Nürnberg und die Quelle-Pleite Crash in der Katastrophenzone

In Nürnberg und Fürth herrscht Endzeitstimmung: Weil Quelle dichtmacht, stehen mit einem Schlag 4000 Menschen auf der Straße. Die Region droht zum bayerischen Krisenherd zu werden - nach dem Aus für AEG und Grundig ist es die dritte Mega-Pleite innerhalb weniger Jahre.

DPA

Aus Nürnberg berichtet


Eine Region im Ausnahmezustand: Die Arbeitsagentur hat eine Notfall-Task-Force gebildet. 24 Mitarbeiter sind schon früh am Morgen in die Quelle-Büros in Nürnberg und Fürth gefahren, um den fassungslosen Mitarbeitern vor Ort zu zeigen, wie sie schnellstmöglich an Arbeitslosengeld kommen. Auch in der Bevölkerung versucht man zu helfen, wo es geht. Ein Fürther Malermeister hat spontan 10.000 Euro gespendet, Mittelständler bieten Arbeitsplätze im Rathaus an, ein Pfarrer versuchte, den fassungslosen Opfern der plötzlichen Pleite bei einer Andacht Trost zu spenden. Das schwarze Balkenkreuz, an dem sie Zettel mit ihren Ängsten anbringen durften, steht immer noch.

Mit der Liquidation von Quelle verlieren allein Anfang November 4000 Menschen ihren Job, mit einem Schlag, "das gab es in der Republik noch nie", sagt der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD). Es sei schon eine Herausforderung, allen "ein halbwegs würdevolles" erstes Beratungsgespräch zu ermöglichen, sagt Jung. Auf dem Firmengelände soll neben einem provisorischen Arbeitsamt auch eine psychologische Notfallbetreuung eingerichtet werden.

Das Aus des Versandhauses ist für die Region eine Katastrophe. Oft stehen ganze Familien vor den Trümmern ihrer Existenz, weil beide Ehepartner und womöglich noch die Kinder bei Quelle angestellt waren. Wer nicht selbst betroffen ist, kennt irgendwen, den es erwischt hat. "Meiner Frau und mir sind allein in fünf Minuten sieben Bekannte eingefallen", sagt Bürgermeister Jung.

Rainer Bomba, Chef der bayerischen Arbeitsagentur, rechnet damit, dass die Arbeitslosenquote in Nürnberg von 8,8 auf 12 Prozent im November nach oben schießt. Und das ist erst der Anfang. Die vielen Zulieferbetriebe, die von Quelle abhängig sind, und die ganzen Dienstleister sind noch gar nicht auf der Rechnung. Sicherheits- und Reinigungsfirmen, der Brötchenlieferant und der Metzger beim Firmengelände. Zu allem Unglück kommt noch die Rezession, die erst mit Verspätung auf den Jobmarkt durchschlägt. "Das wird ein harter Winter", sagt Bomba.

Die große Krisenregion Bayerns

Ver.di-Handelsexperte Johann Rösch warnt, Nürnberg und Fürth könnten zu "der großen Krisenregion von Bayern" werden. In der stark von der Export- und Zulieferindustrie geprägten Gegend haben jetzt schon überdurchschnittlich viele Betriebe Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt - insgesamt mehr als 32.000. Im Vorjahr waren es gerade mal 370. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist eine der höchsten in Bayern.

Die Region hat in den vergangenen Jahren einiges mitgemacht, die Liquidierung von Quelle ist schon die dritte Mega-Pleite. 2003 war der Traditionshersteller Grundig endgültig am Ende, nach einem jahrelangen "langsamen Sterben", wie es Arbeitsagentur-Chef Bomba formuliert. 8000 Menschen verloren allein in Fürth im Laufe der Zeit ihren Job. 2007 machte dann auch noch das Traditionswerk der AEG in Nürnberg dicht, weil die Wasch- und Spülmaschinenproduktion nach Osteuropa verlagert wurde. Erneut standen 1700 Menschen auf der Straße.

Weil das Ende der Traditionsunternehmen absehbar war, haben Nürnberg und Fürth ihre Wirtschaft stark auf Dienstleistungen und vielversprechende Zukunftssparten getrimmt. Längst gibt es in den Städten große Mittelständler, Folienhersteller, Maschinenbauer, Elektro- und Auto-Zulieferfirmen.

Viele sind nur unzureichend ausgebildet

In der bayerischen Staatskanzlei wird zudem seit dem Sommer an einem Strukturprogramm für die Region gebastelt. Zukunftsträchtige Firmen etwa im Energiebereich oder der Nanotechnologie sollen gepäppelt werden. "Cluster" will man fördern, wie es auf Neudeutsch heißt. Bürgermeister Jung aus München hofft nach der Quelle-Pleite auf Zuschüsse "im Bereich von hundert Millionen Euro", wie er mit fester Stimme erklärt. Die Staatskanzlei will sich derzeit jedoch nicht auf Summen festlegen. Man müsse die nächste Steuerschätzung im November abwarten, sagt ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE.

