Notenbanker "Der Euro hat seine Chance verpasst"

Die Euro-Krise soll zur schärferen Kontrolle der Finanzzocker führen: Banker, Politiker und Experten beraten auf einer Konferenz in Berlin über neue Regeln. Adam Posen von der britischen Notenbank erklärt im Interview, wieso eine härtere Regulierung so lange dauert - und Spekulanten überschätzt werden.

Währungshändler (in Chicago): "Der Euro ist nicht verloren. Er ist weiter eine wichtige regionale Währung."
REUTERS

Währungshändler (in Chicago): "Der Euro ist nicht verloren. Er ist weiter eine wichtige regionale Währung."


Berlin - Die Bundesregierung dringt vor dem G-20-Gipfel Ende Juni in Kanada auf ein international abgestimmtes Vorgehen bei der Regulierung der Finanzmärkte. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) empfängt an diesem Donnerstag Politiker, Banker und Wissenschaftler zu einer internationalen Finanzmarktkonferenz - im Mittelpunkt der Beratungen der rund 220 Teilnehmer: Finanzmarktregulierung und -aufsicht. Zu den Teilnehmern wird auch Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel sprechen, die inzwischen eine internationale Finanztransaktionssteuer unterstützt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Posen, die EU und die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) sagen der Spekulation den Kampf an - passiert ist bisher wenig. Glauben Sie noch an eine internationale Regulierung der Finanzmärkte?

Posen: Es geschieht doch einiges. Die G20 sind dabei, den unkontrollierten Handel mit Derivaten zu regulieren. Man will höhere Eigenkapitalstandards für Banken vereinbaren. Und man will die Spekulation mit sogenannten Credit Default Swaps eindämmen, die eigentlich als Versicherung für Aktien- und Finanzgeschäfte gedacht sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber konkret beschlossen wurde in der G20 so gut wie nichts. Hat sie versagt?

Posen: Nein. Das Ganze ist ein Prozess. Es steigt ja nicht Moses vom Berg herunter mit den zehn Geboten, die immer gelten. Auf G-20-Treffen verhandeln Hunderte Staatsvertreter unzählige Themen. Jedes Land hat sein Anliegen. Vor allem die USA neigen dazu, ihre Themenliste kurz vor dem Gipfel noch einmal komplett umzuwerfen. Nichtsdestotrotz bemüht man sich doch.

SPIEGEL ONLINE: "Er hat sich bemüht" ist in deutschen Arbeitszeugnissen ein Synonym für "Er hat versagt". Geht die Regulierung der Finanzmärkte nicht viel zu langsam vorwärts?

Posen: Es geht nicht um Schnelligkeit, sondern um Nachhaltigkeit. Wir wollen eine Struktur, die funktioniert. Und wir haben etwas Zeit. Banken und Versicherer sind geschwächt und schockiert von dem, was passiert ist. Deshalb sind sie vorübergehend vorsichtig, nutzen Regulierungslücken nur sehr begrenzt aus. Mittelfristig kann Politik durchaus viel ausrichten. Das zeigt schon die Tatsache, dass Finanzinstitute extrem viel Kraft und Geld für Lobbying investieren. Warum sollten sie das tun, wenn die Politik ohnehin nichts ausrichten kann?

SPIEGEL ONLINE: Der Finanzinvestor George Soros spekulierte in den Neunzigern gegen das Pfund und zwang Großbritannien so, das Europäische Währungssystem zu verlassen. In New York sollen sich jüngst Hedgefonds-Manager für eine Attacke gegen den Euro zusammengetan haben. Sorgt Sie das nicht?

Posen: Auch Soros handelte nicht alleine. Sicher: Wenn jemand heute genug Euros auf den Markt werfen würde, könnte er die Abwertung der Währung beschleunigen. Aber er muss das Geld dafür auch erst einmal haben. Ich glaube nicht, dass sich eine solche Attacke lohnen würde. Sie nehmen diese Leute wirklich zu ernst.

