OECD-Vergleich Deutschland vernachlässigt arme Rentner

Eine neue OECD-Studie warnt vor der zunehmenden Altersarmut in Deutschland: Geringverdiener werden künftig prozentual so wenig Rente beziehen wie in kaum einem anderen Industriestaat. Die Zahlen zeigen, wie wichtig das umstrittene Thema Rente bei den Koalitionsverhandlungen ist.
Senioren in Bottrop: "Langfristige Folgen für den sozialen Zusammenhalt"

Senioren in Bottrop: "Langfristige Folgen für den sozialen Zusammenhalt"

Foto: © Ina Fassbender / Reuters/ REUTERS

Berlin/Hamburg - Kurz vor dem erwarteten Abschluss der Koalitionsgespräche ist es eines der großen Streitthemen: Was ändert sich bei der Rente? Union und SPD sind dabei in vielen Details uneins. Beide Seiten aber haben versprochen, Ruheständler künftig stärker vor Altersarmut zu schützen.

Das ist laut einer am Dienstag vorgestellten Studie der Industrieländerorganisation OECD auch dringend nötig. Nach derzeitigem Stand würden "die Rentenbezüge für Menschen mit verhältnismäßig kleinem Gehalt gegen Mitte dieses Jahrhunderts so niedrig sein wie in kaum einem anderen OECD-Land", sagte die Leiterin der Abteilung für Sozialpolitik, Monika Queisser.

Die Experten errechneten, wie sich mit Eintritt in den Ruhestand der Lebensstandard ändert. Maßstab sind dabei sogenannte Ersatzraten. Sie zeigen an, wie hoch die Bezüge von Rentnern im Verhältnis zu ihrem früheren Einkommen in Zukunft liegen werden. Im Schnitt aller 34 Länder liegt die Rate bei 54 Prozent des Bruttoeinkommens.

Wer in Deutschland 2012 zu arbeiten beginnt und sein Leben lang Rentenbeiträge zahlt, kann laut OECD später 42 Prozent seines durchschnittlichen Bruttoeinkommens erwarten. Das ist nicht einmal halb so viel wie beim Spitzenreiter Niederlande, der auf eine Ersatzrate von stolzen 89 Prozent kommt. Es ist aber immer noch deutlich mehr als in Mexiko oder Großbritannien, wo Durchschnittverdiener nur knapp ein Drittel ihres früheren Einkommens erhalten.

Deutlich schlechter sieht der Vergleich jedoch bei Geringverdienern aus, die nur über die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens verfügen. Sie erhalten laut Studie in den meisten OECD-Ländern deutlich höhere Ersatzraten als Durchschnittsverdiener und werden somit vor Altersarmut geschützt. In Dänemark bekommen Niedrigverdiener 121 Prozent ihres früheren Einkommens, in Israel sind es 104 Prozent.

Ganz anders in Deutschland: Hier erhalten Geringverdiener genauso wie der Durchschnitt nur 42 Prozent ihres Einkommens. Damit landet Deutschland noch hinter Polen (49 Prozent) auf dem letzten Platz. Ähnlich schlecht schneiden deutsche Geringverdiener in Bezug aufs Nettogehalt ab. Eine Ersatzrate von 55 Prozent reicht nur für den vorletzten Platz vor Japan (54 Prozent).

Nur jeder zweite Rentner hat eigenes Haus oder Wohnung

Entscheidend für den Lebensstandard von Rentnern sind zwar noch andere Faktoren, aber auch hier schneidet Deutschland zum Teil unterdurchschnittlich ab. So profitiert nur jeder zweite Deutsche im Ruhestand vom eigenen Haus oder der eigenen Wohnung. Im OECD-Schnitt sind es dagegen 76 Prozent.

Die Einkünfte aus Kapitalvermögen machen der Studie zufolge in Deutschland genau wie im Durchschnitt 17 Prozent des Einkommens der Über-65-Jährigen aus. Im Detail ließen sich diese Einkünfte aber mangels Daten schlecht analysieren. Staatliche Leistungen erhöhen das Einkommen der deutschen Rentnergeneration um durchschnittlich 30 Prozent, zehn Prozentpunkte unter dem OECD-Schnitt.

Anzeichen für wachsende Altersarmut sorgen in Deutschland immer wieder für Schlagzeilen. So stieg die Zahl der Über-65-Jährigen, die Grundsicherung beziehen, 2012 um 6,6 Prozent. Als wesentlicher Grund gelten die durch die Reformen des vergangenen Jahrzehnts bedingten Rentenkürzungen. Die OECD-Expertin Queisser sagte, die Rentenreformen in Mitgliedsländern seien zwar richtig gewesen. "Wir müssen aber aufpassen, dass die langfristigen Folgen für den sozialen Zusammenhalt und Altersarmut nicht aus dem Blick geraten."

Zwar steht Deutschland laut OECD-Zahlen bislang bei der Altersarmut noch vergleichsweise gut da. Der ebenfalls am Dienstag veröffentlichte Datenreport 2013 zeigt aber, dass die Armutsgefährdung gerade bei älteren Deutschen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat.

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