Warum der Osten nicht aufholt Mühende Landschaften

Ostdeutschland hat eine rasante Entwicklung hinter sich - doch an das Westniveau reicht es auch nach 30 Jahren nicht heran, selbst das Saarland ist weiter. Wirtschaftsexperten zufolge liegt das an der Politik, aber auch an der Bevölkerung.

Fahrradfahrer fährt am Morgen über die Dresdner Marienbrücke
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Auch drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall hinkt die Wirtschaft Ostdeutschlands der in den westlichen Bundesländern weit hinterher. Und die Wirtschaftsexperten vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) sind skeptisch, ob sich daran etwas ändert - zumindest, wenn Bundes- und Landesregierungen ihre Wirtschaftspolitik nach dem bisherigen Muster fortsetzen.

In ihrer am Montag veröffentlichten Studie bescheinigen die Forscher der deutschen Wirtschaft insgesamt eine gute Entwicklung im Verhältnis zu anderen Industriestaaten. Lediglich die US-Wirtschaft habe seit der Wiedervereinigung einen höheren Fortschritt in der Produktivität erzielt.


Wirtschaftsleistung


Mit der rasanten Entwicklung haben zwar auch die ostdeutschen Bundesländer mithalten können. Doch zu mehr reichte es nicht. Auch 2017 noch erreichte ihre Wirtschaftsleistung allenfalls 82 Prozent des Westniveaus. Sogar das westdeutsche Schlusslicht, das Saarland, ist besser dran. Ob Wirtschaftsleistung, Löhne, Zuwanderung oder Bildung: In vielerlei Hinsicht sei nach wie vor die einstige Teilung zwischen DDR und alter Bundesrepublik zu erkennen. "Um die Lücke zu den westlichen Bundesländern zu schließen, hätten die Produktivitätsfortschritte beträchtlich größer sein müssen", erklärte Institutschef Reint Gropp.


Konzerne versus Kleinbetriebe


Aus Sicht vieler ostdeutscher Politiker hängt das Problem eng mit der Tatsache zusammen, dass sich in Ostdeutschland kaum Zentralen großer Konzerne angesiedelt haben. Doch dieser Analyse (ebenso wie der daraus abgeleiteten Forderung nach einer Quote) widersprechen die IWH-Experten. Zwar steige generell die Produktivität mit der Betriebsgröße, sagt Gropp. Doch ein genauerer Blick auf die Statistik zeige, dass der Kern des Problems woanders liege. Denn kleinere Betriebe hinkten ihren Pendants im Westen ähnlich stark hinterher wie die großen.

Gropp sieht das Problem vielmehr bei den staatlichen Subventionen, die in Ostdeutschland noch gängig seien. Diese seien oft an die Bedingung geknüpft, Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen, erklärte Gropp: "Politisch mag das sinnvoll sein, um der Verelendung ganzer Landstriche entgegenzuwirken. Doch man muss sich darüber im Klaren sein, dass es seinen Preis hat: Die Arbeitsproduktivität leidet."


Löhne


Die Produktivitätsunterschiede gehen auch mit Lohndifferenzen einher. Das mittlere Einkommen liegt in Ostdeutschland bei 81 Prozent des Bundesdurchschnitts. Im Westen wiederum existiert, abgesehen von Hamburg und einigen Regionen Nordrhein-Westfalens, ein deutliches Süd-Nord-Lohngefälle. In Ingolstadt und in Erlangen etwa liegt der mittlere Lohn bei 144,4 Prozent des Bundesdurchschnitts - in Cloppenburg bei 81,3 Prozent. In Ostdeutschland reicht die Spanne, abgesehen von Berlin, von 68 Prozent in Görlitz bis 95,5 Prozent in Jena.


Städte und Provinz


Innerhalb Ostdeutschlands wiederum sei allerdings die Spreizung zwischen Metropolregionen und Provinz wesentlich geringer als im Westen. Die IWH-Forscher fordern daher, sich auf die Regionen zu konzentrieren, die größere Wachstumschancen böten: die Städte. Dort entstünden jene hochwertigen Dienstleistungen, die die Wirtschaft mehr und mehr bestimmten. Heute arbeiten bereits drei Viertel der Beschäftigten im Westen in Städten, während es im Osten nur die Hälfte ist.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will aber an seiner Strategie festhalten, sowohl die Metropolen als auch die Regionen zu entwickeln. "Die Sächsische Staatsregierung setzt große Anstrengungen in die Stärkung des ländlichen Raums. Wir haben höhere Förderquoten für Unternehmensansiedlungen außerhalb der Metropolen und haben die Entscheidung getroffen, alle Orte an das schnelle Internet anzuschließen", sagte der Politiker, der in Sachsen am 1. September zur Wiederwahl antritt.


