Unterwegs mit einem Paketzusteller Ausgeliefert

Noch schnell ein Geschenk im Internet bestellen? Paketboten wie Milan Dragov leiden kurz vor Weihnachten unter besonders heiklen Arbeitsbedingungen. Der SPIEGEL hat ihn auf einer Tour begleitet.
Paketbote Dragov

Paketbote Dragov

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

An einem nasskalten Dezembertag gegen 12.30 Uhr läuft Milan Dragov eine enge Wohnstraße entlang, steuert einen backsteinernen Hauseingang an, drückt eine Klingel, wartet, drückt die Klingel nochmals, dann weitere Klingeln, bis jemand aufmacht, läuft Treppen hinauf, erster Stock, im Laufen den Scanner zücken, zweiter Stock, schon mal das Unterschriftenfenster aufrufen, dritter Stock, rechte Wohnung, "Hermes, hier, bitte, unterschreiben".

Unten auf der Straße quetschen sich Pkw an Dragovs warnblinkendem Lieferwagen vorbei. Als er zurückkommt, verdreht einer der vorbeifahrenden Autofahrer die Augen.

Milan Dragov, geboren in Bulgarien, ist 45 Jahre alt, hat dicke Oberarme und kleine blaue Augen wie Wladimir Putin. Er ist einer von Hunderttausenden Paketboten, die mit ihren oft verbeulten Lieferwagen die Straßen zuparken. Einer von denen, denen gerade jetzt, da die letzten Weihnachtspakete verschickt werden, oft vorgeworfen wird, sie würden ja sowieso nie klingeln, sondern immer gleich einen dieser "Ihr Bote war hier"-Zettel an die Tür kleben.

Dabei profitieren die Leute, die auf ihn schimpfen, massiv von Dragov - und vom System der Ausbeutung, in das er verstrickt ist. Mehr als 3,5 Milliarden Paketsendungen wurden 2018 zugestellt, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von Hilfsarbeitern wie Dragov, deren Arbeitszeiten und Löhne jedem deutschen Gesetz spotten.

Ex-Ver.di-Chef Frank Bsirske hat die Zustände in der Paketbranche einmal als "mafiös" bezeichnet. Doch trotz heftiger Kritik existiert das System weiter. Denn Verbraucher kaufen gern im Internet ein. Tagelöhner arbeiten lieber zu menschenverachtenden Konditionen als gar nicht. Und die Regierung hat zwar ein Gesetz erlassen, wonach Logistikkonzerne auch für ihre Subfirmen haften; die Behörden beschäftigen aber zu wenig Kontrolleure, um das Gesetz durchzusetzen.

Menschen wie Dragov werden deshalb ausgebeutet - vor allem im November und Dezember, in der Advents- und Black-Friday-Zeit, wenn im Schnitt 75 Millionen Pakete mehr zugestellt werden als in allen anderen Monaten des Jahres.

Dragovs Paketdepot

Dragovs Paketdepot

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

Dragovs Arbeitstag beginnt früh. Ab 5 Uhr eilt er durch eine weitläufige Lagerhalle, nimmt Pakete, die ein türkischer Teamkollege einscannt, von einem großen Tisch und schmeißt sie in rollbare, übermannsgroße Eisenkäfige.

Es sind schwere Weinkisten dabei, sperrige Amazon-Sendungen, leichte Päckchen von H&M, Limango und Otto - wichtigen Hermes-Kunden. Der Strom der Päckchen reißt nie ab, Lagerarbeiter schaffen immer neue Paletten heran, 8000 Pakete müssen heute sortiert werden.

Ich stehe neben Dragov und helfe, so gut ich kann, mit. Wir hatten uns in einer Einkaufsstraße kennengelernt, er lieferte gerade mit einer Sackkarre Pakete aus, gleich neben einem Weihnachtsmarkt, auf dem die Tasse Bioglühwein 3,50 Euro kostet, etwas mehr als Dragov nach eigenen Angaben an fünf zugestellten Paketen verdient.

Dragov bot an, mich einen Tag mitzunehmen, "damit du weißt, was das für ein Sklavenjob ist". Er bat, seinen Namen und persönliche Details zu ändern, weil er seinen "Sklavenjob" braucht.

