Ver.di-Erhebung Krankenhäusern fehlen 80.000 Pflegekräfte

Keine Pausen, Überstunden, spontane Einsätze: Alltag für viele Krankenpfleger. Laut einer Ver.di-Erhebung müssten Krankenhäuser das Personal um mindestens 22 Prozent aufstocken, um den Mangel abzustellen.
Krankenpfleger in Berliner Krankenhaus

Krankenpfleger in Berliner Krankenhaus

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / Daniel Bockwo

Es ist eine abwegige Vorstellung, doch sie veranschaulicht den Personalmangel treffend: Würden Pflegekräfte normal arbeiten - also mit vorgeschriebenen Pausen, ohne Überstunden und ohne spontane Einsätze an freien Tagen - müssten Stationen in Krankenhäusern jeden Monat eigentlich einige Tage schließen. Das ist das Ergebnis einer Ver.di-Erhebung unter rund 13.000 Beschäftigten  in 590 Stations-Teams deutscher Krankenhäuser.

In diesem Monat wäre es demnach bereits am 25. Juni soweit. An diesem Tag haben die Pflegekräfte in Krankenhäusern rechnerisch ihre Arbeit für den gesamten Monat geleistet. Im Mai war das Ver.di zufolge bereits am 24. des Monats der Fall.

Insgesamt, so hat es die Gewerkschaft berechnet, müsste das vorhandene Pflegepersonal in den Krankenhäusern um 22 Prozent aufgestockt werden. In Zahlen entspricht das rund 80.000 zusätzlichen Pflegekräften. Dann könnten diese einerseits die Patienten gut versorgen und andererseits zu eigentlich normalen Bedingungen arbeiten.

Auf vielen Klinikstationen fehlt es am Nötigsten. Zu wenige Pflegekräfte müssen sich um immer mehr Patienten kümmern. Jetzt gibt eine Pflegerin Einblick in ein System, das für alle zur Gefahr wird.

Gegenwärtig gehe die drastische Unterbesetzung sowohl zulasten der Patienten als auch des Personals, sagte Ver.di-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler. "Das System funktioniert nur, weil die Beschäftigten über ihre Belastungsgrenze gehen und mit hohem persönlichen Einsatz versuchen, den Personalmangel auszugleichen." Das Pflegepersonal werde "regelrecht verschlissen".

Für die von März bis Mai laufende Erhebung hatte Ver.di Pflegeteams gefragt,

  • wie die Schichtbesetzung für eine angemessene Versorgung der Patienten auf ihrer Station aussehen müsste,
  • wie viele Pflegerinnen und Pfleger dafür benötigt würden und
  • wie weit das tatsächlich vorhandene Personal reicht.

Zwar handelt es sich dabei nicht um eine repräsentative Erhebung nach wissenschaftlichen Standards, doch der Befund eines krassen Personalmangels in der Krankenpflege wird durch zahlreiche amtliche Daten gestützt. So beziffert das Bundesgesundheitsministerium die Zahl der nicht besetzten Stellen in der Krankenpflege im Jahr 2017 auf 10.814. Und das, obwohl die Kliniken bundesweit seit dem Jahr 1995 bereits 25.000 Pflegestellen gestrichen haben - bei steigenden Patientenzahlen.

Das liegt auch am System der Krankenhaus-Finanzierung in Deutschland, die die Kliniken unter enormen Druck setzt, Kosten zu sparen. Verschärft wird dies noch dadurch, dass die Bundesländer den Krankenhäusern im Jahr rund drei Milliarden Euro weniger zahlen, als sie eigentlich müssten.

Viele Pflegekräfte berichten von unannehmbaren Arbeitsbedingungen, die durch den Personalmangel entstehen - und von den Gefahren für Patienten. Auch Ver.di spricht davon, dass das fehlende Personal auf den Stationen nicht nur durch Überstunden und den Verzicht auf Arbeitspausen kompensiert werde, sondern auch durch "Weglassen von Leistungen gegenüber Patienten", "geringere Intensität der Überwachung des Zustands von Kranken" und "Vernachlässigung der Ausbildung".

Video: Pflegenotstand in Deutschland

SPIEGEL TV
fdi/dpa/AFP