SPIEGEL ONLINE: Jedes G-20-Treffen hatte bislang ein Modethema. Mal ist es die Bankenabgabe, mal eine Finanzmarkttransaktionssteuer auf Börsengeschäfte, dann eine Finanzaktivitätssteuer auf Bankengewinne. Unser Eindruck ist: Keine dieser Maßnahmen wird je umgesetzt.

Posen: Vielleicht wird auf diesem Gipfel noch kein konkreter Beschluss gefällt. Aber womöglich auf einem der nächsten. Mein Favorit unter denen, die Sie gerade genannt haben, ist die Finanzaktivitätssteuer, weil sie am leichtesten umzusetzen wäre und am besten funktioniert. Unter gewissen Bedingungen habe ich auch Sympathien für eine Bankenabgabe.

SPIEGEL ONLINE: Ein wichtiger Punkt sind strengere Eigenkapitalvorschriften als Risikopuffer für Banken - Stichwort Basel II (mehr auf Wikipedia...). In den USA ist diese Regelung noch gar nicht eingeführt, trotzdem diskutiert man jetzt über Basel III. Was bringen solche Vorschriften, wenn der wichtigste Finanzstandort nicht mitzieht?

Posen: Wenn eine Bank zu hohe Risiken eingegangen ist, bleiben am Ende die Nationalstaaten auf den Kosten sitzen. Also ist es sinnvoll, die eigenen Geldinstitute zu stärken, auch wenn die USA das nicht tun.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers lag die Finanzwelt in Trümmern. Jetzt sorgen wir uns um Griechenland und den Euro. Stehen wir vor der nächsten großen Krise?

Posen: Es sah für einen Moment so aus. Die Banken hatten wieder Probleme, Cash aufzutreiben. Manche fürchteten einen panikartigen Verkauf von Staatsanleihen. Deshalb hat die ganze Welt Druck auf die Euro-Zone ausgeübt: Großbritannien, der Internationale Währungsfonds, Japan, die USA. Aber durch den Rettungsschirm ist diese Gefahr gebannt worden.

SPIEGEL ONLINE: Der Euro-Kurs ist aber auch nach dem Beschluss für den Rettungsschirm gefallen. Was ist, wenn sich diese Dynamik nicht stoppen lässt? Noch mehr Geld als 750 Milliarden Euro kann die Gemeinschaft kaum bereitstellen, Europa hat sein Pulver verschossen.

Posen: Es gibt noch viele Möglichkeiten, Wirtschaft und Währung zu stabilisieren. Die Euro-Zone kann noch stärker sparen. Sie kann wirtschaftliche Ungleichgewichte innerhalb der Gemeinschaft bekämpfen. Deutschland zum Beispiel lebt vor allem vom Export und vernachlässigt den Binnenkonsum. Die Bundesregierung könnte das ändern, indem sie für höhere Löhne sorgt.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Vorschlag hat schon die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde für Empörung gesorgt. Die Bundesregierung kann doch die Lohnfindung nicht beeinflussen.

Posen: Ich erinnere mich noch sehr gut, wie die deutsche Politik die Menschen jahrelang zur Lohnzurückhaltung aufforderte. Sie sollte mittelfristig Druck in die andere Richtung ausüben.

SPIEGEL ONLINE: Mitten in der Wirtschaftskrise dürfte das reichlich Protest von Unternehmern auslösen.

Posen: Ich sage nicht, dass es einfach ist oder schnell umsetzbar wäre. Aber der Euro ist nicht verloren. Er ist weiter eine wichtige regionale Währung. Natürlich hat er die Chance erst einmal verpasst, zur echten Weltwährung zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wann gab es die denn?

Posen: Vor eineinhalb Jahren. Da war der Dollar im Sturzflug, und der Euro hatte im Gegenzug lange für Preisstabilität gesorgt. Aber die Euro-Gruppe war zu schüchtern. Der Mut oder die Kraft für eine solche Rolle haben gefehlt. Man hätte zum Beispiel ernsthaft über gewisse Finanztransfers in schwächere Regionen der Euro-Zone nachdenken müssen, um für langfristige Stabilität zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Solche Finanztransfers sind nach EU-Recht verboten.

