Negativer US-Ölpreis Globaler Nervenkrieg

Der Preis für eine Ölsorte ist erstmals unter null Dollar gefallen. Das ist spektakulär - vor allem aber Ausdruck eines kurzfristigen Pokerspiels von Händlern und Ölmächten. Der wahre Schock kommt erst noch.
Eine Analyse von Stefan Schultz
Raffinerie in Bagdad (Archivbild)

Raffinerie in Bagdad (Archivbild)

Foto: Oleg Nikishin/ Getty Images

Minus 40 Dollar. Ein negativer Preis. Wer Öl loswerden will, muss noch Geld drauflegen. Der Preis für ein Barrel Leichtöl der US-Sorte WTI, lieferbar im Mai, ist Montagnacht auf diesen spektakulären Tiefpunkt gefallen. Der Negativrekord war vor allem einer Spekulationsblase geschuldet: An diesem Dienstag läuft die Frist für Öllieferungen im Mai aus.

Es ist der Punkt, an dem sich Papieröl in echtes Öl verwandelt. Händler sind nach Ende der Frist verpflichtet, das Öl, das sie auf dem Papier gebucht haben, auch wirklich anzunehmen. Angesichts der weltweiten Lockdowns stehen aber viele Autos, Flugzeuge und Fabriken still. Also wird viel weniger Öl gebraucht als sonst. Das führte Montagnacht dazu, dass Händler versuchten, ihre Ölkontrakte auf den letzten Drücker loszuwerden. Was schließlich den Preis auf sein absurdes Tief drückte.

Der Preissturz bei den Ölpapieren deutet auf einen Systemschock in der realen Ölwelt hin, der sich grob in zwei Phasen einteilen lässt. Momentan läuft Phase eins, die man mexican standoff nennen kann: eine Situation wie im Western, in der sich mehrere Cowboys gegenseitig Colts an den Kopf halten. Drückt einer ab, wären letztlich wohl alle tot.

Der Durchhaltewettbewerb

Ölfeld Ghawar in Saudi-Arabien

Ölfeld Ghawar in Saudi-Arabien

Foto: Saudi Aramco

Am globalen Ölmarkt ist die Lage momentan ähnlich. Ölbosse müssen zwar nicht um ihr physisches Überleben bangen wie in Sergio Leones "Zwei glorreiche Halunken", dafür steht ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel. Es herrscht ein globaler Nervenkrieg: Firmen fördern mehr Öl als wirtschaftlich sinnvoll ist, in der Hoffnung, dass Konkurrenten zuerst die Produktion drosseln. Sie hoffen auf steigende Marktanteile. Oder zumindest darauf, dass sie länger an ihrer Ölförderung etwas verdienen als die Konkurrenz.

Neben solch offensiven Motiven gibt es noch defensive Beweggründe, den eigenen Ölhahn nicht zuzudrehen. "Gerade bei älteren Ölfeldern kann der Ölfluss nur mit viel Aufwand stabilisiert werden", sagt Steffen Bukold vom Hamburger Beratungsbüro EnergyComment . "Es könnte sogar geschehen, dass man die Förderung später überhaupt nicht wieder zum Laufen bekommt, weil der Kontakt zum Ölvorkommen unterbrochen ist und der Druck in der Lagerstätte zu weit abfällt."

Laut Bukold gibt es auf der ganzen Welt solche vom Versiegen bedrohte Ölfelder - zum Beispiel in der Nordsee, in Russland oder in Mexiko. "Unternehmen, die solche Felder betreiben, zögern den Produktionsstopp möglichst lange hinaus", sagt Bukold. "Sie werden selbst dann noch eine Zeit lang fördern, wenn die Kosten höher sind als die Erlöse."

Die Schieferölindustrie hat es da besser. Sie nutzt die sogenannte Fracking-Technologie, bei der Gestein tief im Boden mithilfe eines Wasser-Sand-Chemikalien-Gemischs unter hohem hydraulischen Druck aufgebrochen wird; gefördert wird so unter anderem in den USA, in Kanada, Russland, Brasilien und im Kongo. Solche Unternehmen könnten den Ölhahn wohl flexibler zu- und wieder aufdrehen. Theoretisch.

Praktisch drücken solche Firmen oft hohe Kreditlasten. Denn in der noch recht jungen Fracking-Branche bedeutet Wachstum oft Geschwindigkeit und wird auf Pump finanziert. Vielen Schieferölfirmen droht rasch die Pleite, wenn sie die Förderung drosseln und Einkünfte wegbrechen. Entsprechend hartnäckig fracken sie weiter - trotz des gewaltigen Überangebots am Weltmarkt. In den USA hoffen Shale-Oil-Firmen zudem, bald Staatshilfe zu erhalten. US-Präsident Donald Trump kündigte am Dienstag an, er werde die US-Ölindustrie niemals im Stich lassen.

Die große Ölflut

Öl-Supertanker im chinesischen Quanzhou

Öl-Supertanker im chinesischen Quanzhou

Foto: Xinhua/ imago images

Vertreter der Ölindustrie hoffen, dass die Nachfrage rasch wieder anzieht, wenn mehr und mehr Staaten ihre Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus lockern und in der Folge die Weltwirtschaft wieder anspringt. Doch diese Hoffnung könnte sich als trügerisch erweisen.

Denn das Virus breitet sich dank der Lockdowns vieler Staaten momentan zwar langsamer aus, verteilt sich dafür aber immer gleichmäßiger an immer mehr Orten. Sobald die Kontaktverbote gelockert werden, droht es, in viel mehr Regionen gleichzeitig durchzuschlagen als bisher. Es könnte zu neuen, immer heftigeren Infektionswellen kommen, warnt der Virologe Christian Drosten .