Fachkräfte


Als weiteren Bremsklotz für die ostdeutsche Wirtschaft macht das IWH den zunehmenden Mangel an Fachkräften aus. "Der Osten hatte bis Anfang der Zweitausenderjahre noch einen größeren Anteil hochqualifizierter Beschäftigter als der Westen", beschreibt Gropp die Situation. "Dieser Vorsprung ging mittlerweile aber fast überall verloren." Zudem schrumpfe die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter im Osten künftig deutlich schneller. Auch seien die Schulabbrecherquoten im Osten höher als in Westdeutschland. (Lesen Sie hier die Analyse: Wo Deutschland am schnellsten altert).

Dieser sei zwar inzwischen republikweit ein Problem. Angesichts der viel größeren Anziehungskraft für ausländische Facharbeiter und Akademiker kämen Unternehmen im Westen damit allerdings viel besser zurecht. Ostdeutschland sei hier "in einem Teufelskreis gefangen", befinden die Wirtschaftsexperten. Weil Migranten Orte mit vorhandenen sozialen Netzwerken von Angehörigen ihrer Herkunftsländer bevorzugten, würden die ostdeutschen Länder eher gemieden. Nicht einmal einer von zehn Einwohnern hat im Osten einen Migrationshintergrund. Um qualifizierte Ausländer zu gewinnen, müsse man aber auch der Fremdenfeindlichkeit konsequent entgegenwirken und Weltoffenheit fördern, forderten die Forscher.

Politik kontert

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee steht den Vorschlägen der IWH-Forscher kritisch gegenüber. "Der Befund ist nicht neu und die vorgeschlagenen Rezepte sind überwiegend längst bekannt und wenig hilfreich", sagte der SPD-Politiker. Er hält auch wenig von dem Vorschlag, die Wirtschaftsförderung auf Städte und Zentren zu konzentrieren: "Das sind Vorschläge vom wirtschaftstheoretischen Reißbrett, die in der Praxis kaum helfen", kritisierte er. Es sei keine Option, ganze Landstriche links liegen zu lassen.



insgesamt 70 Beiträge
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ernit 04.03.2019
1. Firmensitze
Es ist ja nicht so, dass sich keine erfolgreichen Firmen im Osten gründen. Aber wenn eine Firma ein bestimmtes Level erreicht, wird sie ja in der Regel von der größeren Konkurrenz aus dem Westen einverleibt und somit ist die Zentrale wieder futsch. Nach der Wende wurde die Wirtschaft im Osten so systematisch platt gemacht, dass der Westen uneinholbar weggezogen ist. Das ist einfach nicht wieder aufzuholen. Ein bisschen vergleichbare Situation wie im Profifußball.
fottesfott 04.03.2019
2. Schon die Prämisse ist doch falsch...
warum muss es denn überall in Deutschland wirtschaftlich gleich gut gehen? Das ist doch unrealistisch. Und war in der alten BRD auch nicht gegeben; damals war es auch im Großraum Frankfurt oder Stuttgart insgesamt prosperierendér als im Bayerischen Wald oder in der Lüneburger Heide. Es sollten alle halbwegs die gleichen Chancen haben, das scheint mir der Fall zu sein. Und wenn in den FNL die Produktivität bei rund 82% liegt und das Gehalt auch, dann ist doch nach klassischen volkswirtschaftlichen Maßstäben alles in Ordnung ?? Das klingt teilweise alles so, als sei die Ex-DDR ein Dritte-Welt-Land oder ein Freilichtmuseum.
freigeist1964 04.03.2019
3. Also wenn ich so sehe wie die Wirtschaft im Westen nur so brummt
in Städten wie Bremerhaven, Oberhausen und Co., dann frag ich auf welchem Niveau im Osten gejammert wird. Als wenn es in den Armenhäusern von "Westdeutschland" auch nur einen deut besser ist als im Osten! Der Unterschied ist, dass der Westen nicht so latent fremdenfeindlich und obrigkeitshörig ist, aber ansonsten tut sich da nichts!
mk70666 04.03.2019
4.
Berücksichtigt man die geringeren Lebenshaltungskosten im Osten (insbesondere Mieten/Immobilien und Dienstleistungen) sind die Reallöhne laut Ifo nur noch 15% geringer als im Westen. Mit solchen Unterschieden muss ein Staat leben können. Für Rentner, Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger bedeutet das niedrigere Preisniveau im Osten laut Ifo sogar ein real höheres Einkommen.
wi_hartmann@t-online.de 04.03.2019
5.
Nach der Wende kamen aus dem Westen Glücksritter, Spekulanten und Großbetrüger zur den Ossis, die damit als Entree nicht die besten Erfahrungen mit den Wessis machten. Diese negative Grundeinstellung hat sich bis heute in weiten Kreisen Ostdeutschlands fortgepflanzt. Dies wird auch immer wieder in Wahlen dadurch bestätigt dass die "staatstragenden" Parteien des Westens ( SPD u. CDU) miese Wahlergebnisse einfahren.
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