Tauber-Faktencheck Minijobber haben meistens was Ordentliches gelernt

Peter Tauber hat mit seinem Minijob-Tweet nicht nur die Inszenierung seiner Partei zerstört. Der CDU-Generalsekretär offenbart auch eine frappierende Unkenntnis des deutschen Arbeitsmarkts.
CDU-Generalsekretär Peter Tauber

CDU-Generalsekretär Peter Tauber

Foto: Gregor Fischer/ dpa

Wie man sich mit nur 79 Zeichen Text die Karriere gründlich ramponieren kann, hat CDU-Generalsekretär Peter Tauber in dieser Woche bewiesen. Auf die ironische Frage eines Twitter-Nutzers, ob das CDU-Wahlversprechen von der Vollbeschäftigung für ihn persönlich denn künftig drei Minijobs bedeute, antwortete Tauber:

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Da half auch eine am nächsten Vormittag nachgeschobene Entschuldigung nicht mehr. Die sorgsame Inszenierung der Union als Partei des "Arbeit für alle, Wohlstand für alle" vom Vortag ist nachhaltig beschädigt - und Tauber seitdem Symbolfigur für soziale Kälte.

Doch der schnoddrige Tweet offenbart noch mehr: Dass der CDU-Generalsekretär kaum Ahnung von einem Teil des deutschen Arbeitsmarkts zu haben scheint, der immerhin fast sieben Millionen Menschen umfasst - den der Minijobs. Ganz abgesehen davon, dass man zwar mehrere Minijobs nebeneinander ausüben kann, aber damit eben trotzdem maximal insgesamt 450 Euro im Monat verdienen darf. Auf diese und weitere mutmaßliche Wissenslücken Taubers weist der Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell hin, der in einem ausführlichen Blog-Beitrag  auf einige interessante Daten und Studien hinweist.

So etwa auf eine Auswertung des DGB aus dem Jahr 2015 , wonach die meisten Minijobber durchaus "was Ordentliches gelernt haben" - zumindest die, auf die Tauber abzielte. Der Gewerkschaftsbund konzentrierte sich nämlich auf Personen, die ausschließlich einen Minijob haben - also diesen nicht als Nebenjob ausüben - und die in einem Alter sind, in dem man von seiner Arbeit auch leben können sollte, konkret die 25- bis 65-Jährigen. Damit fallen Schüler und Studenten raus, die naturgemäß meist noch keinen beruflichen Abschluss haben.

Das Ergebnis für diejenigen Minijobber, deren Qualifikation bekannt war: 71 Prozent hatten eine Berufsausbildung, weitere neun Prozent sogar einen akademischen Abschluss. Lediglich 20 Prozent hatten somit nichts "Ordentliches gelernt".

Im Übrigen waren es zu drei Viertel Frauen. Weitere Analysen weisen darauf hin, dass die meisten von ihnen nicht gezwungenermaßen einen Minijob ausüben, sondern weil er gut in die Lebensumstände passt, wie Sell feststellt. Das gelte vor allem für junge Mütter - aber auch für Ehefrauen von Vollverdienern, die so das Haushaltseinkommen aufbessern.

Diese Befunde weisen demnach auf zwei problematische Aspekte hin:

  • "Für Frauen erweisen sich die Minijobs oftmals als ein 'vergiftetes Geschenk'", sagt Sell. Denn wenn die Minijobs später nicht mehr so gut zu den Lebensumständen passen - und sie (wieder) mehr arbeiten und vor allem besser verdienen wollen, merken viele Frauen: "Sie kommen dann häufig nicht mehr raus aus dieser Beschäftigungsform."
  • Minijobs sind subventionierte Beschäftigungsformen, von denen gerade Haushalte mit hohem Einkommen am meisten profitieren, sogar auf Kosten eigentlich schwächerer Haushalte. Denn sie bieten ja nicht nur eine Möglichkeit, das Einkommen zu erhöhen, ohne die Steuerlast des Ehepaars zu erhöhen - auch die Mitversicherung in der Krankenkasse bleibt ja bestehen, während andere Geringverdiener die vollen Beiträge zahlen müssen.

Eben jene Begünstigung bei Steuern und Sozialabgaben dürfte übrigens auch der Grund sein, warum immer mehr Arbeitnehmer nebenbei noch einen Minijob haben: Es lohnt sich einfach weit mehr, als wenn sie die gleiche Anzahl Stunden in ihrem Hauptjob draufsatteln würden - und einen hohen Grenzsteuersatz und die üblichen Sozialabgaben zahlen. Auch bei dieser Personengruppe handelt es sich eher um gut Qualifizierte und nicht gerade um schlecht Verdienende.

Minijobber sind also im Schnitt nicht diejenigen, die unter prekären Arbeitsbedingungen leiden. Das ist nur ein Klischee, das durch die statistischen Daten widerlegt ist - und das Tauber durch seinen Tweet noch einmal verfestigt haben dürfte.

Das eigentliche Prekariat auf dem deutschen Arbeitsmarkt findet sich woanders: 22,5 Prozent - also fast ein Viertel - der Arbeitnehmer in Deutschland verdienen weniger als 10,50 Euro in der Stunde und liegen damit unter der Niedriglohnschwelle. Vielen von ihnen würde auch der Ratschlag des CDU-Generals nichts nützen, sagt Sell: "Die Mehrheit dieser Beschäftigten hat das, was Tauber fordert: eine ordentliche Ausbildung."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.