Nobelpreisträger Sargent und Sims Die Verteidiger der Vernunftmenschen

Wie rational ist die Wirtschaft? Gar nicht, meinen Kritiker nach der jüngsten Wirtschaftskrise. Ökonomen wie Christopher Sims und Thomas Sargent widersprechen. Nun ehrt das Nobelpreiskomitee die US-Forscher - und setzt damit ein beachtliches Zeichen.

Nobelpreisträger Sargent: Entscheidend sind die Erwartungen
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Nobelpreisträger Sargent: Entscheidend sind die Erwartungen

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Hamburg - Der Vorwurf ist nicht neu, doch zuletzt hat er wieder größere Wucht bekommen: Ökonomen gehen in ihren Modellen meist von rational entscheidenden Menschen aus. Doch an solchen Vernunftmenschen mangelt es häufig - auch in den vergangenen Jahren. Schließlich kauften vermeintlich rationale Investoren eifrig faule US-Hypothekenkredite und griechische Staatsanleihen, bis die Immobilienblase platzte und Griechenland dem Bankrott nahe war.

Nun müssen sich Ökonomen einmal mehr scharfen Spott gefallen lassen - etwa vom deutschen Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Menschen würden sich "nicht so benehmen, wie die meisten Ökonomen glauben", schrieb er kürzlich im SPIEGEL. "Dauernd kommt den bedauernswerten Forschern ihre Liebe zur Abstraktion in die Quere."

Angesichts solcher Kritik ist die Entscheidung zum diesjährigen Nobelpreis für Ökonomie umso beachtlicher: Mit Thomas Sargent und Christopher Sims werden zwei US-Forscher geehrt, die seit Jahrzehnten von grundsätzlich rational handelnden Akteuren ausgehen.

Auf dieser Annahme haben sowohl Sargent als auch Sims mathematische Modelle aufgebaut. Sargent ist zudem Teil eines Umbruchs in seiner Disziplin: In den siebziger Jahren gehörte er zu einer Reihe von Ökonomen, welche mit ihrer "neuen klassischen Makroökonomie" die damals vorherrschende Lehre von John Maynard Keynes kritisierten. Der erklärt ihrer Meinung nach zu wenig, aus welchen Motiven heraus Menschen ihre Entscheidungen treffen.

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Für "Neoklassiker" wie Sargent ist dagegen klar: Menschen handeln prinzipiell rational, indem sie ihren Nutzen maximieren. Entscheidend sind dabei Erwartungen, die sie über künftige wirtschaftliche Ereignisse haben: Erhöht die Zentralbank den Leitzins? Kommt die Rezession? Droht gar ein Staatsbankrott? Fragen also, die auch in der jetzigen Krise wieder entscheidend sind.

Aus Sicht von Ökonomen wie Sargent und Sims geschieht dieser Meinungsbildungsprozess rational. Die Menschen berücksichtigen alle wichtigen Informationen, und sie lernen mit der Zeit aus ihren Fehlern. In einem Lexikonbeitrag erklärt Sargent diese Annahme mit einem Zitat des früheren US-Präsidenten Abraham Lincoln, das mancher in abgewandelter Form auch von Reggae-Sänger Bob Marley kennen dürfte: "Man kann manche Menschen immer reinlegen und alle Menschen manchmal - aber nicht alle Menschen immer."

Brisant ist die Schlussfolgerung, welche Neoklassiker aus dieser Annahme ziehen: Die Politik hat demnach sehr begrenzten Einfluss auf die Wirtschaft, weil Investoren oder Konsumenten Entscheidungen und ihre Konsequenzen rechtzeitig vorhersehen. So können Zentralbanken nicht mit niedrigen Leitzinsen auf Dauer die Wirtschaft stimulieren - weil Verbraucher die steigende Inflation erwarten und deshalb höhere Löhne fordern.

Das ist eine unbequeme Ansicht in Zeiten, da die US-Notenbank mit einer Nullzinspolitik versucht, die Wirtschaft vor einem erneuten Absturz zu bewahren. Doch die Neoklassiker gerieten in der Krise selbst in die Kritik. Marktkritische Wirtschaftswissenschaftler wie Nobelpreisträger Paul Krugman hielten ihnen vor, dass ihre Modelle das oftmals irrationale Verhalten von Investoren nicht vorhergesehen hatten. Vergeblich versuchten die Ökonomen "den exakten Wissenschaften nachzueifern", bemängelt Hans Magnus Enzensberger in seinem SPIEGEL-Essay.

Sargent hat solche Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen. Es sei "einfach falsch zu sagen, dass diese Finanzkrise moderne Makroökonomen überrascht hat", sagte er 2010 im Gespräch mit einem Kollegen. Die Annahme rationaler Erwartungen sei zudem keine eigene Denkschule, zitiert ihn die "Financial Times", sondern ein weitverbreitetes Modell.

