Kampf um Firmengründer Wie der Osten Start-ups lockt

Großkonzerne fehlen in den Ost-Bundesländern, also sollen Jungunternehmer aus dem Westen angeworben werden, die Start-ups gründen. Doch das ist schwer: Die Zahl der Existenzgründungen geht bundesweit zurück.

Stadtansicht von Magdeburg mit Dom
Steffen Schellhorn / epd/ imago images

Stadtansicht von Magdeburg mit Dom

Aus Magdeburg berichtet


Büros von Start-ups sind hell, cool und immer irre groß - zumindest in Filmen und Werbeaufnahmen. In Magdeburg ist das etwas anders: Nördlich des Stadtzentrums, einen Steinwurf entfernt von den Liegestühlen einer Strandbar am Elbufer, hat die Otto-von-Guericke-Universität ein "Transfer- und Gründerzentrum" eingerichtet: Die Schreibtische sind schlicht, die Pinnwände groß, die Raufaser an der Wand war mal weiß.

Auf zwei Etagen arbeitet hier ein knappes Dutzend neu gegründeter Firmen Tür an Tür: In einem Zimmer wird an Drohnen zur Erkundung von Minenfeldern getüftelt, nebenan an "Filterize", einem Programm, das Nutzern hilft, Schneisen durch ihr digitales Datenchaos zu schlagen.

Gute Ideen brauchen Raum - aber anders als in Filmen und Werbeprospekten tut es zum Start eben auch ein einfaches Zimmer, kaum mehr als zehn Quadratmeter. In den spartanisch ausgestatteten Räumen lässt sich klarer als in jedem hippen Großraumbüro erkennen, worauf es bei einer Neugründung im Kern ankommt: eine kluge Idee und - vielleicht noch wichtiger - jemanden, der verrückt genug ist, sich mit dieser Idee ins Ungewisse zu stürzen.

Weniger Hightech, mehr Massentauglichkeit

Sinja Lagotzki ist 27 Jahre alt und stammt aus Kiel. "Later means never" steht an der Wand ihres kleinen Büros. Auf dem Schreibtisch liegt ein dicker Wälzer: Die Zulassungsregularien für Medizintechnik in der EU. Daneben steht eine Packung Kekse. Schon für ihr Medizintechnikstudium hat Lagotzki nach der Schule Magdeburg anderen Städten vorgezogen - Hamburg zum Beispiel.

Gründer Lagotzki, Sánchez
Privat

Gründer Lagotzki, Sánchez

Seit 2018 baut sie nun mit ihrem Kompagnon Sebastián Sánchez López die Firma In-Line auf. Sie verfolgen einen Ansatz, von dem in Zukunft viele Patienten profitieren könnten. Ihre Idee: Bestimmte medizinische Eingriffe - etwa an der Wirbelsäule - können zielgerichteter in einem MRT durchgeführt werden, einem Magnetresonanz-Tomographen, also einer dieser großen und teuren Röhren, in die Patienten geschoben werden. Ihr Gewebe wird darin durchleuchtet. Bei Operationen im MRT können die Ärzte deshalb präziser vorgehen und das bedeutet für die Patienten eben auch: schonender.

Alle neuen Beiträge "Wir seit '89" einmal pro Woche per E-Mail.
Abonnieren Sie den Newsletter direkt hier:

Das Problem: Das Vorgehen ist aufwendig und so teuer, dass es bislang nur in wenigen Kliniken angewendet werden kann. Spezialgerät ist nötig, wegen des beschränkten Raums im MRT und dessen Magnetwirkung. Einige Firmen haben dafür bislang Hightechlösungen entwickelt: Roboter, konstruiert genau für eine Art von speziellem Eingriff. Die Kosten für solche Geräte etwa für Gewebeentnahmen an der Prostata gehen in die Hunderttausende. Und sie sind kompliziert in der Anwendung.

Lagotzki und Sánchez López wollen dagegen durch wenig Hightech die Schwelle für den Einsatz senken. Die Methode soll endlich massentauglich werden. "Kleine Geräte, hohe Benutzerfreundlichkeit und mehrere Einsatzmöglichkeiten statt teurer Spezialroboter für nur einen Eingriff", sagt Lagotzki. Ihre Firma In-Line setzt dafür auf Hilfsmittel aus Plastik.

Auf dem Schreibtisch liegen die ersten Prototypen aus dem 3D-Drucker: Ein MRT-kompatibles Koordinatenraster, mit dem Operateure präzise die Stelle für einen Eingriff festlegen können, etwa an der Wirbelsäule. Dazu eine Nadelhalterung aus Plastik, sowie: das eigentliche Herz der Firma, ein Computerprogramm. Es leitet den Operateur beim Eingriff, berechnet etwa den richtigen Einstichwinkel. Die erste Version für Windows-Rechner hat die Firma bereits fertiggestellt. Bald soll das Programm auch auf anderen Betriebssystemen laufen, als App auf Tablets, um die Anwendung zu erleichtern.

