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Occupy in Frankfurt: Mit Polizeieskorte aufs Dixi-Klo

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Polizeisperre in Frankfurt "Occupy hat schon gewonnen"

Endzeitstimmung im Bankenviertel: Mit Demonstrationsverbot, zugenagelten Schaufenstern und massivem Polizeieinsatz will sich Frankfurt vor den Occupy-Demonstranten schützen. Doch die tun das Subversivste, was in dieser Lage möglich ist - sie bleiben weitgehend friedlich. 

Um 9.20 Uhr war für Leon Wagner die Reise erst einmal vorbei. Er saß in einem der Busse von Berlin nach Frankfurt, die die Occupy-Bewegung organisiert hatte. In der Nacht waren sie gestartet, ein bunter Haufen Demonstranten, doch am Bad Homburger Kreuz winkte die Polizei sie raus.

"Polizisten standen dicht gedrängt im Mittelgang des Busses", berichtet Leon. "Sie hatten ihre Helme auf, die meisten blickten stur geradeaus. Manche waren nett und redeten mit uns, wurden dann aber von der Einsatzleitung zurechtgewiesen." Ein paar Stunden lang sei das so gegangen. Wer mal musste, sei von einer Polizeieskorte zum Dixi-Klo geleitet worden.

"Später haben sie Videoaufnahmen von jedem einzelnen von uns gemacht", sagt Leon. "Sie haben unsere Personalien aufgenommen. Und uns ein Aufenthaltsverbot für den Großraum Frankfurt erteilt." Leon zeigt den Behördenvermerk, ein schwarzer Balken umrahmt die Verbotszone von der City bis zum Friedhof vier Kilometer weiter im Norden.

"Sie haben gesagt, ich stelle eine Gefahr da. Man dürfe mich präventiv davon abhalten, etwas Gefährliches zu tun." Leon, der später mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiter nach Frankfurt fuhr, wirkt nicht gerade wie ein Gewalttäter. Er ist ein junger Mann, Anfang 20, Studententyp mit kurzen lockigen Haaren und einer Regenjacke. Nicht alles, was er sagt, lässt sich im Detail nachprüfen, doch seine Schilderungen decken sich mit denen vieler anderer Menschen, die sich derzeit in der Frankfurter City aufhalten.

Paranoia in Frankfurt

In der Stadt herrscht eine teils ins Absurde verzerrte Paranoia. Das Viertel um die Europäische Zentralbank (EZB) ist weiträumig abgesperrt, die Deutsche Bank von einem Bauzaun abgeschirmt, Passanten werden gefilzt, Demonstranten gefilmt. Tag und Nacht heulen die Martinshörner.

Das Polizeigroßaufgebot scheint nicht so ganz zur tatsächlichen Gefahr zu passen. Vielleicht haben die Beamten in puncto Gewaltvermeidung einfach einen guten Job gemacht. Vielleicht aber ist der Einsatz gegen ein buntes Demonstrationsvolk, das hauptsächlich aus Anwohnern, Studenten, pinkhaarigen Punks und jonglierenden Rastamännern zu bestehen scheint, auch einfach übertrieben.

Von Mittwoch bis Samstag wollten allerlei Protestgruppen friedlich demonstrieren. Auf dem Programm standen unter anderem Lesungen des Anarcho-Anthropologen David Graeber und ein Konzert von Konstantin Wecker. Doch dann gab die Polizei eine Gefahrenwarnung aus. Sie fürchtete ähnlich heftige Krawalle wie Ende März.

Damals hatten gewaltbereite Demonstranten des schwarzen Blocks in der Innenstadt zahlreiche Scheiben eingeschlagen, hatten Polizisten verletzt, Polizeiautos angezündet. Die Aktionen an diesem Donnerstag und Freitag wurden deshalb verboten, inklusive einer Demonstration für das Recht der Demonstrationsfreiheit. Nur ein Protestmarsch am Samstag wurde gerichtlich erlaubt.

Friedlicher Protest

Protestiert wird freilich dennoch - und zwar bislang weitgehend friedlich. Versprengte Demonstrationszüge mäandern um das abgesperrte Bankenviertel herum, ab und zu drückt ein Polizist einen Hitzkopf zu Boden. Als Demonstranten am Donnerstag rund 30 Zelte auf dem Römerplatz errichteten und die Justitia-Statue mit einer Anonymous-Maske dekorierten, verhielt sich die Polizei lange ruhig. Als sie den Platz am Donnerstagabend räumte, kam es nur zu einigen kleineren Scharmützeln.

