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02. Dezember 2013, 07:44 Uhr

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Was in der Wirtschaft wichtig wird

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Europas Regierungen schaffen es nicht, den Bankensektor aufzuräumen. Die Angst vor einer Dauerkrise geht um. In dieser Woche wird EZB-Chef Mario Draghi über sein weiteres Vorgehen informieren - und könnte neue Probleme heraufbeschwören.

Die EZB soll es richten. Keimende Hoffnungen auf einen spürbaren Aufschwung im Euro-Raum drohen wieder erstickt zu werden. Schwächliche Banken vergeben immer weniger Kredite an Unternehmen, wie Zahlen aus der vergangenen Woche belegen. Die Schulden sind immer noch zu hoch. Wieder mal ist von Deflation die Rede - ein Dauerkrisenszenario.

Was nun? In dieser Woche stehen die Notenbanken im Fokus, vor allem die Europäische Zentralbank und die Bank of England, die am Donnerstag über ihr weiteres Vorgehen befinden werden. Am Freitag gibt der US-Arbeitsmarktbericht Hinweise darauf, wann die Washingtoner Federal Reserve Bank aufhört, in großem Stil Staatsanleihen aufzukaufen.

Dabei wird deutlich: Bislang haben die großen Notenbanken einen ähnlichen Kurs gesteuert und damit die Welt vor dem Systemzusammenbruch bewahrt. Nun aber trennen sich ihre Wege. Das kann heftige Verspannungen rund um den Globus auslösen - Börsencrashs, Währungsturbulenzen, Kapitalflucht.

Wie abhängig die Welt vom permanenten Gelddoping durch die Zentralbanken ist, zeigte sich vor einigen Monaten, als der scheidende Fed-Chef Ben Bernanke zu Protokoll gab, ewig werde seine Behörde nicht so weitermachen können. Monat für Monat kauft sie US-Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Volumen von 85 Milliarden Dollar auf. Doch wenn sich die Lage der amerikanischen Wirtschaft weiter normalisiere, wenn die Arbeitslosigkeit weiter zurückgehe, so Bernanke, werde die Fed ihre Anleihekäufe irgendwann zurückfahren.

Eine eher vage Ankündigung. Doch die Angst vor einem Ende der ultralockeren Geldpolitik sandte heftige Schockwellen rund um den Globus. Die Währungen großer Schwellenländer stürzten ab. Von Indien über die Türkei bis nach Brasilien stiegen die Zinsen deutlich an.

Und die Gefahr ist keineswegs gebannt: Die EZB warnte kürzlich vor möglichen Rückwirkungen auf die Euro-Zone, falls es im Zuge des US-Rückzugs zu einer Krise in den Schwellenländern kommen sollte. Euro-Banken würden dann eine Menge Geld verlieren. Möglich, dass ein Crash an den sehr hoch bewerteten Aktienbörsen bevorsteht.

Was macht die EZB?

Auch das noch. Die Lage in Europa ist ohnehin wacklig. Die Verschuldungsgrade der Unternehmen und der Privatbürger sind immer noch auf Rekordniveau. Je länger die Krise dauert, desto mehr Kredite können nicht mehr bedient werden. Auf die Banken kommen riesige Abschreibungen zu.

Ökonomen befürchten ein übles Szenario: Schuldendeflation. Eine Abwärtsspirale: Hohe Schulden erdrosseln das Wachstum; die Preise sinken, was die Schulden noch unerträglicher macht. Die Wirtschaft schrumpft. Banken wanken. Investitionen sind nicht finanzierbar. Eine destruktive Dynamik, die an Japan erinnert - die Krise würde sich verfestigen, womöglich eine Generation lang. Es ist der nächste Akt der Euro-Horror-Show.

Weil es Europas Regierungen nicht schaffen, den Finanzsektor systematisch aufzuräumen - auch der mutmaßlich kommenden schwarz-roten Koalition fällt dazu nichts Wegweisendes ein -, soll die EZB das Schlimmste verhindern. Vorigen Monat hat sie bereits den Leitzins auf 0,25 Prozent gesenkt. Nun geht es um weitere Maßnahmen zur Geldvermehrung: Soll sie künftig für Einlagen eine Gebühr von den Banken verlangen, statt Zinsen zu zahlen? Soll sie erneut Mario Draghis "Dicke Berta" einsetzen - ein Programm, mit dem sie vor knapp zwei Jahren bereits eine Billion Euro in die Banken gepumpt hat? Kann sie Banken zur Kreditvergabe zwingen? Soll nun auch die EZB in großem Stil Anleihen von Staaten und Unternehmen aufkaufen? Am Donnerstag könnte Draghi bei seiner Pressekonferenz Hinweise auf die künftige Richtung geben.

Deutschlands Doppel-Turbo-Effekt

Eine Umkehr der Verhältnisse kündigt sich an. Bislang haben die Notenbanken in den USA und in Großbritannien deutlich freigiebiger Geld in die Welt gepumpt als die EZB. Nun möchten sich die Angelsachsen allmählich aus den Märkten zurückziehen, während die Frankfurter Euro-Bank bereit scheint, ihre relative Zurückhaltung aufzugeben.

Das hat Folgen: Der Dollar dürfte deutlich stärker werden. Dafür spricht übrigens auch Amerikas Öl- und Gasboom, der die USA zum Nettoexporteur von Energie machen wird. Der Euro hingegen dürfte 2014 abwerten.

Und Deutschland? Kommt in den Genuss eines Doppel-Turbo-Effekts. Ein schwächerer Wechselkurs begünstigt den deutschen Export. Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit nimmt noch weiter zu; die vielbeklagten Ungleichgewichte bilden sich unter diesen Bedingungen kaum zurück. Zugleich dürften die schon heute lächerlich niedrigen Zinsen noch weiter sinken. Solange allerdings die Unsicherheit über die weitere Zukunft anhält, droht das billige Geld eher in die Immobilienmärkte zu fließen - wo sich fröhlich und ungebremst eine Blase aufpumpt.

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