"Du musst zu jedem nett sein, und du darfst niemandem trauen"

Eigentlich habe er einen Universitätsabschluss, sagt Dragov. Er habe einen guten Job gehabt, doch die Firma, für die er arbeitete, sei im Frühjahr pleitegegangen, und er habe nichts Neues gefunden, um seine Familie zu ernähren. Ein Freund habe ihm die Arbeit bei einem Subunternehmer von Hermes besorgt, einen regulären Arbeitsvertrag habe er nie bekommen. Nachprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

In der Halle gibt es noch Dutzende weitere Arbeiter. Ich gehe umher und sehe mich um. Frauen sortieren Versandtüten von Modemarken in Plastikkisten, Männer wuchten Weinkisten und Paketpaletten umher, Vorarbeiter rufen Kommandos, ein Gettoblaster spielt türkischen Pop, es riecht nach Schweiß und nach dem Rauch der Zigaretten, die viele Paketesortierer im Mundwinkel haben. Niemand scheint sich zu wundern, was ich hier mache.

Dragov sagt, er sei jeden Morgen hier im Lager, um sein Paketbotengehalt aufzubessern, etwa 500 Euro zusätzlich bringe der Depotjob im Monat, gutes Geld, bar auf die Hand. Sein türkischer Teamkollege sei auch oft hier. Er nennt ihn Pezevenk, was übersetzt Zuhälter heißt, in diesem Fall aber Ausdruck ihrer Männerfreundschaft sein soll.

Wenn ihre Paletten voll sind, schieben Dragov und Pezevenk sie hinaus auf den Hof, zu den Dutzenden dort parkenden Lieferwagen. Einmal klemmt sich Pezevenk den kleinen Finger zwischen zwei Paletten ein, sein Gesicht verzieht sich, die Fingerkuppe schwillt leicht an, Pezevenk schiebt die Palette einfach weiter durch die Halle. Hinterher wird Dragov erzählen, die Vorarbeiter würden einen oft anbrüllen, wenn man bei der Arbeit nicht aufpasse.

Das Unternehmen Hermes wird später mitteilen, dass man derartige Zustände selbstverständlich nicht dulde, weder Angestellte ohne Arbeitsvertrag noch Verstöße gegen Vorschriften der Ersten Hilfe seien akzeptabel. "Wir nehmen den beschriebenen Sachverhalt sehr ernst", schreibt eine Sprecherin.

Parkplatz vor Dragovs Depot

Parkplatz vor Dragovs Depot

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

Gegen 9.30 Uhr beginnt Dragov, seinen Lieferwagen zu bepacken, die Flachbildfernseher an die Seite, die übrigen Päckchen übereinander, nach Straßen sortiert, was zuerst geliefert wird, kommt ganz zum Schluss in den Van. Die Sendungen mit teurem Inhalt, die er in einem Extrabereich des Lagers bekommt, legt Dragov vorn in den Fond. Manche Fahrer würden klauen wie die Raben sagt er. "Du musst hier zu jedem nett sein, und du darfst niemandem trauen."

Gegen 11.30 Uhr fährt Dragov vom Hof. Nur rund hundert Pakete heute, jedes zugestellte bringe 65 Cent, sagt er. Auch das wäre ein Verstoß gegen die offiziellen Vorgaben von Hermes, laut denen Paketboten nach Arbeitszeit bezahlt werden müssen, nicht nach Stückzahl. Subunternehmen stattet Hermes nach eigenen Angaben finanziell so aus, dass sie einen Stundenlohn von mindestens 10,15 Euro zahlen können, regional auch deutlich mehr.

Auf dem Beifahrersitz liegt Dragovs Mittagsessen: eine Tüte Erdnussflips, eine Tüte Paprikachips. Im Laufe des Tages werden noch ein Apfel, ein paar Bonbons und ein halber Christstollen hinzukommen - Geschenke einfühlsamer Paketempfänger, die wissen, dass Dragov kaum Zeit für reguläre Mahlzeiten hat.

