Olaf Scholz und die Vermögensfrage Reich sind immer die anderen

Er empfinde sich nicht als reich, hat Olaf Scholz in einem Interview gesagt - das dürfte eine Fehleinschätzung sein. Der Finanzminister unterliegt demselben Irrtum wie zuvor schon Friedrich Merz.
Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD): "Als reich würde ich mich nicht empfinden"

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD): "Als reich würde ich mich nicht empfinden"

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

"Ich bin reich, so furchtbar reich!": Derart fröhlicher Bekenntnismut wie in dem Lied der "Ärzte" von 1986 ist in Deutschland immer noch die Ausnahme. Auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz reagierte zurückhaltend, als ihm nun in der ARD folgende Zuschauerfrage gestellt wurde: "Wie reich sind Sie persönlich, Herr Finanzminister?"

Er verdiene "ganz gut", lautete Scholz' Antwort. "Als reich würde ich mich nicht empfinden." Auf die Nachfrage, ob er sich dann zur "oberen Mittelschicht" zähle, entgegnete der Vizekanzler schmunzelnd: "Nein. So viel Geld wie derjenige, der das für sich qualifiziert hat, verdiene ich nicht, und habe ich auch nicht als Vermögen."

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der Seitenhieb galt Friedrich Merz, der im kommenden Jahr Scholz' Hauptgegner im Rennen um die Kanzlerschaft werden könnte. Der CDU-Politiker hatte sich vor zwei Jahren in einem Interview der "gehobenen Mittelschicht" zugerechnet und damit für viel Spott gesorgt.

Tatsächlich hat Merz während seiner langjährigen Politikpause als Wirtschaftsanwalt, Aufsichtsratschef des Vermögensverwalters Blackrock in Deutschland sowie mit weiteren Aufsichtsratsmandaten hohe sechsstellige Summen verdient. Falls er das Geld halbwegs geschickt angelegt hat, dürfte Merz über ein stattliches Millionenvermögen verfügen - und somit auch unter diesem Gesichtspunkt zu den obersten zehn Prozent in Deutschland gehören.

Aber wie sieht es mit Scholz aus? Dass dieser sich nicht zur gehobenen Mittelschicht zählen wollte, darf als Scherz auf Kosten von Merz verbucht werden. Interessant aber ist die Aussage von Scholz, er empfinde sich selbst nicht als reich.

Denn auch Scholz gehört zu den Spitzenverdienern in Deutschland. Als Bundesminister bekommt er nach Angaben des Bundesfinanziministeriums inklusive Zuschläge ein monatliches Gehalt in Höhe von rund 15.500 Euro. Und auch seine Ehefrau Britta Ernst verdient überdurchschnittlich: Als brandenburgische Bildungsministerin erhält sie rund 14.000 Euro monatlich. Zusammen kommt das kinderlose Ehepaar also auf knapp 30.000 Euro Bruttoverdienst pro Monat.

Legt man eine Studie des arbeitgeberfinanzierten Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zugrunde, gelten der SPD-Politiker und seine Frau damit als "relativ reich". Um noch zur oberen Mitte zu gehören, darf ein Paar ohne Kinder auf ein Nettoeinkommen von maximal 6590 Euro pro Monat kommen - ein Wert, den das Ehepaar Scholz wohl um mehr als das doppelte überschreiten dürfte.

Wer gehört zur Mittelschicht? Grenzen nach monatlichem Nettoeinkommen

SinglePaar ohne KinderPaar mit einem Kind unter 14 JahrenPaar mit zwei Kindern unter 14 Jahren
Relativ ReicheMehr als 4400Mehr als 6590Mehr als 7910Mehr als 9230
Einkommensstarke/ obere Mitte2640 bis 44003960 bis 65904750 bis 79105540 bis 9230
Mitte im engeren Sinne1410 bis 26402110 bis 39602530 bis 47502950 bis 5540
Einkommensschwache/ untere Mitte1050 bis 14101580 bis 21101900 bis 25302220 bis 2950
Relativ Arme0 bis 10500 bis 15800 bis 19000 bis 2220

Werte gerundet auf 10 Euro. Für Alleinstehende betrug das Medianeinkommen: 1758 Euro.
Quelle: IW Köln

Scholz ist aber nicht allein damit, zu unterschätzen, wie viel reicher er im Vergleich zum Durchschnittsbürger ist. Forscher der Universität Hannover haben 2016 in einer Umfrage herausgefunden, dass "die Befragten ihre Position in der Einkommensskala nicht einmal annähernd bestimmen" konnten. Es galt meist der Grundsatz: Reich sind immer die anderen.

So gibt es natürlich immer noch viele Menschen, die deutlich mehr als Scholz verdienen. Mit Managern in der Wirtschaft kann Scholz zum Beispiel nicht mal in Ansätzen mithalten, obwohl sie laut der IW-Analyse beide zu der Gruppe der "relativ Reichen" gehören: Ein Sparkassen-Chef verdient durchschnittlich etwa 80.000 Euro pro Monat, ein Vorstandsmitglied eines Dax-Konzerns sogar 290.000 Euro. Die Gehaltsspanne unter den Einkommensreichen ist in Deutschland sehr groß.

Laut einer Definition von Wissenschaftlern des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gelten gar nur diejenigen als reich, die allein von ihrem Vermögen leben können. Bei den aktuell niedrigen Zinsen sei das ab etwa einer Million Euro Erspartem der Fall.

Scholz hat offenbar die vergangenen Jahre nicht dazu verwendet, sein Geld gewinnbringend anzulegen und ein Vermögen aufzubauen. Im Interview mit der "Bild"-Zeitung hatte der Minister im vergangenen Jahr gesagt: "Ich mache das, was einem kein Anlageberater empfiehlt: Ich lege mein Geld nur auf einem Sparbuch, also sogar auf dem Girokonto an, und da kriege ich, wie bei allen anderen, keine Zinsen."

Scholz dürfte also eher über kein größeres Millionenvermögen verfügen, gemessen am Einkommen ist der SPD-Politiker aber trotzdem reich. Wenn auch nicht ganz so reich wie Merz.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Scholz und seine Frau kämen zusammen auf einen Bruttomonatsverdienst von mehr als 30.000 Euro. Tatsächlich sind es knapp 30.000 Euro. Wir haben die Stelle korrigiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.