"Panama Papers" Bisher rund 150 Steuerstrafverfahren eingeleitet

Seit Mitte 2017 arbeiten hessische Steuerfahnder und BKA-Beamte an der Auswertung der "Panama Papers" über geheime Offshore-Gesellschaften. Einige Millionen Euro Steuergeld konnten sie damit bereits sichern.

Armin Wolf, Leiter der Ermittlungsgruppe Olet
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Armin Wolf, Leiter der Ermittlungsgruppe Olet

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Sie sitzen auf einem gewaltigen Datenberg: 3,2 Terabyte mit 49 Millionen Dokumenten, E-Mails, Formularen, Tabellen, Ausweiskopien. Wenn man das alles auf Papier ausdrucken und die Blätter hintereinanderlegen würde, käme eine Strecke von mehr als 10.000 Kilometern Länge zusammen, rechnet der hessische Steuerfahnder Armin Wolf vor. Und das, sagt Wolf, sei sogar noch etwas mehr als die Entfernung von Deutschland nach Panama.

Wolf ist Chef der "Ermittlungsgruppe Olet", einem Team von acht Fahndern des Finanzamtes Kassel II, die zusammen mit etwa 20 Leuten des Bundeskriminalamts die "Panama Papers" auswerten. Darin stecken, unter anderem, Informationen zu mehr als 270.000 Offshore-Gesellschaften und ihren Besitzern aus aller Welt.

Viele dieser Menschen haben ganz offensichtlich versucht, zumindest Teile ihres Vermögens und ihrer Einkünfte vor den Steuerbehörden ihrer Heimatländer zu verbergen. Seit August 2017 arbeiten Wolf und seine Kollegen daran, dass die Finanzbehörden all diese Informationen doch noch in die Finger kriegen - um die Steuern nachträglich einzutreiben.

Kasseler Steuerfahnder werten Daten aus

Einfach ist das nicht. Denn die Dateien, sagt Wolf, seien überwiegend in Englisch und Spanisch verfasst, zudem weitgehend "unsortiert und unstrukturiert". Sie stammen aus den Computern der panamaischen Kanzlei Mossack & Fonseca, die ihrem internationalen Kundenstamm über Jahrzehnte hinweg ein klandestines Komplettangebot offerierte: Gründung und Verwaltung von Scheinfirmen in Steueroasen, in denen allenfalls ein extrem niedriger Steuersatz auf Gewinne abgeführt werden muss - und bei denen die Identität der Besitzer vor den Behörden geheim bleibt.

Zu den Angeboten gehörten beispielsweise ein "Virtual Office Service" oder ein "Nominee-Director", also ein Strohmann, sowie das Versprechen einer "vollständige Trennung" des Vermögens in der Offshore-Gesellschaft von der Identität seines Besitzers.

Im Jahr 2016 landeten die Informationen, offenbar von einem Insider kopiert, zunächst bei einem internationalen Mediennetzwerk, dem in Deutschland die "Süddeutsche Zeitung" angehört. Ein knappes Jahr später kaufte das Bundeskriminalamt (BKA) eine mittlerweile aktualisierte Version der Dateien, angeblich für einen siebenstelligen Betrag. 316.000 Euro steuerte das Land Hessen zu diesem Kauf bei. Und außerdem die Kompetenz und Arbeitskraft seiner Steuerfahnder in Kassel, die sich nun als "Dienstleister" für Finanzämter im In- und Ausland sehen und die Daten mithilfe eines IT-Systems zentral auswerten.

Etwa 150 Steuerstrafverfahren eingeleitet

Für den hessischen Finanzminister Thomas Schäfer ein lohnendes Geschäft. Bisher wurden laut Schäfer ungefähr 290.000 Dokumente über rund 1500 Offshore-Firmen so aufgearbeitet und zusammengestellt, dass sie mit allen nötigen Angaben über Besitzer und Vermögensentwicklung an Finanzämter weitergereicht werden konnten. Daraufhin seien in etwa 150 Fällen Steuerstrafverfahren eingeleitet oder bereits laufende Verfahren mit zusätzlichen Informationen angefüttert worden, sagt Schäfer.

