Panama und die Offshore-Firmen "Todesurteil für unsere Finanzindustrie"

Die Panama Papers rücken das Land in ein schlechtes Licht - was dort mehr Empörung als Scham erzeugt. Tatsächlich scheint Panama abhängig von den diskreten Geschäften. Ändert sich das nun?

Skyline von Panama City
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Skyline von Panama City

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In aller Welt dachte man bislang beim Stichwort "Panama" zuerst an den Kanal - und in Deutschland vielleicht noch an Janosch. Seit ein paar Tagen ist eine weitere Assoziation dazu gekommen: Panama, ein Hort diskreter Banker und Anwälte, die sich auf die Gründung von Briefkastenfirmen spezialisiert haben - viele davon in Panama selbst, noch mehr allerdings in anderen Steueroasen.

Panama, so brachte es Angel Gurría, Chef des Industrieländerclubs OECD auf den Punkt, sei "die letzte große Bastion" für Steuerflüchtlinge. Andere Kommentatoren nannten Panama ein "Kriminellen-Eldorado" und einen "Schandfleck der globalisierten Welt".

In dem lateinamerikanischen Land ist man über die neue Berühmtheit alles andere als erfreut. Die vorherrschende Reaktion auf die weltweiten Veröffentlichungen der sogenannten Panama Papers ist weniger Scham, sondern Empörung. Und das nicht nur in der Regierung, die Gurrías Äußerung als "unfair und diskriminierend" zurückwies. Auch die einheimische Presse sieht das Land verunglimpft. Panama schütze keine Korrupten und Drogenhändler, schrieb etwa die Tageszeitung "La Estrella", wie die "Welt" berichtet.

Schließlich sei Panama auf dem richtigen Weg, argumentiert die Regierung: Im vergangenen Jahr habe man neue Gesetze für Banken und Versicherungen erlassen. So sind unter anderem Anwälte und Banker nun verpflichtet, Ermittlern bei Bedarf die wahren Inhaber von Briefkastenfirmen zu nennen. Nicht umsonst sei man bereits vor Jahren von der Schwarzen Liste und gerade erst sogar von der Grauen Liste gestrichen worden, auf der die OECD jene Länder führt, die sich dem Kampf gegen Steuerflucht verweigern.

Rückzieher bei automatischem Datenaustausch

Tatsächlich stellen sich Fragen:

  • Wieso streicht die OECD ein Land, das sie als Bastion der Steuerflucht- und Geldwäscheindustrie einschätzt, von allen einschlägigen Listen?
  • Wie wichtig ist diese Industrie für Panama?
  • Und ist Panama wirklich auf dem Weg zum Transparenz-Musterstaat - erst recht, nachdem der internationale Druck durch die neuen Enthüllungen nun immens werden dürfte?

Dass Panama von der OECD-Liste gestrichen wurde, lag tatsächlich an den neuen Gesetzen - sowie an der Zusage des Landes, an dem automatischen Austausch von Steuerdaten teilzunehmen, zu dem sich bislang 96 Staaten verpflichtet haben und der 2017 starten soll. Allerdings hat Panama inzwischen einen Rückzieher gemacht und wird sich doch nicht daran beteiligen.

Zudem ermöglichten die neuen Gesetze der OECD zufolge lediglich, dass die Transparenz des Finanzsektors in Panama künftig überprüft werden könne. Dennoch "bleibe Panama deutlich hinter anderen vergleichbaren internationalen Finanzzentren zurück", stellt die OECD nun klar. Dass Panama von den OECD-Listen verschwand, ist also keineswegs ein Beleg für neue und ausreichende Transparenz.

Wie bedeutend das einschlägige Geschäft für das Land ist, manifestiert sich am auffälligsten in der Skyline der Hauptstadt: Bürotürme von Banken und Kanzleien drängen sich dicht an dicht, immer neue kommen dazu, der Bauboom ist seit Jahren ungebrochen. Wer aber offizielle Zahlen über den Sektor bekommen möchte, stößt auf Schweigen, berichten Journalisten vor Ort - ganz im Gegensatz zu Zahlen und Fakten über den Panama-Kanal, die bereitwillig genannt werden.

"Todesurteil für unsere Finanzindustrie"

Dennoch finden sich indirekt auch in offiziellen Zahlen Hinweise auf die große Abhängigkeit des Vier-Millionen-Einwohner-Landes: Laut der bundeseigenen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI) entstanden 41,4 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2013 im Bereich "Sonstiges" - ein Großteil davon dürfte aus dem Finanzsektor und den Dienstleistungen der Kanzleien bestehen.

Dem Internationalen Währungsfonds zufolge betrug die Wirtschaftsleistung Panamas im Jahr 2003 knapp 13 Milliarden Dollar. Seitdem legte sie jedes Jahr mit einer Ausnahme um mehr als fünf Prozent zu, zuletzt betrug sie rund 47,5 Milliarden Dollar. Die Arbeitslosenquote fiel im gleichen Zeitraum von 13 auf 4,5 Prozent. Panama prosperiert also gerade, seitdem weltweit der Kampf gegen Steuerflucht und Geldwäsche forciert wird und traditionelle Konkurrenten wie die Schweiz und Luxemburg unter Druck auf eine Weißgeld-Strategie eingeschwenkt sind.

