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11. Oktober 2012, 21:19 Uhr

Verfahren in Den Haag

Bauern verklagen Shell wegen Ölpest in Nigeria

Nigerianische Bauern machen Shell für die Öl-Verschmutzung in ihrem Land verantwortlich - und verklagen den Konzern. Das Unternehmen soll durch mangelhafte Wartung der Leitungen und daraus resultierenden Öllecks die Existenzgrundlage der Bauern und Fischer im Nigerdelta zerstört haben.

Den Haag - Vier nigerianische Bauern verklagen den Öl-Konzern Shell . Channa Samkalden, die Anwältin der Kläger, sagte vor dem Zivilgericht in Den Haag, dass Shell für die Verseuchung von Boden und Grundwasser in Nigeria verantwortlich sei. Der Konzern bestreitet die Vorwürfe und macht Sabotage für die Probleme verantwortlich.

"Shell hat die Leitungen nicht gut gewartet und die Schäden nicht beseitigt", sagte Samkalden. Damit sei das Unternehmen seinen gesetzlichen Pflichten nicht nachgekommen. Seit 2005 würden Grundwasser und Boden im Nigerdelta durch Öllecks verseucht. Dabei seien Millionen Barrel Öl ausgeströmt. Die Bauern und Fischer im Nigerdelta hätten dadurch ihre Existenzgrundlage verloren, so die Anwältin.

"Unser Trinkwasser ist verseucht, unser Fisch ist verseucht, und unsere Luft ist verseucht," sagte Eric Dooh, einer der Bauern, am Rande des Prozesses: "Ich erwarte Gerechtigkeit." Die Kläger fordern neben Schadensersatz zudem, dass der Ölkonzern entstandene Umweltschäden beseitigt, die Pipelines zu repariert und künftig besser instandhält.

Dem Gericht legten die Kläger Fotos, Videos und Studien vor. "Shell gibt selbst in einer eigenen Studie zu, dass die Leitungen nicht gut gewartet waren," sagte der Sprecher der Umweltschutzorganisation Milieudefensie, Geert Ritsema. Sie seien total verrottet. Milieudefensie hatte die Klage gemeinsam mit den Bauern angestrengt.

Shell drohen bei Verurteilung weitere Klagen in Milliardenhöhe

Shell wehrte sich gegen die Vorwürfe und gab an, dass die Schäden nach den ersten Lecks beseitigt worden seien. Für die Umweltschäden seien lokale Saboteure verantwortlich. Außerdem würden kriminelle Gruppen Löcher in die Rohre schlagen, um Öl zu stehlen - laut des Konzern täglich mindestens 150.000 Barrel Öl. Zuvor hatte Shell vergeblich angeführt, dass die niederländische Justiz nicht für den Fall zuständig sei.

Es ist das erste Mal, dass sich ein niederländischer Konzern in der Heimat für Umweltvergehen im Ausland vor Gericht verantworten muss. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, könnte dies nach Ansicht von Juristen zu weiteren internationalen Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe führen. Ein Urteil des Gerichts in Den Haag wird zum Jahresende oder zu Beginn des kommenden Jahres erwartet.

Die Bauern hatten die Klage bereits 2008 eingereicht, ein Jahr später erklärte sich das Gericht in Den Haag, wo Shell auch seinen Firmensitz hat, für den Fall zuständig. Das Unternehmen hatte angeführt, dass ein Subunternehmen in Nigeria allein für die Umweltverschmutzung verantwortlich sei. Umweltschützer werfen Shell vor, der Konzern nehme den Umweltschutz in Nigeria weniger ernst als in Europa oder in den USA.

Nach Angaben der Organisation Friends of the Earth ist die Öl-Verschmutzung in Nigeria doppelt schlimm wie im Golf von Mexiko 2010, als bei der Havarie der BP-Plattform Deepwater Horizon rund fünf Millionen Barrel Öl ins Meer flossen.

max/dpa/AFP

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