Zusammen mit der Lagerarbeit verdiene er im Monat rund 1500 Euro netto, sagt Dragov. Rund 500 Euro gingen fürs Wohnen und Essen drauf, den Rest schicke er seiner Familie.

Anfeindungen und Mitleid

Dragov fährt durch enge Straßen, nähert sich ein Ablieferort, schlägt sein Hermes-Navi Alarm. Einige Empfänger können sich nicht erinnern, was sie bestellt haben. Ein Student öffnet in Unterhose die Tür. Eine Frau mit Rastazöpfen kommt Dragov im Treppenhaus entgegen, damit er nicht so hoch steigen muss.

Ein älterer Mann schenkt ihm Schokolade, die Dragov später an einen Jungen weiterverschenkt. Vor dem Lager einer antikapitalistischen Kommune drückt Dragov einmal kräftig die Hupe und kurbelt das Seitenfenster herunter, ein Hippie kommt aus seinem Campingwagen, "Hermes, hier, bitte, unterschreiben".

Trinkgeld bekommt Dragov nicht. Er sagt, das komme nur selten vor, meist seien es ärmere alte Leute, die ihm ein, zwei Euro zusteckten. Viel mehr aber enttäusche ihn, wie oft sich Menschen weigerten, ein Paket für ihre Nachbarn entgegenzunehmen. Er imitiert ein lautes, aus dem Bauch gepresstes "Noiiin". So redeten manche mit ihm, erzählt er empört.

Dass manche Kunden betont freundlich sind, vielleicht weil sie ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen haben, nimmt Dragov offenbar nicht wahr. Auch die teils mitleidig wirkenden Blicke scheint er zu übersehen. Vielleicht will er sie auch übersehen.

Es scheint mitunter die Hermes-Uniform zu sein, die solche Reaktionen provoziert. Denn der Logistikkonzern kooperiert mit vielen Subunternehmen . Es ist ein branchenüblicher Kniff, um Kosten zu drücken, aber eben auch ein PR-Risiko. Nicht alle Subunternehmen sind ehrlich und rechtschaffen, manche beuten ihre Paketboten aus - was, wenn es herauskommt, zu schlechten Schlagzeilen führt.

Einkaufsstraße in Hamburg

Einkaufsstraße in Hamburg

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

In der Einkaufsstraße, in der ich Dragov traf, war noch ein sehr junger DHL-Bote unterwegs. Er erzählte, dass er mit seinen Eltern aus Afghanistan geflohen sei. Dass er ein fixes Monatsgehalt verdiene, rund 1700 Euro netto. Dass er täglich acht Stunden arbeite und für Überstunden stets Freizeitausgleich bekomme. Der Job sei das Beste, was ihm seit Langem passiert sei. "Letzte Woche habe ich einen Jahresvertrag unterschrieben."

Paketbote kann also ein guter Beruf sein, das weiß auch Milan Dragov. Er will sich trotzdem nicht bei einem anderen Zusteller bewerben. Er suche wieder nach anderen Jobs, er wolle über Nacht kündigen können. Zudem habe er sich bei Hermes inzwischen eine gewisse Infrastruktur aufgebaut.

Er meint die hilfsbereiten Nachbarn, Kneipenbesitzer oder Hotelrezeptionisten, die auch Pakete für umliegende Häuser entgegennehmen. Die Empfänger müssen sich dann zwar dorthin bequemen; dafür schafft Dragov mehr Pakete. Besonders bei Touren mit 250 oder mehr Sendungen sei das essenziell, erzählt er.

Die netten Nachbarn helfen allerdings nicht nur Dragov. Sie verstetigen auch das System der Ausbeutung. Solange Zusteller dank Tricks ihr Pensum schaffen, wird das Personal nicht ausreichend aufgestockt. Und solange Dragov auf seinen Touren nicht zusammenklappt, sinkt sein Paketsoll nicht auf ein realistischeres Niveau.