Auch für den Staat dürften die Einnahmen aus dem Geschäft mit den Briefkastenfirmen essentiell sein: Er kassiert direkt durch jährlich fällige Gebühren für eingetragene Firmen, diese sollen bei rund 350 Dollar liegen. Zudem profitiert er von den guten Geschäften der Banker und Anwälte durch Steuern und Abgaben - und auch davon, dass diese ihr Geld wieder ausgeben und so Konsumsteuern zahlen sowie die Wirtschaft ankurbeln.

Wegen dieser fatalen Abhängigkeit dürften die Chancen auf eine echte Wandlung Panamas zu vorbildlicher Transparenz eher schlecht stehen - trotz des immensen internationalen Drucks, der nun zu erwarten ist. Bereits im Februar hatte sich das Wirtschaftsmagazin "Economist" mit dem Thema befasst und auf die Verflechtung der Offshore-Industrie mit der Regierung hingewiesen.

Einen einflussreichen Anwalt zitiert das Magazin mit den Worten, Panama werde sich stets in der Geschwindigkeit bewegen wie die langsamste der konkurrierenden Steueroasen. "Ansonsten würde das das Todesurteil für unsere Finanzindustrie bedeuten."


Zusammengefasst: Panama fühlt sich durch die sogenannten Panama Papers zu Unrecht angeprangert und verweist auf neue Transparenzgesetze. Zudem habe die OECD das Land soeben von der Liste unkooperativer Staaten gestrichen. Die OECD selbst hält Panama hingegen für "die letzte große Bastion" für Steuerflüchtlinge. Tatsächlich scheint das Land in hohem Maße abhängig von der Offshore-Industrie, deren Aufblühen fällt zeitlich zusammen mit einem Wirtschaftsboom und rapide gesunkener Arbeitslosigkeit. Dadurch scheint ein Einschwenken Panamas auf eine Weißgeld-Strategie auch in Zukunft unwahrscheinlich.

insgesamt 42 Beiträge
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halitd 06.04.2016
1. Industrie?
Verbrechersyndikate. Genau die müssen weg. Es kann nicht sein, dass ich als Steuerzahler die Betrüger in Panama und im ganzen Rest der Welt bezahle. Nun ja .... nächste Woche interessiert das keinen mehr. Die Bundesregierung hat diese Geschäfte gesetzlich legalisiert und wird auch jetzt dafür sorgen, dass es keine Anklagen gibt. Betrug ist DER westliche Wert schlechthin. Mehr gibt es auch nicht mehr. Den können unsere Politiker bedenkenlos als schützenswert proklamieren. Den nur den schütze sie.
Sprühregen 06.04.2016
2. Finanzindustrie?
1. in einem Industriebetrieb wird etwas hergestellt... 2. hier wird nichts hergestellt, also ist es keine Industrie. 3. werden hier Gelder, die ein normal arbeitender Mensch in seinem ganzen Leben nicht in der Lage ist zu erarbeiten, verschoben bis zur vollständigen Unmöglichkeit, nachzuvollziehen, woher sie stammen. Nennt man sowas "Industrie"? Mitnichten, es sind vielmehr Gelder, die zu einem hohen Prozentsatz in kriminellen Prozessen ergaunert, erschwindelt oder durch internationale Staatsgesetzgebung, die erklärungsbedürftig in der Steuergesetzgebung ist, angehäuft wurden.
Sprühregen 06.04.2016
3. Finanzindustrie?
1. in einem Industriebetrieb wird etwas hergestellt... 2. hier wird nichts hergestellt, also ist es keine Industrie. 3. werden hier Gelder, die ein normal arbeitender Mensch in seinem ganzen Leben nicht in der Lage ist zu erarbeiten, verschoben bis zur vollständigen Unmöglichkeit nachzuvollziehen, woher sie stammen. Nennt man sowas "Industrie"? Mitnichten, es sind vielmehr Gelder, die zu einem hohen Prozentsatz in kriminellen Prozessen ergaunert, erschwindelt oder durch internationale Staatsgesetzgebung, die erklärungsbedürftig in der Steuergesetzgebung ist, angehäuft wurden.
Fakler 06.04.2016
4. Zusammenhang ?
Na, mit dem was in Obama passiert hat er wohl nicht viel zu tun, und wenn er damit was zu tun haette wuerde man ihm wohl Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines auslaendischen Staates vorwerfen. Obama kann auch nicht alles machen. Es geht bei Panama auch um keine Moralitaet der Habenichtse sondern um Steuergerechtigkeit. Obama hat auch nichts festzustellen. Das kann sich ja jeder vorstellen dass in Panama auch ganz legale Geschafte getaetigt werden.
auf_dem_Holzweg? 06.04.2016
5. Panama ist nicht da Problem
sondern die Tatsache dass jeder mit sehr viel Geld überll über jedem Gesetz steht. Auch in Deutschland, machen wir uns nichts vor. Nicht die Politiker machen Politik, sondern die Banken. Solange diese in jetziger Form existieren können sie sich alles und jeden kaufen, und eben deswegen wird sich gar nichts ändern!
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