Allerdings bringe die Abschaffung der Noten und die neue Darstellung "nach Kreisen, Punkten und Quadraten" keine schnelle Übersicht, bemängelte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Er forderte für eine rasche Vergleichbarkeit bei der Pflegeheimsuche eine aussagefähige Gesamtnote und "K.o.-Kriterien". "Wenn Heime bei der Schmerztherapie, der Wundversorgung, dem Umgang mit Fixierung oder der Medikamentengabe durchfallen, muss dies für den Nutzer sofort erkennbar sein", hob Brysch hervor.

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