Mit Blick auf die Weltwirtschaft bedeutet das: Es dürfte noch lange mindestens moderate Maßnahmen zur Eindämmung des Virus geben. Zwar werden es Unternehmen und Staaten womöglich schaffen, sich allmählich besser auf den "Tanz" mit dem Virus einzustellen. Doch die Wirtschaft wird wohl trotzdem noch lange beeinträchtigt sein - und die Nachfrage nach Öl entsprechend niedrig bleiben.

Ewig aber kann das mexican standoff der Ölkonzerne nicht weitergehen. Denn:

Die Ölspeicher laufen voll

Öltanks in Cushing, Oklahoma

Öltanks in Cushing, Oklahoma

Foto: Bloomberg/ Getty Images

Nach Schätzungen der IEA gibt es weltweit Ölspeicher mit einer Kapazität von 6,8 Milliarden Barrel, wobei ein Barrel 159 Litern entspricht. 60 Prozent dieser Kapazitäten sind inzwischen belegt, Tendenz stark steigend: Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA)  sind womöglich schon Mitte des Jahres alle verfügbaren Speicher voll.

Regional scheint das längst der Fall zu sein. In Südafrika, Angola, Nigeria, Brasilien sowie in der Karibik dürften die Öllager schon in wenigen Tagen prall gefüllt sein, berichtet die "New York Times" .

"Manche Tanklager, etwa weit im Landesinneren, stehen dem Weltmarkt zudem nur eingeschränkt zur Verfügung", sagt Branchenexperte Bukold. "Andere befinden sich technisch in einem schlechten Zustand oder können nur zum Teil genutzt werden." Hinzu komme, dass das Öl ja erst einmal zu den Tanklagern transportiert werden müsse. Die freie Kapazität auf Tankern aber werde ebenfalls schon knapp - zumal viele Tankschiffe bereits zu schwimmenden Öllagern umfunktioniert worden seien.

Nach und nach werden immer mehr Firmen gezwungen sein, ihre Produktion zu drosseln. Dann beginnt die zweite Phase des Systemschocks:

Die Neuordnung des globalen Ölmarkts

3D-Modell einer Ölpumpe vor Ölpreischart

3D-Modell einer Ölpumpe vor Ölpreischart

Foto: Dado Ruvic/ REUTERS

In Kanada hat Phase zwei schon begonnen. Firmen wie ConocoPhillips fahren dort ihre Produktion zurück . Betroffen ist bislang vor allem die Förderung aus sogenanntem Ölsand - einem höchst aufwendigen und vergleichsweise kostspieligem Verfahren.

Auch in Norwegen ist die Ölproduktion im März schon um 4,4 Prozent gefallen . Das Land fördert Öl hauptsächlich per Offshore-Plattformen in der Nordsee - was ebenfalls oft teurer ist als konventionelle Ölproduktion an Land.

Auch ein historisches Abkommen vom 12. April zählt schon zu Phase zwei. Die globalen Ölmächte hatten sich damals auf eine weitreichende Kürzung der Ölproduktion geeinigt. Das Opec-Kartell, Russland und US-Unternehmen versprachen, ihre Produktion um rund zehn Millionen Barrel pro Tag zu senken.

Offiziell betonten die Ölmächte, ihrer Verantwortung für die Weltwirtschaft gerecht werden zu wollen. Tatsächlich wirkt das Abkommen eher wie eine gesichtswahrende Maßnahme, um Druck aus dem Markt zu nehmen. Zumindest ein bisschen.

Die Stunde von Big Oil

Ölpumpen in Kalifornien

Ölpumpen in Kalifornien

Foto: David McNew/ Getty Images

Das Opec-Plus-Abkommen soll die Weltölproduktion um rund zehn Prozent drosseln. Es ist die größte gemeinschaftlich vereinbarte Förderkürzung in der Geschichte der Branche. Doch das reicht nicht einmal im Ansatz, um die Krise am Ölmarkt einzudämmen: Nach Prognosen der IEA wird der globale Verbrauch im April um 29 Millionen Fass pro Tag niedriger sein als im Vorjahr. Das ist fast dreimal so viel Öl, wie die Opec und ihre Verbündeten wegkürzen wollen.

Die Neuordnung des globalen Ölmarkts wird also weitergehen. Mehr und mehr Firmen müssen wohl bald die Produktion herunterfahren oder gar Insolvenz anmelden. Die globalen Marktanteile dürften sich verschieben. Gewinner dürfte das sogenannte Big Oil sein. "Große Ölkonzerne mit Cash-Reserven und Zugang zum Kredit- oder Anleihenmarkt sind klar im Vorteil", sagt Branchenkenner Bukold. "Sie können sich billig in die Schieferölbranche einkaufen und ihre Position stärken."

Nach momentanem Stand dürften Firmen noch länger um Marktanteile kämpfen. An den US-Terminbörsen werden Öllieferungen erst wieder im Mai 2021 zu 35 Dollar pro Barrel gehandelt - dem Preis, der noch vor ein paar Wochen als normal galt. Händler schließen nicht aus, dass es in rund einem Monat erneut zu negativen Preisausschlägen kommt - wenn die Frist für Öllieferungen im Juni ausläuft.

"Die Ölpreise werden wohl noch lange Zeit niedrig bleiben", resümiert Bukold. "Die Branche ist in einer schweren Krise. Ein hohes Ölangebot trifft auf eine sehr schwache Nachfrage. Daran wird sich so schnell nichts ändern."