Deutschlands bekanntester Steuerfahnder tritt ab Der Mann ohne Gesicht

Peter Beckhoff gilt als Deutschlands bester Steuerfahnder - und als Mysterium. Öffentliche Fotos von ihm gibt es nicht, seine Arbeitsmethoden sind geheim. Jetzt geht der Schwarzgeldjäger in Rente. Seine Nachfolgerin hat ein schweres Erbe.

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Viel ist geschrieben worden über Peter Beckhoff, Geheimnisumwittertes, Legendenhaftes, aber wenig Konkretes. Denn Interviews gibt Beckhoff nicht. Öffentliche Fotos von ihm existieren nicht. Um ihn zu schützen. Der Leiter des Finanzamts für Steuerstrafsachen und Steuerfahndung in Wuppertal legt sich mit Betrügern an, auch mit Banken und Prominenten. Im Auftrag des Staates.

Beckhoff, 67, ist - noch - die ausführende Hand des nordrhein-westfälischen Finanzministers Norbert Walter-Borjans (SPD), unter dem das Bundesland zum Vorreiter im Kampf gegen Steuerhinterziehung geworden ist. Nun gibt Walter-Borjans offiziell bekannt: Im Juni ist Schluss für Beckhoff.

Mehrfach hat der Finanzminister den Vertrag seines wichtigsten Manns verlängert. Drei Jahre liegt Beckhoff schon über der Pensionsgrenze. Es hatte so gut funktioniert. Immer wieder schob er den Kauf von Steuer-CDs an, die voll waren mit Daten von Hinterziehern. Eine Flut von Selbstanzeigen hat er damit ausgelöst. Bundesweit nahm der Fiskus seit 2010 sechs bis sieben Milliarden Euro zusätzliche Steuern ein. Allein Nordrhein-Westfalen kam auf 2,3 Milliarden Euro, teilt das Düsseldorfer Finanzministerium mit.

