Einspeisemanagement Abgeregelte Ökostromanlagen kosten Verbraucher bis zu 1,3 Milliarden Euro

Deutschlands Stromnetze sind mitunter so stark überlastet, dass Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden müssen. Die Kosten für das Netzmanagement sind nach SPIEGEL-Informationen 2020 gestiegen.
Windräder und Stromnetze

Windräder und Stromnetze

Foto: Getty Images

Der langsame Ausbau der Stromnetze und Energiespeicher kommt Deutschlands Verbraucher teuer zu stehen. Laut Schätzungen der Bundesnetzagentur fielen im vergangenen Jahr bis zu 1,34 Milliarden Euro an Entschädigungen für das sogenannte Einspeisemanagement an.

Dieses ermöglicht Entschädigungszahlungen für Betreiber von Windrädern und Solaranlagen, wenn ihre Anlagen wegen Netzüberlastungen zeitweise abgeregelt werden. Zum anderen fallen Kosten an, weil an anderer Stelle im Stromnetz Maßnahmen ergriffen werden müssen, um Spannung und Frequenz in den Netzen zu stabilisieren.

Nach Auswertung der ersten drei Quartale erwarte man einen Anstieg der Kosten von rund fünf Prozent für ganz 2020, heißt es im neuen Monitoringbericht der obersten staatlichen Kontrollbehörde für den Energiemarkt. Der Anstieg sei vor allem auf die wachsende Zahl von Offshore-Windanlagen zurückzuführen.

Der Monitoringbericht, der dem SPIEGEL vorliegt, erscheint normalerweise im Herbst. Wegen der Corona-Pandemie hat sich seine Veröffentlichung dieses Jahr verzögert.

Die Entschädigung von Ökostromanlagen für entgangene Einnahmen ergibt sich aus einer gesetzlichen Regelung, die saubere Energien gegenüber Kohle- oder Gaskraftwerken privilegiert. Wind-, Solar- und Biogasanlagen genießen den sogenannten Einspeisevorrang. Dieser besagt, dass Betreiber der Stromnetze Ökostromproduzenten ihren Strom komplett abnehmen müssen, ehe sie Elektrizität aus Atom-, Kohle oder Gaskraftwerken beziehen.

Wenn in den Netzen zu viel Strom ist, müssen erst die konventionellen Kraftwerke ihre Produktion herunterfahren. Erst wenn deren komplettes Potenzial zur Beseitigung von Netzüberlastungen ausgeschöpft ist, dürfen auch Ökostromanlagen abgeregelt werden. Da die Abnahme von deren Strom eigentlich Pflicht ist, werden die Anlagenbetreiber in der Folge entschädigt. Die Kosten dafür werden den Verbrauchern auf ihre Stromrechnung draufgeschlagen.

Weitere Kosten für die Verbraucher ergeben sich durch die Vorhaltung einer sogenannten Netzreserve: aus Kraftwerken, die bei Versorgungsengpässen zusätzlichen Strom liefern können. Auch diese Reserve, die oft alte Kohlekraftwerke abdecken, könnte wesentlich kleiner ausfallen, wenn der Umbau der deutschen Energieinfrastruktur schneller vorankäme.

Die Entschädigungszahlungen sind seit Jahren ein Streitthema der Politik – da durch sie schlicht Geld verschwendet wird, was wiederum Sympathiepunkte für die Energiewende kostet. Gelöst werden könnte das Problem zum Beispiel durch einen Ausbau der Stromnetze – was eine bessere Verteilung der Elektrizität von den Produktions- zu den Verbrauchsstätten ermöglichen würde. Doch der Netzausbau liegt seit vielen Jahren hinter dem Zeitplan. Das durchschnittliche Netzentgelt für Haushaltskunden, über das Ausbau und Wartung der Netze finanziert wird, ist im Jahr 2020 dennoch um 3,8 Prozent gestiegen, auf 7,5 Cent pro Kilowattstunde, wie es im Monitoringbericht heißt.

Ein anderer Baustein, Netzengpässe zu reduzieren, wäre der Aufbau einer Infrastruktur für Energiespeicher. Doch auch hier hat die Bundesregierung gerade erst damit begonnen, im größeren Stil Projekte zu finanzieren. Sie setzt vor allem auf grünen Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien produziert wird und sich unter anderem in Gasnetzen speichern lässt. Andere Länder sind mit derartigen Plänen teils schon viel weiter.

Hilfreich wäre zudem ein verbessertes Lastmanagement. Durch digitale Messgeräte, sogenannte Smart Meter, ließe sich der Energieverbrauch teils in jene Zeiten verlagern, in denen Anlagen ausreichend Strom produzieren. Auch dieser Ausbau der Infrastruktur verzögert sich seit vielen Jahren.

Bis sich die deutsche Infrastruktur den Anforderungen einer modernen, CO₂-freien Stromerzeugung angepasst hat, bleibt den Erzeugern nur der Export überschüssiger Strommengen ins Ausland. Die Bundesnetzagentur misst diese Elektrizitätsflüsse nur mit großer Zeitverzögerung. Im Monitoringbericht verweist sie auf Zahlen aus 2019. In diesem Jahr seien 72,4 Terawattstunden (TWh) Strom über Deutschlands Grenzen hinweg gehandelt worden. Mit einem Exportsaldo von 25,2 TWh gehöre Deutschland zu den großen Stromexporteuren in Europa.