Angebliche Ost-West-Unterschiede bei Lebensmitteln Der Käse weißer, die Waffeln knuspriger

Weniger Fisch in Fischstäbchen, kleinere Teeblätter im Beutel: Osteuropäische EU-Staaten beschuldigen globale Konzerne, Markenprodukte in ihren Ländern in geringerer Qualität anzubieten. Was ist dran an den Vorwürfen?

Supermarkt in Ungarn
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Supermarkt in Ungarn


"Lebensmittel-Rassismus" nennt es die polnische Zeitung "Gazeta Prawna". "Zweitklassiges Essen für ein zweitrangiges Land?", fragt das ungarische Blatt "Magyar Idök". Und die bulgarische Zeitung "24 Tschassa" ruft den "Aufstand des armen Europas gegen minderwertiges Essen" aus.

Die Medien osteuropäischer EU-Länder sind derzeit voller derartiger Schlagzeilen. Auch Politiker in der Region empören sich. Es sei "inakzeptabel und erniedrigend", wenn Lebensmittelkonzerne unter demselben Namen schlechtere Ware nach Osteuropa lieferten als in westliche Länder, klagt der slowakische Regierungschef Robert Fico. Und sein ungarischer Amtskollege Viktor Orbán wettert: Es gebe in der EU "doppelte Lebensmittelstandards", der Osten der EU würde als "zweitrangig abqualifiziert" werden.

Schon seit Jahren bemängeln Nahrungsmittel- und Verbraucherschutzbehörden einiger osteuropäischer EU-Mitglieder, dass in ihren Ländern Lebensmittel gleicher Marken und Namen in schlechterer Qualität verkauft würden. Doch erstmals treten die Regierungen der osteuropäischen EU-Länder mit diesem Thema nun gemeinsam auf.

Bei einem Treffen der Visegrád-Länder Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn vergangene Woche in Warschau forderten die vier Ministerpräsidenten von der EU eine Regelung gegen "doppelte Lebensmittelstandards". Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien sowie Griechenland schlossen sich dem Vorhaben diese Woche an, die baltischen Staaten könnten noch folgen. Bereits auf dem Treffen des Europäischen Rates am Donnerstag und Freitag in Brüssel soll das Thema zur Sprache kommen.

Begonnen hatte diesmal alles mit einer Lebensmitteluntersuchung in der Slowakei. Mitte Februar teilte die slowakische Landwirtschaftsministerin Gabriela Matecná mit, man habe 22 Produkte identischer Marken aus Österreich und der Slowakei testen lassen. Bei den meisten seien deutliche Unterschiede festgestellt worden, mehr als die Hälfte würden in der Slowakei in schlechterer Qualität verkauft. Es könne jedoch nicht sein, so Matecná, dass "zwei Klassen von Verbrauchern" bedient werden würden. Kurz darauf wurde in Ungarn Ähnliches bekannt. Eine Untersuchung der Lebensmittelsicherheitsbehörde NÉBIH ergab, dass bei 24 getesteten identischen Produkten die Qualität in Ungarn ebenfalls niedriger gewesen war als in Österreich.

Belege? Bisher dünn

Schnell gewann das Thema an Fahrt. Neben slowakischen und ungarischen Regierungsvertretern meldeten sich auch Politiker aus Tschechien und Polen mit Kritik an internationalen Lebensmittelkonzernen und fehlenden EU-Regelungen zu "doppelten Lebensmittelstandards" zu Wort. Der Tenor: Osteuropäische Konsumenten würden diskriminiert, Brüssel müsse deshalb endlich eingreifen und einheitliche Regeln schaffen.

Doch die Belege für eine solche Diskriminierung bei Lebensmitteln gleicher Marken sind bisher eher dünn. Zwar wurden in der vom slowakischen Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Untersuchung in einigen Fällen tatsächlich messbare Qualitätsunterschiede gefunden. So enthielten Fischstäbchen einer bestimmten Marke in der Slowakei weniger Fisch als in Österreich, Schinken weniger Fleisch und Teebeutel weniger Tee und kleinere Teeblätter.

Andere Untersuchungsergebnisse wirkten eher vage - so soll der Mozzarella-Käse einer bestimmten Sorte in Österreich weißer sein, die Waffeln einer bestimmten Marke würden dort knuspriger schmecken. Ähnliches gilt für die ungarische NÉBIH-Untersuchung, die im Übrigen bereits zwei Jahre alt ist: Eine Cola-Marke schmecke in Ungarn weniger komplex als in Österreich, ein bestimmtes Kakaopulver weniger nach Kakao, Nuss-Nougat-Creme sei in Ungarn weniger cremig, so der Testbericht.

Kunden in ungarischem Supermarkt
AP

Kunden in ungarischem Supermarkt

Die betroffenen Produzenten wie auch Interessenverbände der Branche wiesen die Anschuldigungen denn auch entschieden zurück und kritisierten die Testmethoden als ungenau oder nicht nachvollziehbar. So hieß es beispielsweise bei Lidl und Nestlé, man lasse die untersuchten Lebensmittel nach identischen Rezepturen produzieren und so auch in verschiedenen europäischen Ländern vertreiben. Auch manche kritischen Kommentatoren hinterfragten den "Lebensmittelmüll-Skandal". Als "eigentümliche Gastro-Revolution" und "politischen Populismus" verspottete etwa das ungarische Wirtschaftsblatt "hvg" die Kampagne der Orbán-Regierung gegen "doppelte Lebensmittelstandards".