Zehn Tipps für die Selbstanzeige
Einen Profi hinzuziehen
Eine Selbstanzeige beinhaltet viele rechtliche Fallstricke. Wird sie falsch ausgeführt, kann sie mehr schaden als nützen. Es ist also ratsam, einen Fachanwalt für Steuerrecht oder einen Steuerberater mit entsprechenden Kenntnissen hinzuzuziehen.
Verjährung prüfen
Wer überlegt, sich selbst anzuzeigen, sollte die Verjährungsfristen beachten. Strafrechtlich betragen diese fünf Jahre, steuerrechtlich zehn Jahre - als Stichtag zählt jeweils das Datum, an dem der Steuerbescheid bestandskräftig geworden ist. "Eine Geld- oder Gefängnisstrafe müssen Steuersünder nur im Zeitraum von fünf Jahren fürchten", sagt Kirsten Bäumel, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Steuerrecht beim Deutschen Anwaltverein. "Werden durch die Selbstanzeige auch Steuerhinterziehungen aufgedeckt, die länger zurückliegen, muss der Täter für diese keine Strafe mehr fürchten - wohl aber die hinterzogenen Steuern zurückzahlen."
Schnell handeln
Wer gestehen will, muss sich beeilen - auch wenn er auf die Schnelle nicht an alle nötigen Unterlagen herankommen sollte. Das Fenster zur Abgabe einer solchen Anzeige sei aber klein. "Es schließt sich spätestens dann, wenn der Steuerpflichtige bei vernünftiger Würdigung aller Umstände vermuten muss, dass seine Tat entdeckt sein könnte", teilt der Bundesverband der Steuerberater mit. "Frühestens ist dies dann der Fall, wenn bekannt wird, welche Banken betroffen sind, spätestens dann, wenn die CD-Daten mit den konkreten abgegeben Steuererklärungen abgeglichen werden."
Eine Selbstanzeige nicht bloß ankündigen
Manche Betroffene glauben, es wirke sich bereits strafmildernd aus, wenn man die Absicht eines Geständnisses erkennen lässt. "Das ist falsch", sagt Bäumel. "Eine reine Absichtserklärung ohne nähere Angaben hat keine strafbefreiende Wirkung. Sie kann schlimmstenfalls sogar dazu führen, dass die Abgabe einer wirksamen Selbstanzeige später nicht mehr möglich ist."
Die Schuld ruhig beim Namen nennen
Es spielt für das Finanzamt keine Rolle, ob der Täter die eigene Schuld beschönigt. "Der Fiskus wertet den Täterbrief in jedem Fall als Selbstanzeige", sagt Bäumel.
Möglichst präzise gestehen
Wer sich selbst anzeigt, sollte dies präzise tun. "Der Geständige sollte mindestens erwähnen, um welches Depot es sich handelt, bei welcher Bank sich dieses befindet, für welchen Zeitraum er sich selbst anzeigt und wie hoch der hinterzogene Betrag ist", sagt Bäumel.
Die Schuld eher zu hoch als zu niedrig bemessen
Wem Unterlagen fehlen, dem rät Bäumel, die eigene Steuerschuld zunächst zu schätzen - und in der Selbstanzeige darum zu bitten, die Schätzung gegebenenfalls korrigieren zu dürfen, sobald alle Unterlagen vorliegen. "In jedem Fall sollte man die Schätzung besser zu hoch ansetzen", sagt die Expertin. "Gibt man bei der Selbstanzeige eine geringere Steuerschuld an, als einem später nachgewiesen wird, macht man sich hinsichtlich des Fehlbetrags noch immer strafbar."
Den Steuerbescheid gegebenenfalls anfechten
So absurd es klingt - wer das Gefühl hat, die eigene Steuerschuld zu hoch geschätzt zu haben, "darf sich, sobald er einen Steuerbescheid bekommt, wie beim Erhalt einer regulären Steuererklärung verhalten", sagt Bäumel. "Man kann binnen Monatsfrist gegen den Bescheid Einspruch einlegen, dieser gilt so lange, wie das Finanzamt den Einspruch nicht zurückweist. Und dann hat der Geständige noch immer die Chance, gegen den Steuerbescheid zu klagen." Eine Strafverschärfung müsse der Täter nicht fürchten. "Das Finanzamt interessiert letztlich nur das Geld", sagt die Expertin.
Die Schulden pünktlich zahlen
Wer sich selbst anzeigt, muss seine Schulden auch zahlen können. "Die Finanzämter setzen in der Regel eine Nachzahlungsfrist von vier Wochen an", sagt Bäumel. "Wer innerhalb dieser nicht zahlt, bleibt strafbar."
Konkret sagen, was man zahlt
"Wer die Steuerschuld nicht auf einen Schlag zurückzahlen kann, sollte dem Finanzamt zumindest genau sagen, welche Schulden er mit dem Geld, das er hat, zurückzahlen will", rät Bäumel. "Als Zahlungsbestimmung sollte man die jeweils älteste Steuerschuld ohne Nebenforderungen angeben." Denn zu der Steuernachzahlung kommen noch sechs Prozent Hinterziehungszinsen hinzu - und zwar für jedes Jahr, das der Täter hinterzogen hat. "Wer keine Zahlungsbestimmung abgibt, läuft Gefahr, mit dem Geld, das er hat, zuerst die ältesten Zinsen mit abzugelten", sagt Bäumel.

Den einen oder anderen Geldkoffer soll Beckhoff selbst an die Verkäufer der Datenträger übergeben haben. Kritiker warfen ihm Hehlerei oder gar Anstiftung zu Straftaten vor. Zu Unrecht, findet Thomas Eigenthaler, Bundesvorsitzender der Deutschen Steuer-Gewerkschaft (DSTG). Es gebe keinerlei Hinweise dafür, dass Beckhoff jemals jemanden dazu angestiftet habe, Daten von Steuerbetrügern zu sammeln und anzubieten.