Wie die neuen Bundesländer um Start-ups werben

Der Standort Magdeburg ist bei der jungen Firma kein Zufall: Die Universität hat früh die Medizintechnik gestärkt. Zahlreiche Förderprogramme helfen jungen Unternehmensgründern. Auch die Landesregierung will jungen Firmen unter die Arme greifen. Man habe "die Weichen gestellt, damit der Gründerzug jetzt Fahrt aufnimmt", hat Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) gesagt.

Im Osten Deutschlands fehlen seit der massiven Deindustrialisierung der Nachwendejahre etablierte große und mittlere Industriefirmen, die in vielen westlichen Regionen das Rückgrat der Wirtschaft bilden. Neue Start-ups könnten dabei helfen, diese Lücke zu schließen. Länder wie Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Thüringen werben deshalb seit einiger Zeit gezielt um Jungunternehmer, auch aus dem Westen.

Manchmal gelingt das: So ist die Frischemanufaktur von München nach Halle an der Saale umgezogen. Das Start-up vertreibt bundesweit haltbaren Obstsalat, damit in Supermärkten nicht mehr jeden Abend rund ein Drittel des frisch aufgeschnittenen Obsts weggeworfen werden muss.

Trotzdem fällt die Bilanz ernüchternd aus: In der Gründungsstatistik liegen die neuen Bundesländer auf den hinteren Plätzen. Das zeigt etwa der KfW-Gründungsmonitor 2019: Thüringen liegt mit 74 Gründungen pro 10.000 Erwerbstätige auf dem letzten Platz, gefolgt von Sachsen-Anhalt (77) und Mecklenburg-Vorpommern (84). Brandenburg rangiert zwar mit 134 Gründungen sogar vor Bayern - allerdings hat das vor allem mit der Nähe zur Start-up-Hochburg Berlin zu tun, dem absoluten Spitzenreiter (193).

Die Deutschen sind Gründungsmuffel - in Ost und West

Das hat lokale wie überregionale Ursachen. Das Ifo-Institut hält beispielsweise die allgemein schlechtere Wirtschaftslage in Teilen der neuen Bundesländer für einen Faktor: In ökonomisch schwächeren Regionen finden neue Firmen eher ungünstige Absatzchancen - und suchen sich lieber andere Standorte. Hinzu komme die "selektive Abwanderung" typischer Gründergenerationen: Gerade im Alter zwischen 30 und 40 Jahren seien viele in den Westen abgewandert.

Ifo-Forscher Joachim Ragnitz hält überregionale Faktoren allerdings für bedeutender: "Die Bereitschaft zu unternehmerischer Initiative ist in ganz Deutschland im internationalen Vergleich eher gering ausgeprägt". So lag Deutschland bei den Firmengründungen zuletzt auf dem siebtletzten Rang von 51 untersuchten Nationen.

Und die Zahl der Unternehmensgründungen geht überall im Land zurück: Wurden vor zwei Jahrzehnten noch fast 1,5 Millionen neue Firmen in Deutschland gegründet, waren es zuletzt nur noch etwa eine halbe Million.

Immer weniger Bürger wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Das hat auch mit dem seit Jahren boomenden Jobmarkt zu tun: Warum mit der eigenen Firma ins kalte Wasser springen, wenn die Löhne wie zuletzt ordentlich steigen und Fachkräfte gesucht werden?

Keine Kultur des Scheiterns

Hinzu kommen kulturelle Prägungen: Unternehmer werden in Deutschland von der Öffentlichkeit viel kritischer gesehen als in anderen Ländern. In der Liste der angesehenen Berufe liegen sie laut Umfragen auf hinteren Plätzen. Die sehr gering ausgeprägte Risikobereitschaft hat "auch damit zu tun, dass eine Kultur des Scheiterns in Deutschland faktisch nicht existiert", so Forscher Ragnitz. Auch das erschwert also den Aufholprozess im Osten.

Das Beispiel Magdeburg zeigt dennoch auch, dass die traditionellen Trennlinien langsam verschwimmen. Sinja Lagotzki, in Kiel geboren, in Magdeburg zur Firmengründerin geworden, wird von Journalisten noch immer oft gefragt, warum sie "vom Westen in den Osten gezogen" sei. Sie findet das ein wenig irritierend. "Aus meiner Generation", sagt sie, "würde das niemand mehr fragen."


Ist zusammengewachsen, was zusammengehört? Wie steht es um die Einheit in Deutschland im Jubiläumsjahr "30 Jahre Mauerfall"? Das untersucht die zweiteilige Dokumentation von ZDF und SPIEGEL TV. Sehen Sie hier den Trailer.