Und mit diesem Modell lassen sich zumindest Teile der europäischen Schuldenkrise erklären. So haben sich Investoren nach Ansicht von Sargent möglicherweise vor Italiens Beitritt zur Euro-Zone nicht deshalb auf die Anleihen des Landes gestürzt, weil sie künftig solide Haushaltspolitik erwarteten. Sondern weil sie schon damals ahnten, dass andere Euro-Staaten Italien eines Tages notfalls retten würden.



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limubei 10.10.2011
1. innerhalb des systems
Zitat von sysopWie rational ist die Wirtschaft? Gar nicht, meinen Kritiker nach der jüngsten Wirtschaftskrise. Ökonomen wie Christopher Sims und Thomas Sargent widersprechen. Nun ehrt das Nobelpreiskomitee die US-Forscher - und setzt damit ein beachtliches Zeichen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791059,00.html
wenn man vernunft als abwägung von risiken und möglichem gewinn sieht, so sind die handelnden in der entfesselten finanzwirtschaft (fast) alle vernünftig. usa mit 60% computerhandel und europa mit geschätzten 40% bewegen sich innerhalb programmierter sher vernünftiger algorithmen bezogen auf das system. sogar die einführung von hedgefonds ist vernünftig im sinne der handelnden und ausführenden. man kann in diesem sinne sogar soweit gehen, die später als ramschpapier bezeichneten produkte als vernünftig eingeführt zu sehen. die einführung wurde abgesichert von rating agenturen, an denen die ausgebenden finanzinstitute beteiligt sind/waren. aber hier hört dann auch die vernunft aus und wird zur gier nach exzessiven gewinnen unter brutalstmöglichem einsatz auch betrügerischer produkte, wie wir heute wissen. und die finanzindustrie bastelt sicherlich gerade and weiteren "vernünftigen" produkten. da politiker ja auch venunftsmenschen sind, lassen sie sich von den versprechungen nach vernünftiger vermehrung von geld gerne blenden, und handeln systembedingt vernünftig, bis das system nicht mehr funktioniert. so ist es sinnvoll, weiter alle diese vernunftsmenschen als solche zu sehen. sie sehen sich übrigens auch alle als solche. man führe sich nochmal die bilder der anhörungen in den usa vor augen. die grossen chefs der finanzinstitute waren sich bewusst, dass sie "too big to fail" waren. ganz vernünftig waren sie also. und die botschaft wurde politisch klar verstanden. deshalb ist auch die einführung der tobin steuer ganz unvernünftig.
Newspeak, 10.10.2011
2. ...
Ich finde Enzensbergers Standpunkt trifft die Realität eher. Ökonomen entwickeln eine pseudomathematische Theorie nach der anderen, immer auf irgendwelchen falschen Annahmen beruhend und haben dabei noch nicht einmal die Exponentialfunktion verstanden, daß nämlich Wachstum nicht grenzenlos sein kann und auch an sich keinen Wert darstellt. Eine Theorie des Kapitalismus müsste z.B. Faktoren enthalten, die das Ungerechte an dieser Ideologie repräsentieren. Für mich funktioniert Kapitalismus nur deshalb, weil er einen Wohlstandsgradienten voraussetzt, wenn einer gewinnt muß ein anderer verlieren und je größer die Gewinne sind, desto größer sind auch die Verluste und Verwerfungen auf der anderen Seite. Ökonomie rechnet aber immer nur mit den positiven Seiten des Kapitalismus, das Negative, das evtl. Anlaß zu einer Fundamentalkritik gäbe, wird verschwiegen. Ökonomen sind keine Wissenschaftler. Ökonomen sind die Propagandisten des herrschenden Wirtschaftssystems. Was sich allein schon daran zeigt, daß sie sich einen eigenen Nobelpreis erschlichen haben, der von Nobel selbst nie vorgesehen war. Aber wo das Geld sitzt, kann man sich eben alles kaufen. Die Hoffnung der Menschheit besteht am Ende im Irrationalen. Nämlich dann, wenn genügend Menschen davon genug haben und irrationalerweise damit anfangen Banken zu zerstören und Manager zu verjagen. Das geht ganz gewaltfrei. Man muß nur sein Geld von der Bank abziehen. Erfreulicherweise gibt es dann nämlich wirklich so etwas wie einen freien Markt, der sich dann einmal negativ auf die Banken auswirkt. Wenn die Summen groß genug werden, kann die Banken auch kein Staat der Welt mehr retten.
dbraaker 10.10.2011
3. re