Dauerschicht von 5 bis 23 Uhr

Er selbst mag das so wollen, wegen seiner Familie. Doch dass Dragov, wie er erzählt, teils von 5 bis 23 Uhr schuftet, oft ohne längere Pause, verstößt nicht nur gegen die Menschenwürde, sondern auch gegen das deutsche Arbeitszeitgesetz. Laut diesem darf man maximal zehn Stunden pro Tag arbeiten, im Schnitt acht Stunden pro Tag nicht überschreiten und muss regelmäßig längere Pausen machen.

Hermes teilt dazu mit, man erwarte "von jedem Servicepartner die vollumfängliche Einhaltung sämtlicher Gesetze - insbesondere solcher, die die Entlohnung sowie Arbeits- und Ruhezeiten regeln". Man habe seit 2012 einen aufwendigen Sicherheitsmechanismus installiert, um derartige Verstöße aufzudecken und zu ahnden.

Der Mechanismus sehe unter anderem vor, dass Subunternehmen regelmäßig von einem unabhängigen Prüfinstitut kontrolliert würden. Angestellte von Subunternehmen würden zudem per Flyer in neun Sprachen über ihre Rechte aufgeklärt und könnten Gesetzesbrüche anonym melden. Sie könnten sich zudem an einen Ombudsmann wenden.

"Sollten Verstöße festgestellt werden, trennen wir uns in letzter Konsequenz von einem Servicepartner", schreibt eine Sprecherin. Ohnehin wolle man künftig wieder verstärkt eigene Zusteller einsetzen. Wann genau, schreibt sie nicht.

Dragov kann über solche Versprechen nur lachen. Sein momentanes Leben bestehe aus arbeiten und schlafen, sagt er. Subunternehmer müsste man sein, wie sein Chef. Dann würde man pro Paket 1,30 Euro bekommen, dann wäre das Leben leichter.

Ex-Subunternehmerin Hermi

Ex-Subunternehmerin Hermi

Foto: Stefan Schultz/ DER SPIEGEL

Dass das nicht unbedingt stimmt, kann Anna Hermi, 58, erzählen. Die schmächtige, blonde Frau aus Hildesheim hat zehn Jahre lang als sogenannte Systempartnerin für einen anderen großen Logistikkonzern gearbeitet.

Systempartner, sagt Hermi, sei ein Euphemismus für Subunternehmen, für jene Firmen also, denen nachgesagt wird, sie beuteten Menschen wie Dragov aus. Dabei werden die Subunternehmen oft selbst ausgebeutet. "Wir sind keine Partner, sondern der Popo des Systems", sagt Hermi. "Und unsere Angestellten sind das, was aus dem Popo rauskommt."

Sie habe in guten Zeiten bis zu 16 Angestellte gehabt, erzählt Hermi, dazu einen kleinen Fuhrpark. Ihren Paketboten habe sie ein monatliches Festgehalt gezahlt, etwa 1700 Euro brutto. Trotzdem habe einer Benzin aus den Lieferwagen geklaut. Ein anderer habe seinen Van während einer Tour einfach stehen gelassen und sei abgehauen. Ein Dritter habe Pakete geklaut.

Hermi sagt, sie habe sich gegenüber ihren Fahrern nicht durchsetzen können. Irgendwann habe sie Insolvenz anmelden und mit ihrem Privatvermögen haften müssen. Dazu habe sie Ärger mit dem Zoll bekommen, weil sie teils Aushilfen unter der Hand beschäftigt habe. Heute sitze sie auf einer halben Million Euro Schulden und habe schwere Depressionen.

Am Abend schickt Dragov eine SMS. "18.18 Uhr. Tour beendet", schreibt er. "Alle Pakete zugestellt. Jetzt zu Hause und bereit zu schlafen." Ich hatte mich gegen 14 Uhr von ihm verabschiedet.

Die Bilanz von Dragovs Arbeitstag: Rund 65 Euro für knapp neun Stunden Paketzustellen. Ein Stundenlohn von 7,22 Euro, mehr als 20 Prozent unter dem Mindestlohn. Berücksichtigt man die morgendliche Schufterei im Depot, hat Dragovs Subunternehmen zudem die gesetzliche Höchstarbeitszeit um 3,5 Stunden überschritten.

Milan Dragov denkt anders darüber. Für ihn war das ein eher kurzer, ziemlich erfolgreicher Tag.

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