Insgesamt hätten die Steuerbehörden damit bisher bundesweit etwa 4,2 Millionen Euro an "Mehreinnahmen" erzielt, sagt Schäfer. Das ist deutlich weniger als die Summe von 150 Millionen Euro, die vor einigen Wochen von diversen Medien als "zurückgeholtes Geld" für Deutschland genannt worden war. Ob diese Größenordnung erreicht werden kann, ließ Schäfer offen. Allerdings seien viele Verfahren noch nicht abgeschlossen und der riesige Datensatz auch noch nicht komplett ausgewertet.

Schäfer setzt ohnehin vor allem auf einen "generalpräventiven Ansatz" der Aktion: Wer immer daran gedacht habe, sein Geld oder seine Schwarzgeld-Gewinne in Offshore-Gesellschaften vor den Behörden zu verstecken, wisse spätestens seit dem Leak der Panama-Papers, dass dies mit einem erheblichen Entdeckungsrisiko verbunden sei: "Steuerkriminalität ist nicht zu dulden und wird entschieden bekämpft", sagte Schäfer.

Hinweise auf Drogen- und Waffenhandel

Überdies hätten die Papiere auch zu einem nennenswerten Beifang geführt: Die Beamten seien in den Unterlagen der Offshore-Firmen auf Geschäfte gestoßen, die auch jenseits des Steuerbetrugs intensive Ermittlungen des Bundeskriminalamts rechtfertigen. Hinweise auf Drogen- und Waffenhandel beispielsweise.

Steuerfahnder Wolf rechnet damit, mindestens bis noch zum Jahresende mit der Auswertung der "Panama Papers" beschäftigt zu sein. Das Know-how, das die Kasseler "Olet"-Truppe dabei erworben habe, helfe aber anschließend auch bei der Auswertung weiterer geleakter Dateien aus Steuerparadiesen, die inzwischen bei den Behörden eingegangen seien - unter Namen wie "Malta-Leaks", "Bahamas-Leaks" oder "Zypern-Leaks".

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
53er 24.04.2019
1. Passender Name
für die Kasseler Truppe, Olet. Ja nicht nur die Taten, auch die Täter stinken mittlerweile zum Himmel. Gibt es Wiederholungstäter, die auch bei anderen "Gelegenheiten" schon mal auffällig wurden und die ihren überfälligen Obolus nachentrichten mussten? Was geschieht mit denen? Sind die dann endlich reif für die Gitterstäbe oder gibt es da wiedermal einen Grund Milde walten zu lassen? Die CDU/CSU wird schon einen finden.
isi-dor 24.04.2019
2.
Zitat von 53erfür die Kasseler Truppe, Olet. Ja nicht nur die Taten, auch die Täter stinken mittlerweile zum Himmel. Gibt es Wiederholungstäter, die auch bei anderen "Gelegenheiten" schon mal auffällig wurden und die ihren überfälligen Obolus nachentrichten mussten? Was geschieht mit denen? Sind die dann endlich reif für die Gitterstäbe oder gibt es da wiedermal einen Grund Milde walten zu lassen? Die CDU/CSU wird schon einen finden.
Milde gegenüber Schwerstkriminellen ist nicht angemessen.
steueragent 24.04.2019
3. Hoffentlich habe ich das falsch verstanden.
Wegen vereinfacht gesagt zwei Euro fuffzig rödeln sich da ein Haufen Leute jahrelang einen ab. Da möchte ich schon mal gerne wissen, was das ganze soll. Und mit dem vielen Geld wird dann der Segelmast von der Gorch Fock finanziert oder wie?
krustentier120 24.04.2019
4. Warum so gleichgültig?
Ich frage mich immer, warum das Interesse an diesem Thema nicht viel größer ist? Hier werden wir braven Steuerzahler wirklich abgezockt von Kriminellen. Dagegen ist das bisschen was wir für Immigration in Vorleistung gehen Peanuts.
ludwig49 24.04.2019
5. Immerhin ein Fortschritt..
...dass die Ermittler aus fadenscheinigen Gründen noch nicht versetzt oder krankheitsbedingt vorzeitig in den Ruhestand abgeschoben wurden. Die Hessen haben da Erfahrung !
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