Zitat von limubeiwenn man vernunft als abwägung von risiken und möglichem gewinn sieht, so sind die handelnden in der entfesselten finanzwirtschaft (fast) alle vernünftig. usa mit 60% computerhandel und europa mit geschätzten 40% bewegen sich innerhalb programmierter sher vernünftiger algorithmen bezogen auf das system. sogar die einführung von hedgefonds ist vernünftig im sinne der handelnden und ausführenden. man kann in diesem sinne sogar soweit gehen, die später als ramschpapier bezeichneten produkte als vernünftig eingeführt zu sehen. die einführung wurde abgesichert von rating agenturen, an denen die ausgebenden finanzinstitute beteiligt sind/waren. aber hier hört dann auch die vernunft aus und wird zur gier nach exzessiven gewinnen unter brutalstmöglichem einsatz auch betrügerischer produkte, wie wir heute wissen. und die finanzindustrie bastelt sicherlich gerade and weiteren "vernünftigen" produkten. da politiker ja auch venunftsmenschen sind, lassen sie sich von den versprechungen nach vernünftiger vermehrung von geld gerne blenden, und handeln systembedingt vernünftig, bis das system nicht mehr funktioniert. so ist es sinnvoll, weiter alle diese vernunftsmenschen als solche zu sehen. sie sehen sich übrigens auch alle als solche. man führe sich nochmal die bilder der anhörungen in den usa vor augen. die grossen chefs der finanzinstitute waren sich bewusst, dass sie "too big to fail" waren. ganz vernünftig waren sie also. und die botschaft wurde politisch klar verstanden. deshalb ist auch die einführung der tobin steuer ganz unvernünftig.
Es ist ein Fehler individuelle Rationalität mit gewissermaßen kollektiver Rationalität zwangsläufig gleichzusetzen. Aufgabe der Politik ist es einen Rahmen zu gestalten in dem Individuen für sich rationale Entscheidungen treffen die auch gesamtgesellschaftlich rational sind. Der Lösungsraum muss also ggf. durch staatliche Regulierung verkleinert werden wenn dieses Ziel anders nicht erreicht werden kann. Davon auszugehen dass individuell rationale Entscheidungen der Politiker zwingend rational hinsichtlich des Allgemeinwohl sind ist nebenbei bemerkt auch sehr gewagt wie wir täglich sehen. Ex post falsche Entscheidungen sind übrigens nicht zwingend irrational getätigt worden sondern meist auf Unwissenheit oder Unsicherheit zurückzuführen.
rolli 10.10.2011
4. Sind denn beim Spiegel nur Deppen als Redakteure?
Zitat von sysopWie rational ist die Wirtschaft? Gar nicht, meinen Kritiker nach der jüngsten Wirtschaftskrise. Ökonomen wie Christopher Sims und Thomas Sargent widersprechen. Nun ehrt das Nobelpreiskomitee die US-Forscher - und setzt damit ein beachtliches Zeichen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791059,00.html
Es gibt keinen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Wer etwas anderes behauptet ist ein Depp. Es gibt auch kein Nobelpreiskomitee, sondern lediglich eine Mount Perleringesellschaft, die der Schwedischen Reichsbank - übrigens eine Bank die mit Nazis kollaborierte - sagt, wem diese den Preis der Bank verleihen soll. Mit Nobel hjat das nix zu tun, ganz im Gegenteil. Die Familie Nobel hat gerichtlich erreicht, dass diese Gesellschaft den namen der Familie nicht zu diesem obskuren Zweck verwenden darf. rolli
TobiasCW 10.10.2011
5. Hm
Tja Pech gehabt. Professor soundso für Kognitive Wissenschaften in Deutschland hat die Hypothese bestätigt das die meisten Entscheidungen durch Intuition getroffen werden. Das heisst, man entscheidet sich für das was man am besten kennt, oder für das von dem man schonmal gehört hat oder sich schonmal dafür entschieden hat, etc, etc.(gibt ja genug beispiele). Wieso? Weil es zeit spart und evolutiv gesehen weniger nachteile fürs (über)leben bringt als rational zu denken. Vergleichen Sie einfach zwei Beispiele: Ein Mann muss zur Arbeit und muss sich entscheiden was er anziehen soll -> wenn er alle möglichkeiten und all sein wissen einsetzt und überlegt, wird er so gut wie nie fertig (soll ich was helles oder dunkles anziehen? was leichtes oder aggresives, wird es warm oder kalt werden, etc). Ein anderer Mann denkt intuitiv, nimmt einfach das was im am meisten gefällt und ist weg. Ein Wirtschaftsmodell aufzustellen das davon ausgeht das alle menschen, oder die meisten, Rational handeln (oder wie im Artikel: alles wissen und sich Rational zu entscheiden für das was am meisten nutzen bringt)ist genauso Schwachsinn wie eine dualistische teilung von Seele und Körper.
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