ZDF;SPIEGEL TV
  • Erster Teil: Dienstag, 06.08.2019, 21.00 - 21.45 Uhr, ZDF
  • Zweiter Teil: Donnerstag, 08.08.2019, 22.15 - 23.00 Uhr, ZDF


insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mr future 06.08.2019
1. Beispiel Erneuerbare: die 4. Revolution verpasst
Was bleibt nach dem konsquenten Plattmachen der Erneuerbaren denn anderes übrig als "mit Kleinvieh zu farmen". Die einstigen Hoffnungträger, von Arnstadt über Freiberg bis Frankfurt/Oder, wurden doch den Lobbyinteressen geopfert indem der heimische Markt abgewürgt wurde und China das Tor sehr weit aufgemacht wurde um deutsche Umlageföderung abzuschöpfen. Aber Verbrennerautus nach China verkaufen ist wohl wichtiger. Genauso scheint es mit der vorgeschobenen Wichtigkeit der Braunkohlejobs zu sein. re future
GoaSkin 06.08.2019
2. wen wundert es?
Es wird nicht nur hierzulande eine Wirtschaftspolitik betrieben, die darauf ausgelegt ist, den Großunternehmen kleinere Mitbewerber vom Hals zu halten. Beispielsweise durch die Möglichkeit, sich jedes noch so absurde Alleinstellungsmerkmal schützen zu lassen, wenn man sich gute Anwälte leisten kann und durch komplexe Vorschriften, die nur große Unternehmen durchschauen können - in Verbindung mit einer ausgeprägten Vertragsstrafen- und Abmahnkultur. In vielen Fällen können Leute, die mit ihrem Geld ein Unternehmen gründen möchten, dies auch gleich an eine Anwaltskanzlei spenden.
bierzelt 06.08.2019
3. So wie in DE mit dem Mittelstand verfahren wird
wundert es einen, dass überhaupt noch Firmen gegründet werden. Eine überbordende Bürokratie, mittelstandsfeindliche Politik und eine massive Bevorzugung der Großen seitens der Politik. Allein das ganze Theater Steuern, Gehälter, Finanzen usw ist eine Verbrennungsmaschine für Unternehmensressourcen. Dazu Machwerke wie die DSGVO (bei uns - Kleinunternehmen - 27 Personentage Aufwand!!). Ich kann Startupgründer aus Deutschland verstehen, die lieber nach Silicon Valley gehen als nach Sachsen-Anhalt....
GoaSkin 06.08.2019
4. @Bierzelt
Zitat von bierzeltwundert es einen, dass überhaupt noch Firmen gegründet werden. Eine überbordende Bürokratie, mittelstandsfeindliche Politik und eine massive Bevorzugung der Großen seitens der Politik. Allein das ganze Theater Steuern, Gehälter, Finanzen usw ist eine Verbrennungsmaschine für Unternehmensressourcen. Dazu Machwerke wie die DSGVO (bei uns - Kleinunternehmen - 27 Personentage Aufwand!!). Ich kann Startupgründer aus Deutschland verstehen, die lieber nach Silicon Valley gehen als nach Sachsen-Anhalt....
Ich kann es verstehen, wenn jemand lieber kein Unternehmen gründen möchte, aber nach Silicon Valley? In den USA werden die Großen politisch noch mehr bevorzugt, auch wenn ein paar wenige Startups, die ganz groß geworden sind (Amazon, Google, Facebook) gerne zur Schau gestellt werden. Die USA zeigen auch in Bezug auf Gründerfeindlichkeit und Machtzementierung von Großunternehmen schon heute, wo sich Deutschland morgen hin entwickelt.
susie.soho 06.08.2019
5. Das Problem ist ein anderes:
Zitat von GoaSkinEs wird nicht nur hierzulande eine Wirtschaftspolitik betrieben, die darauf ausgelegt ist, den Großunternehmen kleinere Mitbewerber vom Hals zu halten. Beispielsweise durch die Möglichkeit, sich jedes noch so absurde Alleinstellungsmerkmal schützen zu lassen, wenn man sich gute Anwälte leisten kann und durch komplexe Vorschriften, die nur große Unternehmen durchschauen können - in Verbindung mit einer ausgeprägten Vertragsstrafen- und Abmahnkultur. In vielen Fällen können Leute, die mit ihrem Geld ein Unternehmen gründen möchten, dies auch gleich an eine Anwaltskanzlei spenden.
Welche große Firma oder gar Industrieunternehmen will denn wirklich in den Osten, wenn am Standort jeder 4. Bürger AfD wählt. Das schreckt nicht nur Unternehmer ab! Kleine Start-ups haben da mehr Chancen: sie können gehen, wenn ihnen der Standort nicht passt oder ihnen keine Chance gibt....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.