Haftbefehle gegen den Staat

"Peter Beckhoff hat sich auf ein schwieriges Feld begeben", sagt Eigenthaler. "Solche CDs gibt es ja nicht im Kaufhaus. Da ist sensibles und diskretes Vorgehen gefragt." Der Behördenleiter habe die Verantwortung in heiklen Fällen stets selbst getragen, "nicht andere ins Feuer geschickt". Zum Schwarzgeld-Jäger Beckhoff fallen Eigenthaler vor allem zwei Attribute ein. "Hartnäckig und unerschrocken." Haftbefehle hätten ihn nie geschreckt.

Haftbefehle? Tatsächlich hatte die Schweizer Justiz 2012 gegen Beckhoff und zwei Mitarbeiter Haftbefehl erlassen. Der Vorwurf: Verletzung des Bankgeheimnisses. Die Schweiz hatte die Haftbefehle auch an Deutschland überstellt. "Das ist im Niemandsland versandet", sagt Eigenthaler. "Wenn Deutschland den Haftbefehl beachtet hätte, wäre das ja absurd gewesen, denn Beckhoff ist in staatlichem Auftrag tätig."

Für das NRW-Finanzministerium habe Beckhoff über viele Jahre hinweg angebotene Datenträger geprüft. Seien sie für wertvoll befunden worden, habe Walter-Borjans über einen Ankauf entschieden - für den Fiskus sei das ein "supergutes Geschäft".

Ob es um das Aufdecken von Schwarzgeldern im großen Stil in Panama ging oder um die prominente Steuertrickser - das Beckhoff-Team hatte fast immer die Finger im Spiel. Das "Handelsblatt" hat Beckhoff einst als "Tafelritter der deutschen Steuerfahndung" beschrieben. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nannte ihn einen Jäger, der die Banken als erster "das Fürchten gelehrt" habe. Im SPIEGEL ist über Beckhoff zu lesen, das "Sammeln und Knacken harter Nüsse" sei Leidenschaft seines Teams.

38 Jahre arbeitete Beckhoff in der Finanzverwaltung, gut 14 Jahre davon als Leiter des Finanzamts für Steuerfahndung. Wenn er im Sommer geht, können sich Steuerflüchtige dennoch nicht entspannt zurücklehnen, hofft der NRW-Finanzminister. Nordrhein-Westfalen will "Hotspot im Kampf gegen Steuerbetrug" bleiben. Dazu soll nun die künftige kommissarische Leiterin der Wuppertaler Behörde beitragen, Beckhoffs derzeitige Stellvertreterin Sandra Höfer-Grosjean. Sie wird ein schweres Erbe antreten.

ssu/kig/dpa



insgesamt 3 Beiträge
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Tante_Frieda 18.01.2017
1. Morgenluft
Manche vornehme Banker in Zürich,Vaduz und ähnlichen Plätzen werden jetzt Morgenluft wittern - trotz künftig geltendem automatischem Informationsaustausch darf man annehmen,dass sie auch künftig für den einen oder anderen Skandal gut sind.Man wünscht dem in den Ruhestand Tretenden eine gute Zeit und seiner Nachfolgerin ein ähnlich glückliches Händchen bei der Fahndung nach denen,die meinen,sich ihre eigenen Gesetze basteln zu können.
vantast64 18.01.2017
2. Datenhehlerei ist jetzt strafbar,
da wird es wohl keine CDs mehr geben. Das Große Geld hat sich endlich durchgesetzt mittels seiner Handlanger in den Parlamenten, die jeden Amtseid ignorieren.
Chilango 19.06.2017
3. Nein
Zitat von vantast64da wird es wohl keine CDs mehr geben. Das Große Geld hat sich endlich durchgesetzt mittels seiner Handlanger in den Parlamenten, die jeden Amtseid ignorieren.
Da der Gesetzgeber bei diesem bescheuertem Gesetz noch mitbekam das er sich auch selbst ins Knie schiesst hat er extra für Steuer-CDs eine Ausnahme im Gesetz. Also liebe Wisthleblower. Mach euch eine goldene Nase und lehrt den Kriminellen das fürchten.
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