Posen: Über die Europäische Zentralbank finden sie aber de facto statt. Sie kauft jetzt Staatsanleihen der besonders hochverschuldeten Staaten - dadurch sinken die Zinsen für diese Papiere. Die Zinsen der anderen Länder aber steigen. Das ist nichts anderes als ein Transfer.

Das Interview führte Anne Seith.



insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Core Dump, 20.05.2010
1. Und was macht der brit. Pfund?
Duempelt vor sich hin, spielt auf der Welt immer weniger eine Rolle, und das Land ist in einem geschichtstraechtigen Schuldenstrudel, und als hoeriges Mitglied der angelsaechsischen Finanzachse auch noch einer Hauptantreiber des Finanzcrashes. Da kann er als guter Brite ntuerlich kein gutes haar am Euro lassen, zumal er seinen Posten ja auch ziemlich ueberfluessig machen wuerde. Als sonderlich objektiv kann man ihn also wohl nicht pauschal einschaetzen.
christiane006, 20.05.2010
2. es gibt viele Meinungen
Zitat von sysopDie Euro-Krise soll zur schärferen Kontrolle der Finanz-Zocker führen: Banker, Politiker und Experten beraten auf einer Konferenz in Berlin über neue Regeln. Adam Posen von der britischen Notenbank erklärt im Interview, wieso eine härtere Regulierung so lange dauert - und Spekulanten überschätzt werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695647,00.html
die Menschen unterschätzen die Spekulanten wohl eher nicht, deshalb erhalten sie im Volksmund auch so hübsche Spitznamen, wie Heuschrecken, Raubtiere und personifiezierte Gier. Ich erinnere mich an ein Protestplakat, das amerikanische Bürger nach dem Lehmann Desaster, bei einer Demo in der Wall Street mitgeführt haben, darauf stand: " Jump your Fuckers " Die Menschen haben eine Meinung dazu, die sollte man auch nicht unterschätzen, denn letzlich sind diese Betroffenen an Zahl den Gierigen deutlich überlegen, dies kann Folgen haben, wie wir aus der Geschichte wissen.
derletztdemokrat 20.05.2010
3. Unfähig
Banker, Politiker, Spekulanten stecken alle unter einem Hut. Seit Jahren war doch jedem, der bis 100 zählen kann, klar was dabei heraus kommt. Mit Boulevardpresse lesen und immer die gleichen Parteien wählen, und im TV nur noch die unsäglichen Unterhaltungssendungen sehen, führt eben unweigerlich dahin, wo wir heute sind. Und mit Schlafmützenpolitikern gehts es immer weiter bergab.
Wortkarg, 20.05.2010
4. Zitat des Tages
---Zitat von SPIEGEL ONLINE aka A.Seith--- "Die Bundesregierung kann doch die Lohnfindung nicht beeinflussen." ---Zitatende--- Selbst für die Economy Klasse des Wirtschaftsteils ist diese Aussage etwas gewagt. Allerdings: Als Realsatire geht das noch durch, und kommt deswegen in meine 'lustige Lesezeichen' Liste.
Volker Gretz, 20.05.2010
5. Lohnsenkung
Zitat von WortkargSelbst für die Economy Klasse des Wirtschaftsteils ist diese Aussage etwas gewagt. Allerdings: Als Realsatire geht das noch durch, und kommt deswegen in meine 'lustige Lesezeichen' Liste.
" Zitat von SPIEGEL ONLINE aka A.Seith "Die Bundesregierung kann doch die Lohnfindung nicht beeinflussen."" Ja. Wirklich irre. 1-Euro-, Mini-, Midi-Jobs > Lohnsenkung Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung der Sozialsysteme > Lohnsenkung Leistungskürzung Kranken- / Arbeitslosenversicherung > Lohnsenkung Rentenkürzung > Lohnsenkung Ausweitung Leih- / Zeitarbeit > Lohnsenkung ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.