Reformer Peter Hartz "Hätte ich Kramp-Karrenbauer geheißen, wäre das nicht passiert"

Sein Name steht für sozialen Kahlschlag. Zu Unrecht, findet Peter Hartz. Hier spricht der Ex-Regierungsberater über die Folgen für seine Familie - und erklärt, wieso er immer noch an seine Konzepte glaubt.
Demonstration gegen Hartz IV (Archiv)

Demonstration gegen Hartz IV (Archiv)

Foto: Sina Schuldt/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Hartz, Emmanuel Macron plant den Umbau der französischen Arbeitslosenversicherung. Ihre Hartz-Reformen standen Pate. Macht Sie das stolz?

Peter Hartz: Macron ist ein beeindruckender Mann. Grundidee unseres Programms war: Arbeit ist zumutbar, wenn ein Arbeitsloser geistig, seelisch und körperlich dazu in der Lage ist. Ein Angebot darf er nur dann ablehnen, wenn wichtige Gründe entgegenstehen. 2014 habe ich mit französischen Kollegen ein Konzept erarbeitet, das auf Frankreich übertragbar ist. Macron war damals noch Berater von Präsident Hollande - aber er hat das Thema sofort durchdrungen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten deutschen Arbeitslosen sind alles andere als begeistert von Ihren Reformen. Vor allem für die Langzeitarbeitslosen, die Hartz IV mit höchstens 416 Euro Regelsatz kriegen, ist Hartz Synonym für sozialen Kahlschlag.

Hartz: Unter dem Strich war die Arbeitsmarktreform ein Erfolg. Die Arbeitslosenzahl ist seither stark gesunken, die Wettbewerbsfähigkeit gestiegen. Doch es stimmt: Die Langzeitarbeitslosen sind zu kurz gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Hartz: Das Problem schien damals so groß. Aber seither haben wir nach Lösungen gesucht. Und ich sage Ihnen: Heute können wir innerhalb der nächsten zwei Jahre die Langzeitarbeitslosigkeit in den Griff kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das: Jeder Langzeitarbeitslose bekäme einen Job?

Hartz: Deutschland hat momentan etwa 840.000 Langzeitarbeitslose. Schätzungsweise 30 Prozent von ihnen sind kranke Menschen, die nicht arbeiten können. Wir können alle gesunden Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt zurückbringen, mit unserem Konzept.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie Ihr Minipreneure-Konzept? Das ist nicht ganz neu.

Hartz: Aber heute ist das Minipreneure-Konzept  ausgereift. Dabei geht es darum, dass sich Langzeitarbeitslose selbst zum Projekt machen. Gemeinsam arbeiten sie freiwillig in Arbeitsgruppen unter Anleitung daran, wie sie wieder in den Arbeitsmarkt kommen können: angestellt oder selbstständig.

SPIEGEL ONLINE: Und das soll alles ändern?

Hartz: Jeder Mensch hat besondere Talente. Diese einzigartigen Fähigkeiten identifizieren wir systematisch in den Gruppen und suchen dann nach passenden Arbeitsmöglichkeiten. So erfährt auch der Schwervermittelbare, der sich schon 100- oder 200-mal beworben hat, was für ihn noch alles in Frage kommt.

SPIEGEL ONLINE: Und das funktioniert auch in der Praxis ?

Hartz: Wir hatten hier im Saarland eine Pilotgruppe mit 20 Teilnehmern. Alle, die nicht krank waren, haben am Ende einen Job oder eine Perspektive bekommen. Wir hatten einen Alkoholiker dabei, der dann auf Entziehungskur gegangen und schließlich wieder in seinen erlernten Beruf als Steuerberater eingestiegen ist. Ein Drogenkranker ist heute Lkw-Fahrer. Eine Frau, die mentale Probleme hatte, führt jetzt eine Änderungsschneiderei.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem lässt der Durchbruch für Ihre Initiative noch immer auf sich warten.

Hartz: Um solche Programme durchzusetzen, brauchen Sie drei Dinge: ein ausgereiftes Konzept, Ressourcen und Macht. Schließlich würden wir bundesweit 40.000 Trainer benötigen. Bundeskanzler Gerhard Schröder anrufen kann ich heute nicht mehr. Außerdem haben wir gemerkt, dass wir unsere Zielgruppe kaum erreichen. Langzeitarbeitslose kennen die Initiative kaum. Das wollen wir jetzt ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Hartz: Wir veröffentlichen gerade eine Videoserie: zwölf Filme auf Facebook und YouTube, die sich direkt an Langzeitarbeitslose wenden. Jedes Video dauert nur zwei, drei Minuten. Wir zeigen den Menschen, wie sie selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen können, wenn schon die Politik das Konzept nicht aufgreift.