Das Problem ist: Die Menschen, die bei großen Pleiten ihren Job verlieren, passen oft nur schwer in die Hochtechnologie-Cluster-Welt, die mit öffentlichen Geldern geschaffen wird. Von den ehemaligen AEG-Beschäftigten etwa fand nur die Hälfte wieder Arbeit. Auch bei der Quelle-Belegschaft wird es schwer. Das "Gros" sei nur begrenzt ausgebildet und schon seit vielen Jahren bei Quelle angestellt, sagt Arbeitsagentur-Chef Bomba. So werde es wohl lediglich bei "einigen hundert" Fachkräften mit gutem Lebenslauf recht schnell gehen - obwohl es in der Region rein statistisch 10.000 offene Stellen gibt.

In Fürth hofft Bürgermeister Jung deshalb auf öffentliche Hilfe. Umschulungsprogramme könnten Quelle-Mitarbeiter etwa zu neuer Arbeit im Sozial- und Gesundheitsbereich verhelfen, denkbar wären auch mehr bezuschusste Jobs. Zusätzliches Wachpersonal in den öffentlichen Verkehrsmitteln etwa oder Hilfskräfte fürs Altersheim. Die Gewerkschaft Ver.di fordert Finanzspritzen für eine Transfer- oder Qualifizierungsgesellschaft, die den Entlassenen zurück auf den ersten Arbeitsmarkt hilft.

"Wir werden nicht für jeden etwas tun können"

In der Nürnberger Arbeitsagentur setzt man außerdem auf einen baldigen Aufschwung. Wenn die Konjunktur stark anziehe, "trocknen die Arbeitsmärkte in manchen Gegenden Bayerns schnell aus", sagt Bomba. Manch eine Region suche dann verzweifelt nach Personal, auch nach ungelerntem. "Das wird uns in Nürnberg helfen." Doch auch Bomba sagt offen: "Wir werden definitiv nicht für jeden etwas tun können."

Und auch das, was man tun kann, ist eine Frage des Geldes. Die Höhe der Zusagen aus Berlin und Bayern werden allerdings auch davon abhängen, wie groß der Druck der Öffentlichkeit ist. Viele Nürnberger fürchten nun, dass angesichts der miesen Zeiten das Entsetzen der Deutschen über das Quelle-Drama nicht lange anhalten wird.

"Das wird sein wie damals bei AEG", sagt ein Taxi-Fahrer. "Erst großes Geschrei, und ein paar Monate später ist alles vergessen." Zumindest jenseits der Stadtgrenzen.



insgesamt 679 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
japan10 03.07.2009
1.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Da hat sich wohl Herr Seehofer weit aus dem Fenster gelehnt. Quelle, wieder ein Beispiel für Größenwahn (Arcandor).
Harald E, 03.07.2009
2.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Schon blöd, wenn man nicht systemrelevant ist. (Danke Fr. Merkel....hassu gut gesagt....aber die Einschläge kommen näher) Oh.....und es ist noch lang...sooo lang bis zur Wahl.
bedenkenträger2 03.07.2009
3. ...
Wie gehts weiter bei Quelle? Hoffentlich ohne Staatsknete. Staatshilfe für den Handel - was für ein Unsinn! Der Handel hat doch den leichtesten Part im Kapitalismus, er muss keine Dinge herstellen, schafft keine Werte, sondern er selektiert und verhökert. Der Handel ist doch quasi der Zuhälter der Industrie. Systemirrelevanter geht doch gar nicht. Wenn es eine Branche gibt, wo man (zurecht) sagt: "Ihr müsst alleine klarkommen!" dann ist das doch der Handel! Wer im Handel nicht klarkommt, hat versagt, hat nicht flexibel auf neue Konsumgewohnheiten reagiert. Das Arbeitsplätze-Argument darf nicht überall gezogen werden, der Staat ist bereits der größte Arbeitgeber im Land. Außerdem: Der Großteil der bei Quelle erhältichen Produkte ist doch (ich übertreibe mal rethorisch) zu 90 % "Made in China"; also, erst kaufen wir dort die chinesischen Produkte, und dann subventionieren wir auch noch deren Vertriebswege?!
Querspass 03.07.2009
4. Druckerei stoppt Quelle-Katalog
Obwohl ich der Bezirksleiterin der Sammelbesteller vor 9 Jahren und wiederholt mitgeteilt habe, daß 1 Hauptkatalog reicht, kommen halbjährlich SIEBEN FÜR DIE TONNE. Allein mit der Katalogdruckerei ist kein Umsatz zu machen. Und die Onlinepräsenz klemmt dauernd, es macht manchmal keinen Spaß! Außerdem, wer garantiert, daß die Briten (Mutterkonzern) die Staatsknete nicht abziehen? Soviel mir bekannt ist, hat die Plünderung der Konten zur Insolvenz geführt.
Caiman, 03.07.2009
5. Wahrscheinlich gar nicht...
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Wer ist eigentlich auf die grandiose Idee gekommen, mit 50 Mios einen Katalog auf Pump zu finanzieren, aus dem niemand mehr was bestellt, weil er nicht weiss, ob er überhaupt Ware erhält? Ach ja, das war der andere Horst "WER?"...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.