Auch unabhängige Verbraucherschützer sind vorsichtig. "Das Problem existiert offenbar, allerdings sind die Untersuchungen der Behörden bisher nicht sehr gründlich", sagt die Umwelt- und Verbraucherrechtlerin Anikó Haraszti vom "Verein bewusster Konsumenten" (TVE) in Budapest. In welchem Ausmaß die Formel "gleiche Marke, schlechtere Qualität" stimme, lasse sich erst durch umfassende systematische Untersuchungen klären, die die Behörden vornehmen müssten, so Haraszti.

Allgemeines Problem des osteuropäischen Lebensmittelmarktes

Die Verbraucherschützerin weist jedoch auf ein ganz allgemeines Problem des osteuropäischen Lebensmittelmarktes hin: Das Angebot an billigen und schlechten Lebensmitteln voller Zusatz- und Konservierungsstoffe ist generell weitaus größer als in westlichen Ländern.

Frische, gesunde und hochwertige Produkte sind in der Angebotspalette von großen Lebensmittelketten deutlich weniger vertreten und deutlich teurer - bei Einkommen, die zum Teil weit unter denen westlicher EU-Länder liegen. "Es ist in Ungarn oft nicht für alle erschwinglich, sich gesund zu ernähren und zudem außerhalb der Großstädte schwierig, weil in kleineren Städten und Dörfern tendenziell weniger gesunde Lebensmittel angeboten werden", sagt Haraszti.

Das Thema gesunde Ernährung griffen in einem satirischen Video kürzlich auch Journalisten des populären ungarischen Nachrichtenportals Index auf. Sie fragten sich, warum die Lebensmittelsicherheitsbehörde NÉBIH bei ihrem Vergleich zwischen ungarischen und österreichischen Produkten nur so Ungesundes wie Tütensuppen, Schoko-Waffeln oder Cola überprüft hatte und spielten den Test nach. Fazit: "Es schmeckt alles gleich ekelhaft."



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kevinschmied704 08.03.2017
1. naja
es würde mich denoch nicht wundern, wenn es so wäre. aber davon mal abgesehen, wird zwar dem zugestimmt das Unregelmäßigkeiten auftreten, diese aber nicht von belang seien. also gibt es schon Unregelmäßigkeiten in der Qualität, also haben sie so unrecht nicht... ;)
mhwse 08.03.2017
2. Bitte!
Wer Rindfleisch tagelang kocht, und es ohne frisches Gemüse isst und dann das Ganze als Delikatesse bezeichnet, der muss sich nicht wundern, wenn er dann verschwörungstechnisch von schlechterem, angelieferten Essen ausgeht. Ich hoffe dass die Konzerne da nicht wieder einen Eisberg versteckt haben - zuzutrauen wäre es ihnen. Unabhängig klingt das aber nach schlechtem Gewissen, man beginnt sich von mittelalterlichen Traditionen zu lösen und die vom Westen aufgedrängte und bei weitem schlechtere Alternative (Fastfood..) kritisch zu sehen. Eine eigentlich positiv zu bewertende Kritik - zeigt demokratisches Hinterfragen von Werten und Traditionen - doch gut! Ungarische Veganer dürften dennoch eine exotische Randerscheinung sein ..?
Räuber Hotzenplotz 08.03.2017
3. Unterschiede können schon mal sein, ...
...aber auch Anwendung und Geschmack sind verschieden, schon von daher gibt es manchmal verschieden Rezepturen - Klassiker war der Kaffee. In Osteuropa gab es keine Arabicas, nur Robusta, wenn überhaupt. Nur ums Verrecken hätte dort nach der Wende jemand eine deutsche 100% Arabica Sorte runtergespült, vor allem, wenn es noch eine mit reichlich Säure war. Auch wurde dort anders Kaffee bereitet: türkisch, d.h. Pulver in den Becher, Wasser drauf und abstehen lassen. Dazu muß das Pulver ganz anders gemahlen sein als in D für die Filterkaffeemaschine. Man ist i.d.R. auf der sicheren (=identische Rezeptur) Seite, wenn man Produkte kauft, die sowohl westeuropäische wie auch osteuropäische Sprachen vorne oder auch im Kleingedruckten hinten draufhaben. Beim Kostendruck ergeben auch Produktionsumstellungen immer weniger Sinn; oft günstiger, die Fabrik mit einer Rezeptur zu fahren als immer zu wechseln.
schlupp2002 08.03.2017
4. Noch weniger Fisch
... in Fischstäbchen? - Wie geht das denn bitte schön? Paniermehl - Nix - Paniermehl ist doch jetzt schon umgangssprachlich der Terminus für panierte Fertigprodukte.
keine Zensur nötig 08.03.2017
5. Hamburg
liegt weit weg vom Osten. Dass man statt Zucker nur Chemie verwendet ist nicht nur dünn, sondern eine Sauerei, wenn der gleiche Preis fällig ist - siehe auch ein gewisser Schokoaufstrich. Das 2 Klassen-Europa lässt grüßen. Ebenso die meist deutschen Nahrungsmittelkonzerne. Gute Nacht EU -
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