Energiewende Festland-Konkurrenz hängt Offshore-Windparks ab

Bund und Länder treffen sich zum Strompreis-Gipfel im Kanzleramt. Die Diskussion über steigende Kosten wird vor allem für die Offshore-Windparks gefährlich. Kritiker erklären sie zum Preistreiber Nummer eins. Und fragen: Funktioniert die Energiewende vielleicht auch ohne Windräder auf See?
Offshore-Windpark Bard 1: Eine Zukunftsvision verliert an Glanz

Offshore-Windpark Bard 1: Eine Zukunftsvision verliert an Glanz

Foto: Ingo Wagner / DPA

Hamburg - Wenn von der Ökorepublik Deutschland die Rede ist, sieht man oft riesige Rotoren auf hoher See, über denen der Umweltminister im Helikopter kreist. Peter Altmaier (CDU) nannte die Fundamente von Offshore-Windrädern einst "Kathedralen der Energiewende". Sie sind zum positiven Sinnbild für die Ökorepublik geworden. Doch ausgerechnet die Offshore-Windbranche plagt nun die Sinnkrise.

An diesem Donnerstag wollen Bund und Länder darüber beraten, wie die Kosten der Energiewende für Verbraucher begrenzt werden können. Vermutlich wird der sogenannte Strompreis-Gipfel scheitern. Für die Offshore-Windbranche war die Kostendebatte der vergangenen Wochen Gift. Unternehmer, Politiker, Forscher und Lobbyisten erklären sie neuerdings zum Ober-Kostentreiber der Energiewende.

Tatsächlich kommt Strom aus Hochsee-Windanlagen die Verbraucher zumindest kurzfristig weit teurer zu stehen, als Elektrizität aus Solarzellen und Land-Windrädern. Der Fördersatz für Offshore-Anlagen, die jetzt ans Netz gehen, ist in den ersten acht Jahren mehr als doppelt so hoch wie bei der Konkurrenz an Land. Erst danach sinkt die Vergütung, die Verbraucher über ihre Stromrechnung zahlen.

"Die Offshore-Windenergie wird sich in den kommenden Jahren zum großen Strompreistreiber entwickeln", sagt etwa Josef Göppel, Obmann der Unionsfraktion im Umweltausschuss des Bundestags. "Wer Kosten reduzieren will, muss ihre Rolle in der Energiewende von Grund auf neu überdenken." So wie Göppel fragen immer mehr Kritiker: Funktioniert die Energiewende nicht auch ohne die teuren Kathedralen weit draußen auf dem Meer?

"Die Stimmung kippt"

Es gibt Experten, die würden Hochsee-Windparks am liebsten abschaffen. "Deutschland kann die Energiewende allein mit Solarenergie und Wind an Land schaffen", sagt zum Beispiel Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Manche Vorstände im Bundesverband Windenergie sehen das genauso, auch wenn sie es öffentlich nie sagen würden.

Moderatere Zeitgenossen wollen den Offshore-Ausbau nur begrenzen - und auf später verschieben. Die Energiewende wäre dann "die nächsten zehn Jahre weit günstiger und ressourcenschonender", sagt etwa Ulrich Kelber, der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion.

Und es gibt neuerdings eine Studie, die diese These stützt. Wenn Deutschland bis 2023 auf Offshore weitgehend verzichten und dafür Wind- und Solaranlagen an Land bauen würde, ließen sich jährlich rund zwei Milliarden Euro sparen, heißt es in einer Erhebung , die für den Think-Tank Agora Energiewende erstellt wurde. Mitgewirkt hat an ihr das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik.

Die Branche leidet nicht nur unter einem raueren politischen Klima - sondern auch unter Bedeutungsverlust. Weil sich der Ausbau auf dem Meer seit Jahren verzögert, ist die Offshore-Technologie technisch und wirtschaftlich weit hinter die Konkurrenz an Land zurückgefallen. So weit, dass sich tatsächlich die Frage stellt: Wie viel Offshore braucht Deutschland noch?

Boom an Land, Stillstand auf dem Meer

Die offiziellen Ziele der Regierung jedenfalls sind hoffnungslos veraltet. Die Absicht, bis 2030 Offshore-Windparks mit einer Leistung von bis zu 25 Gigawatt zu bauen, wurde im Januar 2002  von Rot-Grün definiert - und seitdem nicht mehr geändert. Das rot-grüne Offshore-Ziel basierte nicht zuletzt auf einerPrognose des Deutschen Windenergie-Instituts (DEWI) , laut der ab 2005 mangels geeigneter Standorte kaum noch neue Windanlagen an Land gebaut werden könnten. Bis 2030 werde die Kapazität von Land-Windrädern auf gut 17 Gigawatt steigen, prognostizierte DEWI.

Wie man sich irren kann. Jedenfalls ist die Kapazität der Land-Windräder schon jetzt fast doppelt so hoch. Derzeit liefert die Onshore-Windenergie rund neun Prozent des Stroms, und es gibt noch genug Platz für neue Rotoren. Und auch den politischen Willen, diesen Platz zu nutzen: Baden-Württemberg etwa will bis 2020 zehn Prozent seines Stroms mit Land-Windrädern  produzieren; Schleswig-Holstein hat die Fläche für Onshore-Wind kürzlich verdoppelt .

Die Solarenergie boomte in den vergangenen Jahren ebenso stark . Nur der Bau der Offshore-Windanlagen geht noch immer schleppend voran. Zehn Gigawatt Offshore sollten bis 2020 errichtet werden; inzwischen heißt es sogar im Umweltministerium, dass wohl eher sechs bis sieben realistisch seien. Immer wieder verzögern sich die Projekte auf dem Meer - während die Konkurrenz an Land Tatsachen schafft.

Abgehängt im Preiskampf

Auch bei den Kosten klafft mittlerweile eine große Lücke. Durch den Ökoboom an Land sind Preise für Solar- und Onshore-Windanlagen massiv gesunken. Offshore-Projekte dagegen kosten derzeit oft mehr als geplant. Die Technik ist neu, es geht einfach noch zu viel schief.

Bundesumweltminister Altmaier glaubt, die Offshore-Kosten drücken zu können. Bis 2020 seien Senkungen um 40 Prozent drin, sagte er bei einem Fachgespräch  Mitte Februar. Und erntete prompt Widerspruch. Von der Offshore-Lobby höchstpersönlich. "Die Zahl ist durch nichts belegt", sagte Jörg Kuhbier, der geschäftsführende Vorstand des Offshore Forums Windenergie.

Auf dem Meer weht der Wind beständiger als an Land. Das wichtigste Argument für Hochsee-Windparks war deshalb schon immer ihre höhere Stromausbeute. Der Hochsee-Windpark Alpha Ventus etwa lief 2011 die Hälfte der Zeit mit voller Kraft ; Onshore-Windanlagen sind im Schnitt ein Drittel des Jahres voll ausgelastet.

Doch selbst in diesem Bereich hat die Konkurrenz an Land aufgeholt. "Hersteller wie Nordex, Enercon oder Vestas bauen zusehends Anlagen, die bereits bei geringen Windgeschwindigkeiten anfangen, Strom zu erzeugen und die deutlich mehr Stunden im Jahr voll ausgelastet sind", sagt Heinrich Bartelt, Mitbegründer des Bundesverbands Windenergie. Auch sie können nun etwas mehr Versorgungssicherheit bieten - und haben die Offshore-Windparks schon wieder ein Stück unbedeutender gemacht.