Am Freitag dann rückten Polizisten vor der Europäischen Zentralbank (EZB) an, wo Demonstranten nahe der Sperrzone protestierten. Hunderte wurden in Gewahrsam genommen, das "Blockupy"-Bündnis warf der Polizei gewalttätiges Vorgehen vor. Die Polizei wies das zurück. Polizisten räumten auch Sitzblockaden, am Main und am Messegelände lösten sie Protestzüge mit bis zu tausend Menschen auf. Zu Ausschreitungen kam es dennoch nicht.

Hinter vorgehaltener Hand zeigen manche Polizisten sogar Verständnis für die Demonstranten. "Es gab eine Gefahrenprognose, laut der Gewalt zu erwarten war", sagt einer. "Also haben wir entsprechend gehandelt. Dass 95 Prozent der Demonstranten friedlich sind und sich gegängelt fühlen, kann ich aber gut verstehen."

"Der letzte Banker auf diesem Planeten"

In der Frankfurter City sieht man Anwohner, die den Demonstranten helfen. Eine ältere Frau im roten Kostüm erläutert einer Gruppe, über welche Straßen man die Polizeisperren noch umgehen kann. Demonstranten, die von der Polizei im Norden der Stadt ausgesetzt wurden, weit ab vom Zentrum, berichten: Anwohner hätten sie in ihren Autos wieder zurück in die City gefahren.

Im abgezäunten Sperrgebiet zwischen EZB und Deutscher Bank geht ein Mann im Nadelstreifenanzug umher, vorbei an patrouillierenden Eingreiftrupps und den Überresten des geräumten Occupy-Camps, in dem nun Polizisten die Habe der Demonstranten bewachen. Er stellt sich als Bankmanager vor: "Offenbar bin ich heute der letzte Banker auf diesem Planeten."

Die Polizei hat Finanzmanagern empfohlen, am Freitag von zu Hause aus zu arbeiten. Die EZB hat einen Teil ihrer Belegschaft sogar in Geheimbüros ausquartiert und gestattet weder dort noch im normalen Bürogebäude Pressebesuche. Die Polizei hat Bankern empfohlen, in Freizeitkleidung ins Büro zu kommen.

"Hier herrscht Endzeitstimmung", sagt der Mann im Anzug. "Ich halte das für völlig übertrieben." Er sagt, er würde auch im Anzug auf eine Demo gehen und den Leuten seine Sicht des Kapitalismus erklären: "Ich bin ein liberaler Mensch." Kurz darauf wird er an einer Polizeisperre aufgehalten. "Oh, Sie haben ja einen Wasserwerfer", sagt der Banker. "Na, den hätten Sie gestern aber auch öfter mal einsetzen können."

Szenen wie diese lassen sich in Frankfurt immer wieder beobachten. Manche Banker würden die Occupy-Anhänger wohl am liebsten im Gefängnis sehen. Doch auch sie haben ihre Probleme mit dem Verbot der Demonstrationen. Und das nicht nur, weil zeitraubendes Chaos herrscht. "Freie Demonstration gehört zu den Grundrechten einer Demokratie", sagt der Mann im Anzug. "Solange die friedlich bleiben, sollte man sie machen lassen."

"Occupy hat schon gewonnen"

Und so hat die Polizeiblockade einen seltsamen Doppeleffekt. Bislang haben es die Beamten geschafft, gewalttätige Ausschreitungen zu vermeiden. Dafür fühlen sich viele Frankfurter in ihrem demokratischen Grundverständnis gestört, ganz gleich, ob sie Occupy unterstützen oder nicht. Und im Bankenviertel herrscht eine gespenstische, postkapitalistische Endzeitstimmung.

In der Goethestraße, Frankfurts Einkaufspassage mit den meisten Luxusläden, haben sich viele Geschäfte gegen einen möglichen Ansturm der Vandalen gewappnet. Es gibt zwei Verteidigungsstrategien: Bulgari, Tiffany, Versace, Hermes und Burberry haben ihre Fensterfronten mit Brettern verrammelt; Chanel und Armani haben ihre Schaufenster präventiv selbst geplündert und die Auslagen in den Tresor verbannt.

Die Frankfurter Fotografin Emma Miyase Ceren blickt gebannt auf die leeren Ladenzeilen. "Faszinierend, oder?", sagt sie. "So wie es hier aussieht, würde ich sagen: Occupy hat schon gewonnen." Dann lässt sie sich vor dem leergeräumten Chanel-Schaufenster fotografieren: "Ich glaube, das Bild schicke ich Herrn Lagerfeld."