Aktion "Rolling Jubilee" Occupy-Aktivisten befreien Kranke von Millionen-Schulden

Ein außerordentliches Projekt feiert einen Erfolg: Aktivisten der Bewegung Occupy Wall Street haben gut 400.000 Dollar Spenden eingesammelt - und damit Schulden kranker US-Bürger getilgt. Bislang haben sie die Betroffenen um 15 Millionen Dollar entlastet.

Occupy-Protest in New York: "Öffentliches Erziehungsprojekt"
REUTERS

Occupy-Protest in New York: "Öffentliches Erziehungsprojekt"


Hamburg - Eine Splittergruppe der Bewegung Occupy Wall Street erringt einen symbolträchtigen Erfolg. Man habe rund 15 Millionen Dollar Schulden getilgt, gaben die Aktivisten bekannt. Und man habe dafür gerade mal 400.000 Dollar ausgeben müssen.

Die Aktion trägt den Titel Rolling Jubilee. Im Kern geht es darum, das Finanzsystem mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ökonomen wie Occupy-Urvater David Graeber sehen in der hohen Verschuldung von Staaten und Privatleuten die Wurzel allen Übels - und plädieren für einen Neustart. Gläubiger sollen ihren Schuldnern möglichst viele Verbindlichkeiten streichen, fordern sie.

Da das in der realen Welt nicht funktioniert, starteten Occupy-Aktivisten, darunter Professor Andrew Ross von der New-York-Universität, am 15. November 2012 die Bewegung Rolling Jubilee. Sie sammelten Spenden und kauften damit Schuldpapiere. Die Bonds waren billig zu haben, weil bei den betroffenen Schuldnern wenig Hoffnung bestand, dass sie ihre Verbindlichkeiten je ganz zurückzahlen können. Die Gläubiger, die auf den Papieren saßen, waren zufrieden, wenigstens einen Teil ihres Geldes wiederzubekommen. Angebot und Nachfrage, soweit der knallharte Kapitalismus.

Nur dass es den Aktivisten nicht darum ging, aus den gekauften Bonds Profit zu schlagen. Sie wollten nur die Schuldner von ihrer Last befreien. Die Aktion lief erfolgreicher als vermutet. Man habe ursprünglich erwartet, Schulden in einem Verhältnis von 1:20 zu tilgen, sagte Ross dem "Guardian". "Tatsächlich konnten wie die Schulden viel billiger kaufen."

15 Millionen Dollar, das ist nichts weiter als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aktuellen Schätzungen zufolge sind etwa drei von vier US-Haushalten verschuldet, mit insgesamt rund einer Billion Dollar. Die Aktion wird die Probleme der Welt nicht lösen, da macht sich Ross keine Illusionen. Aber sie kann sie zumindest ein klein wenig besser machen.

Man habe vor allem Schulden für medizinische Versorgung getilgt, sagte Laura Hanna, eine Organisatorin von Rolling Jubilee. "Niemand sollte bankrott gehen, weil er krank ist."

Die Aktivisten wollen ein Zeichen setzen, wollen Nachahmungstäter inspirieren. Rolling Jubilee ist eine Referenz an das kirchliche Jubeljahr, in dem der Papst den Gläubigen vollständigen Ablass gewährt. In dem Sünden vergeben, Schulden erlassen, Sklaven befreit werden. Ross wählt eine weniger biblischen Begriff. Er nennt es "öffentliche Erziehung".

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
PeterPe 13.11.2013
1. Sicher nett, aber keine revolutionaere Tat
Hier wird nicht der Kapitalismus mit eignen Mitteln geschlagen, sondern den gieriegen Glaeubigern letztendlich (etwas) Geld gegeben. Ich kann da nichts revolutionaeres drann sehen.
Tamarind 13.11.2013
2.
Mit der gleichen Idee arbeitet in Deutschland die Marianne von Weizsäcker Stiftung, eine Integrationshilfe für ehemals Süchtige. Mit einem absolut verblüffenden, vergleichbaren Erfolg. Ohne solche Hilfen würden diese Menschen, selbst wenn sie niemals mehr zu Drogen greifen, kaum noch finanziell auf die Beine kommen, sondern nur noch für die Tilgung Bankschulden arbeiten, was sehr demotivierend und deprimierend sein dürfte.
spon-facebook-10000009156 13.11.2013
3. Wir brauchten keine Schulden zu haben wenn die Reichen helfen würden
"Die Vermögenskonzentration hat in den letzten Jahren weiter zugenommen", sagt Markus Grabka vom DIW in der nüchternen Sprache des Wissenschaftlers. Was er und seine Kollegen nachweisen können, ist eine wahrhaft revolutionäre Umverteilung nach oben: 1970 gehörten dem reichsten Zehntel der Gesellschaft 44 Prozent des gesamten Vermögens. Ihr Anteil ist inzwischen auf über 66 Prozent angewachsen. Der Vermögensschatz der Deutschen ist seit 1970 deutlich gestiegen. Der Zuwachs landete jedoch vor allem bei denen da oben. Zur Erinnerung: Auch 1970 herrschte in der Bundesrepublik kein Kommunismus, sondern eine funktioniernde Marktwirtschaft mit deutlicher Ungleichheit. Quelle: http://der-oekonomiker.blogspot.de/2012/04/standpunkt-207-reichtum-fur.html Selbst wenn die Geldelite die Staatsverschuldung tilgen würde, wäre man immer noch reich genug. Lieber buckeln wir uns alle kaputt und schlagen uns die Köpfe ein und der Euro und Europa war nur ein Traum und bricht zusammen. Wir brauchen einen Schnitt und einen Neuanfang in Europa. Doch erst muss alles zusammenbrechen, erst dann werden wir wach!! Es gibt genug Reiche auch in Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich, die helfen könnten. Das Bild der angeblich bankrotten Regierungen vieler Länder Europas täuscht. Betroffen sind dabei eben nur die Regierungen – aber nicht die Bürger. Die schwimmen geradezu im Geld. http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/article-reichtum-durch-arbeit-ist-etwas-fur-anfanger-107613345.html
heyheymymy 13.11.2013
4.
Zitat von PeterPeHier wird nicht der Kapitalismus mit eignen Mitteln geschlagen, sondern den gieriegen Glaeubigern letztendlich (etwas) Geld gegeben. Ich kann da nichts revolutionaeres drann sehen.
Was haben Sie denn gestern getan um die Lebenssituation fremder Menschen zu verbessern, und was wäre denn ihrer Ansicht nach eine revolutionäre Alternative? Davon ab wurde nicht nur etwas Geld in den Rachen der Raffgeier geworfen, sondern auch Menschen in schwierigen Situationen eine Perspektive verschafft. Ihre Betrachtungsweise halte ich für sehr einseitig.
hdudeck 13.11.2013
5. Gute Idee, leider haben die Glaeubiger immer noch einen,
wenn auch kleinen Vorteil davon. Eigentlich sollten Regierungen diesen Weg gehen, hilft mehr als directe Hilfen an die Betroffenen.
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