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SPIEGEL ONLINE: Warum ignoriert die Politik Ihre Vorschläge? Ist Ihr Name verbrannt wegen Hartz IV? In Berlin wird gerade mal wieder rege die Abschaffung diskutiert.

Hartz: Man hat unsere Kommission wegen der niedrigen Regelsätze gekreuzigt. Dabei hatte die Kommission schon vor 15 Jahren eine Grundsicherung von 511 Euro pro Monat vorgeschlagen. Erst die politischen Entscheider haben den Satz damals dann auf 319 Euro gesenkt.

SPIEGEL ONLINE: Reichen 511 Euro für ein würdevolles Leben?

Hartz: Sogar die Linke hat lange Zeit 500 Euro Regelsatz gefordert.

SPIEGEL ONLINE: Viele in der SPD geben den Hartz-Reformen die Schuld am Niedergang der Partei.

Hartz: Hätte die SPD kraftvoll diese Arbeitsmarktreform vertreten, hätte sie heute die gleichen Stimmenanteile wie die Union.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Namensgeber von Hartz IV. Sind Sie oft beschimpft worden?

Hartz: Meine Familie hat lange Zeit unter diesem Begriff gelitten. Dabei habe ich ihn nicht ausgesucht. Ich habe damals die "Kommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" geleitet. Die Medien suchten einen griffigeren Namen - und haben dann Hartz-Kommission daraus gemacht. Hätte ich Leutheusser-Schnarrenberger oder Kramp-Karrenbauer geheißen, wäre das nicht passiert.

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SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Ihrer Familie. Haben Sie selbst auch unter dem Schlagwort Hartz IV gelitten?

Hartz: So etwas lässt sich nicht immer ausblenden. Wenn Sie sich anschauen, wie das ursprüngliche Reformkonzept aussah, werden Sie feststellen, dass manches Mal die Falschen verprügelt wurden. Aber man gewöhnt sich an alles.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr haben Sie in Berlin vor der Bundespressekonferenz Ideen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit vorgestellt. Was ist daraus geworden?

Hartz: Das war eine tolle Sache. Aber wie das medial unterging, hat mich gewundert. Wir in Deutschland geben immer damit an, wie niedrig unsere Jugendarbeitslosigkeit ist. Aber in absoluten Zahlen haben wir mehr junge Arbeitslose als Griechenland und Portugal zusammen. Angela Merkel und Emmanuel Macron, der damals gerade gewählt war, hätten das zu ihrem gemeinsamen Projekt machen können. Aber es kam gar keine Reaktion aus der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun Sie sich das noch an? Sie sind pensioniert und könnten sich ins Privatleben zurückziehen.

Hartz: Mir geht es um die Sache. Ich will der Gesellschaft nützen. Und ich bin zutiefst davon überzeugt: Das Problem Langzeitarbeitslosigkeit ist lösbar. Wir haben ein Konzept, wir haben eine starke Wirtschaft, die Arbeitskräfte braucht. Man muss es nur machen. Es wäre schön, wenn die Politik diese Vorschläge umsetzen würde.

SPIEGEL ONLINE: Hand aufs Herz - glauben Sie noch an den Durchbruch?

Hartz: Wenn ich die Macht hätte, würde ich daran glauben. Aber wissen Sie: Diese Konzepte sind so gut. Wenn sie heute nicht umgesetzt werden, dann morgen oder übermorgen. Vielleicht auch unter einem anderen Namen. Ich hätte nichts dagegen, wenn jemand die Ideen kopiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass Sie in Ihrem Leben viele Fehler gemacht haben. Wenn Sie einen davon zurücknehmen könnten, was wäre das?

Hartz: Ich würde der Hartz-Kommission einen anderen Namen geben.

SPIEGEL ONLINE: Diesen Sommer werden Sie 77 Jahre alt. Was haben Sie noch für Pläne?

Hartz: Wenn Sie mich das nächste Mal besuchen kommen, werde ich Ihnen ein anderes faszinierendes Thema vorstellen. Wir Alten wollen den Jungen ja nicht die Arbeit wegnehmen. Aber wir können ihnen helfen. Wissen Sie, 2030 wird etwa jeder dritte Saarländer im heutigen Rentenalter sein. Was sollen die alle machen: Fernsehen und spazieren gehen? Nein, man sollte sie fragen: Was könnt und wollt Ihr leisten? Ein 80-jähriger Dachdeckermeister kann nicht mehr selbst aufs Dach steigen. Aber er kann junge Dachdecker unterrichten, ihnen Rat geben, freiwillig natürlich. Wenn Arbeit keine Fron ist, dann ist sie ein Glück für viele Menschen.