Mögliche US-Sanktionen Streit um Nord Stream 2 könnte zu Benzin-Engpässen führen

Die USA wollen das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 kurz vor der Fertigstellung mit Sanktionen torpedieren. Der Konflikt könnte nach SPIEGEL-Informationen in Deutschland die Treibstoffversorgung gefährden.

Von und


Die von den USA wegen der umstrittenen Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 angedrohten Sanktionen könnten in Deutschland zu Engpässen in der Versorgung mit Autobenzin und Flugzeugtreibstoff führen. Eine der größten Erdölraffinerien Deutschlands, die in Schwedt gelegenen PCK, warnte, sie könne in dem Fall gezwungen sein, den Betrieb einzustellen oder zumindest zu drosseln.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 46/2019
Der Nullzins frisst das Vermögen der Deutschen auf. Was man jetzt tun muss für sein Geld

Besonders Ostdeutschland und die Bundeshauptstadt Berlin mit ihren Flughäfen müssten dann wohl mit Lieferengpässen rechnen. Die Raffinerie ist mehrheitlich in der Hand des russischen Energiemultis Rosneft, der von möglichen Sanktionen betroffen wäre.

Ein namhaftes US-Unternehmen, das die Leitzentrale des Werks mitgeplant und gebaut hat und die Anlagen wartet, hat Rosneft Chart zeigen mitgeteilt, es werde die Leistungen einstellen, sollten die US-Sanktionen in den kommenden Wochen tatsächlich in Kraft treten. Die Raffinerie, die jeden Tag genügend Treibstoff herstellt, um 250.000 Autos, 60.000 Laster oder 50 Flugzeuge zu betanken, wäre dann nicht mehr zu steuern. "Eine sichere Versorgung des Umlandes samt der Flughäfen in Berlin wäre unmöglich", sagte ein Rosneft-Sprecher.

Nord Stream 2 soll eigentlich bis Ende des Jahres fertig sein. Hinter dem Projekt steht der russische Staatskonzern Gazprom, der die Hälfte der geplanten Gesamtkosten von 9,5 Milliarden Euro stemmen soll. Die andere Hälfte finanzieren fünf europäische Energieunternehmen: die BASF-Tochter Wintershall, OMV sowie Uniper, Royal Dutch Shell und die französische Engie. Die Behörden in Russland, Finnland, Schweden, Deutschland und Dänemark haben dem Projekt zugestimmt.

Banken ziehen schon vor Sanktionen Konsequenzen

Nord Stream 2 wird jedoch von den USA sowie einigen osteuropäischen und baltischen Staaten kritisiert. Sie fürchten, die Gasleitung könne die Abhängigkeit Mitteleuropas von russischer Energie verstärken. Die USA versuchen außerdem, ihr Flüssiggas LNG in Europa zu verkaufen. US-Präsident Donald Trump hatte angekündigt, Sanktionen wegen Nord Stream 2 prüfen zu wollen. Inzwischen ist ein Gesetzesentwurf formuliert, der vom US-Senat verabschiedet werden könnte.

Obwohl die Sanktionen noch nicht in Kraft getreten sind, spürt die PCK bereits Auswirkungen der US-Drohungen. So haben große deutsche Banken aus Furcht vor möglichen Konsequenzen angekündigt, die Kreditlinien von Rosneft nicht mehr verlängern zu können. Unternehmen wie Siemens Chart zeigen wollen offenbar keine weiteren Serviceaufträge für die Raffinerie übernehmen. Auf Anfrage des SPIEGEL wollte sich keines der Unternehmen konkret zu den Vorgängen äußern. Die Gefahrenlage hat Rosneft über den Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft auch der Bundesregierung zur Kenntnis gebracht.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht und welche Geschichten Sie bei SPIEGEL+ finden, erfahren Sie auch in unserem kostenlosen Politik-Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von den politischen Köpfen der Redaktion.



insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
asdf01 08.11.2019
1. Vertragsbruch?
Der Vertrag mit diesem Unternehmen muss im Falle der Einstellung der vertraglich vereinbarten Leisten natürlich sofort gekündigt und Regressforderungen geltend gemacht werden.
willibaldus 08.11.2019
2.
Dann werden die USA zu einer Gefahr für ünsere Energieversorgung? Da muss man sich wohl überlegen, ob man wirklich Verträgen mit US Firmen bezüglich LNG Lieferungen vertrauen kann. Die USA als Ganzes haben es ja schon nicht so mit Vertragstreue in letzter Zeit.
Bayuware1947 08.11.2019
3. Ein werte-freies Europa?
Wenige Beiträge davor lese ich, wie überschwänglich unsere Frau Bundeskanzlerin die USA hat hoch leben lassen. Und jetzt lese von Sanktionen dieser Supermacht der Vertrags- und Bündnistreue (letzteres bezieht sich auf die Kurden). Und ich musste wiederholt lesen und feststellen, dass Russland (bei aller Kritik gegen die politische Ausrichtung) seine übernommenen Verpflichtungen eingehalten hat. Das freie Europa mit seinen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hervorgehobenen Werteskala läuft Gefahr, immer mehr werte-frei zu werden. Der französische Präsident hat mit seiner NATO-Kritik vielleicht gar nicht so unrecht. Und auch da biedert sich Frau Merkel an. Es wird Zeit .......
tommirf 08.11.2019
4. Hoffentlich
Zitat von willibaldusDann werden die USA zu einer Gefahr für ünsere Energieversorgung? Da muss man sich wohl überlegen, ob man wirklich Verträgen mit US Firmen bezüglich LNG Lieferungen vertrauen kann. Die USA als Ganzes haben es ja schon nicht so mit Vertragstreue in letzter Zeit.
kapiert unsere Politik und unsere Industrie irgendwann einmal, daß wir uns unabhängig von den USA machen müssen, egal in welchem Bereich. Und hoffentlich schafft es die EU irgendwann einmal, unseren Europäischen Unternehmen und auch den Banken ( bei denen mein Mitleid allerdings nur begrenzt ist ) endlich ein funktionierendes Zahlungssystem zur Verfügung zu stellen, das ohne USA ( stw. SWIFT ) funktioniert, damit wir einfach mal nicht mehr erpreßbar sind.
Oberleerer 08.11.2019
5.
Zitat von willibaldusDann werden die USA zu einer Gefahr für ünsere Energieversorgung? Da muss man sich wohl überlegen, ob man wirklich Verträgen mit US Firmen bezüglich LNG Lieferungen vertrauen kann. Die USA als Ganzes haben es ja schon nicht so mit Vertragstreue in letzter Zeit.
Ja, natürlich sind die somit zur selbsterklärten Gefahr geworden. Jetzt liegt es aber in der Pflicht vom PCK (Petrolchemisches Kombinat ???) entsprechende Vorsorge zu treffen und kleinere Anbieter zu verpflichten, sonst bekommt man den CEO wg. Fahrlässigkeit dran. Solche unüberlegten Politiker-Aktionen ziehen eben immer Automatismen nach sich. Andererseits kann ein hoher Treibstoffpreis die Dekarbonisierung vorantreiben. Wenn wir das Benzin von PCK nicht mehr brauchen, brauchen wir auch kein LNG.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.