Deutsche Banken Kurzer Draht nach Panama

Fast alle großen deutschen Banken tauchen in den Panama Papers auf. Die Institute halfen ihren Kunden, Briefkastenfirmen einzurichten. Wie sauber lief das ab?

Bankenskyline in Frankfurt
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Nein, mit Muammar al-Gaddafi habe man nie etwas zu tun gehabt. Mossack Fonseca (Mossfon), die Anwaltskanzlei im Fokus der Panama-Papers-Enthüllungen, betont auf ihrer Internetseite, nie eine Scheinfirma für den libyschen Ex-Diktator betrieben zu haben.

Begründung: Die libyschen Behörden hätten sich noch nicht gemeldet. Was wohl kaum verwundert, bei einem Land, das schwer vom Bürgerkrieg gezeichnet ist.

In einem langen Statement versucht die Anwaltskanzlei, der undurchsichtige Finanzgeschäfte mit Briefkastenfirmen vorgeworfen werden, die weltweite Berichterstattung als unseriös darzustellen: "Diese Berichte stützen sich auf Vermutungen und Stereotypen." Mossfon überprüfe seine Klienten genau. Klar sei aber auch: "Unsere Firma ist selbst keine Regulierungs- oder Strafverfolgungsbehörde."

Mit einem hat die Kanzlei aus dem mittelamerikanischen Steuerparadies definitiv recht: Allein konnte sie das Geschäft mit geheimen Briefkastenfirmen nicht betreiben. Ihre Klienten bekam sie von Banken, die die Geschäfte teilweise bereits eingeräumt haben. Fraglich bleibt, wie genau sie bei ihren Kunden nachfragten, ob da nun Schwarzgeld oder hinterzogene Steuern in die Firmenhülle übertragen wurden? Das will nun auch die Bankenaufsichtsbehörde BaFin überprüfen, Justizminister Heiko Maas (SPD) droht ebenfalls mit Konsequenzen für die Geldhäuser.

Scheinfirmen für Multimillionäre waren "gängige Praxis"

Fast alle großen deutschen Institute vermittelten ihre vermögenden Kunden offenbar gerne an Mossfon, die Deutsche und die Berenberg Bank räumten das bereits ein. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) belegt anhand von Mails zwischen Mitarbeitern der zweifelhaften Kanzlei und denen deutscher Banken, wie eng deren Kooperation war.

So schulte Mossfon etwa Bankmitarbeiter darin, wie Briefkastenfirmen eingerichtet und aufgelöst werden. An sich ist das nicht verwerflich, solche Firmen können für völlig legale Zwecke genutzt werden.

Immer scheint das aber nicht der Fall gewesen zu sein: Nachdem der automatische Informationsaustausch zwischen EU-Ländern das deutsche Bankgeheimnis 2005 quasi abschaffte, wuchs die Zahl der Scheinfirmen bei Mossack Fonseca, die von deutschen Banken verwaltet wurden, von weniger als 50 auf mehr als 350. Für die Banken offenbar kein Grund, genauer bei ihren vermögenden Kunden nachzufragen.

Für Martin Faust, Bankenprofessor an der Frankfurt School of Finance, zeigen die Panama Papers einen Blick in ein dunkles Kapitel der deutschen Geldhäuser: "Wir sprechen über Altfälle, die aber üblich waren. Es war gängige Praxis, Kunden mit zweistelligen Millionenvermögen solche Steuersparmodelle anzubieten."

Tatsächlich haben sich mehrere Banken aus zweifelhaften Geschäften zurückgezogen. Die Privatbank Berenberg beendete laut "SZ" Ende 2015 ihre Geschäftsbeziehungen zu Mossack Fonseca. Bis dahin hatte Berenberg aber gut an den Geschäften verdient: Zeitweise habe das kleine Haus mit vielen wohlhabenden Kunden so viele Konten von Offshoregesellschaften betreut wie keine andere deutsche Bank, schreibt die Zeitung.

Deutsche Bank fürchtete um Kundendaten in Panama

Warum ließen sich die Geldinstitute trotz des drohenden Reputationsverlustes auf die Geschäfte ein? Bankenexperte Faust sieht Konkurrenzdruck als Grund: "Die Banken mussten mithalten. Vermögende Kunden konnten auch zu einer britischen oder Schweizer Bank gehen, wenn sie die gewünschten Dienstleistungen nicht bekamen."

In Schutz nehmen will er die Banker jedoch nicht: Zumindest ein Teil habe die Geschäfte nicht weiter hinterfragt, teilweise wohl auch "aktiv beraten" - also die Kunden erst auf die Idee gebracht, eine solche Gesellschaft einzurichten. Der Herkunft des Geldes sei eher pro forma nachgegangen worden, eine ungestörte Kundenbeziehung sei oft wichtiger gewesen.

Das belegen auch die Panama Papers: Wenn die Geheimgeschäfte den Banken Sorgen bereiteten, dann eher weil sie für ihre Kunden nicht geheim genug waren: Die Namen ihrer Kunden verheimlichte die Bank teilweise sogar vor der Anwaltskanzlei - offenbar traute man niemandem. Eine Mitarbeiterin der Deutschen Bank schrieb Anfang 2014 an einen Mossfon-Mitarbeiter, der Datenschutz in Panama sei ja "nicht so hoch wie in anderen Jurisdiktionen".

Ihren Kulturwandel nach der Finanzkrise hatte die größte deutsche Bank da übrigens längst versprochen.

Faust sieht Zeichen für konkreten Kulturwandel

Dennoch glaubt Martin Faust, dass sich die deutschen Banken insgesamt in den vergangenen Jahren zum Besseren gewandelt haben - auch auf Druck aus Übersee: "Die USA üben inzwischen großen Druck aus, bei allem, wo Geldwäsche oder Terrorfinanzierung dahinterstecken könnte", sagt der Bankenexperte. Für Vergehen drohen den Geldhäusern dort hohe Geldstrafen oder gar der Lizenzentzug.

Auch der Druck der deutschen Öffentlichkeit sei seit der Finanzkrise größer. "Inzwischen verzichten die Banken eher auf ein Geschäft mit einem russischen Oligarchen, aus Angst vor dem Reputationsverlust." Faust sieht die Trennung der deutschen Banken von ihren Luxemburger und Schweizer Töchtern als ein Zeichen für einen konkreten Kulturwandel.

Ganz so schwer dürfte ihnen das auch nicht fallen. Die Verwaltung großer Vermögen war nie das Kerngeschäft der deutschen Banken, Schweizer und Briten dominieren diesen Bereich der Bankdienstleistungen seit jeher. Die Multimillionäre, die ihr Vermögen weiterhin verstecken wollen, können sich einfach einen neuen Verwalter ihrer Scheinfirmen suchen.

Zusammengefasst: Die Enthüllung der Panama Papers lässt auch deutsche Geldinstitute schlecht aussehen: Fast alle deutschen Großbanken vermittelten Kunden an die Kanzlei Mossack Fonseca, die Scheinfirmen für sie einrichtete. Ein Experte glaubt, dass die Banken nicht so genau kontrollierten, ob die Firmenkonstrukte nur für legale Zwecke genutzt wurden. Inzwischen habe bei den deutschen Banken aber ein Kulturwandel eingesetzt.

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