Neue Studie Wie der Personalmangel in der Pflege Patienten gefährdet

Immer mehr alte und kranke Menschen sollen zu Hause betreut werden - doch in der ambulanten Pflege fehlt es an Fachkräften. Das ist nicht nur eine Belastung für die Angehörigen, sondern auch eine Gefahr für Patienten.

Betreuung eines Schlaganfall-Patienten
Britta Pedersen/ DPA

Betreuung eines Schlaganfall-Patienten

Von Sebastian Späth


Der Mangel an Pflegekräften in Deutschland wird zunehmend zum Sicherheitsrisiko für Patienten, die zu Hause gepflegt werden. Laut einer neuen Studie kann eine Mehrheit der ambulanten Pflegedienste offene Stellen über einen längeren Zeitraum nicht besetzen. "Daraus entsteht ein höheres Risiko, dass die Versorgung der Pflegebedürftigen sich verschlechtert und neue Patienten keinen Pflegedienst mehr finden" sagt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP).

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In einer bundesweiten Studie fand das ZQP heraus, dass 53 Prozent der befragten Pflegedienste seit mindestens drei Monaten offene Stellen für Pflegepersonal nicht besetzen können. Etwa 16.000 Stellen sind demnach in der ambulanten Pflege unbesetzt.

Besonders in der ambulanten Pflege ist der Personalmangel zu beobachten. Dies sei ein "Hochrisikobereich", sagt Pflegeexperte Suhr. "Häufig bestehen im Zuhause von Patienten Barrieren, die eine optimale Pflege erschweren." Nicht jede Wohnung ist beispielsweise pflegegerecht umgebaut. Zudem entstünden schnell Missverständnisse und Pannen, da Pflegekräfte und Angehörige sich bei der Versorgung der Pflegebedürftigen vielfach abwechselten. Dieses Risiko verschärfe sich, wenn das Personal in dem ambulanten Dienst oft ausgetauscht werde.

Von den Problemen sind viele Menschen betroffen. In Deutschland wird ein Viertel aller Pflegepatienten unter Beteiligung eines Pflegediensts zu Hause versorgt - im Jahr 2017 waren es nach Analyse der ZQP insgesamt 830.000 Personen. Und die steigende Lebenserwartung führt dazu, dass die Menschen tendenziell über einen längeren Zeitraum auf Pflege angewiesen sind.

Allein in den vergangenen drei Monaten lehnten laut der Studie 80 Prozent der Pflegefirmen die Betreuung neuer Patienten ab. Als Grund gaben sie an, dass sie die Pflege nicht hätten sicherstellen können. 13 Prozent der 535 befragten ambulanten Pflegedienste kündigten aus diesem Grund sogar bereits bestehenden Patienten.

Für die Angehörigen der abgelehnten Patienten kann das gravierende Auswirkungen haben. Ihnen droht oft die Überlastung, wenn sie mit der Pflege alleingelassenen werden. "Pflege ist eine herausfordernde Aufgabe", sagt Suhr. "Diese Beanspruchung kann bei pflegenden Angehörigen zu gesundheitlichen Problemen führen." Im Extremfall könne sich dies sogar in Gewalt gegen Pflegebedürftige entladen.

Alleinstehende Pflegebedürftige treffe der Pflegemangel besonders. Sie fänden immer häufiger keinen Pflegedienst mehr, der sie betreut, und zugleich fehlten ihnen Angehörige, die sie unterstützen könnten. Sie lebten teilweise allein zu Hause unter großen gesundheitlichen Schwierigkeiten, berichtet Suhr.

Pflegeberufe sollen attraktiver werden

Pflegeberufe müssten attraktiver werden, fordert deshalb der ZQP-Experte. Er plädiert für eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte und für bessere Arbeitsbedingungen, etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für Pflegepersonal. Zudem müssten auch in der Pflege die Chancen der Digitalisierung ergriffen werden: "Es drängt, zeitsparende und sicherheitsfördernde digitale Dokumentationssysteme einzuführen." Denn häufig erfolge die Pflegedokumentation noch handschriftlich, so der Experte.

Die Politik hat das Problem erkannt. Erst in der vergangenen Woche stellte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) einen Gesetzentwurf für eine bessere Bezahlung von Pflegekräften vor, die über eine Tarifvereinbarung mit den Pflegediensten erreicht werden soll.

Auch bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) steht der Kampf gegen den Pflegenotstand ganz oben auf der Agenda. Auch er kündigte die Digitalisierung der Branche an. Details über die konkrete Ausgestaltung blieb er aber schuldig.

Im Video: Pflegenotstand in Deutschland - Und wer betreut Sie?

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zudummzumzum 30.09.2019
1. Das geht in die falsche Richtung
Vorab: Ich kann sehr gut verstehen, dass die Pflegebedürftigen zu Hause betreut werden wollen. Trotzdem stellt sich die Frage, inwieweit das durch die Gesetzliche Pflegepflichtversicherung zu bezahlen sein soll. In der gewünschten Dezentralität wird die hohe Qualität immer nur Zufall bleiben müssen. Und wenn wir erkennen, dass damit kriminellen Strukturen Tür und Tor geöffnet werden, sollten wir diese versperren. Also selbst, oder eine private Pflegeversicherung, diese Kosten tragen lassen, nicht aber die gesetzliche Sozialversicherung! Wir sollten uns darauf konzentrieren, das Angebot der Heimpflege zu optimieren: Mehr Plätze, bessere personelle Ausstattung und einen klaren Stellenkegel über die verschiedenen Qualifikationen. Die häusliche Pflege kann gar nicht anders als unwirtschaftlich zu sein. Wenn Pflegefachkräfte 15 Minuten An- und Abfahrt haben, um 4 Minuten ihrer hochqualifizierten Tätigkeit nachzugehen, dann sieht man sofort die Schieflage und die sich hieraus ergebenden Probleme.
AdK 30.09.2019
2.
Und wie immer ist die Antwort: Geld Meine Güte ist die Rechnung so schwer? Ein teilweise ekliger, undankbarer und schlecht bezahlter Job gegen jeden anderen Beruf in diesem Land. Ja warum genau werde ich denn Pfleger? Ohne Finanzielle Anreize die Arbeitszeiten, Status und Ekel aufwiegen wird sich da so bald keiner mehr finden. Bezahlt den Leuten mehr als in einem Job mit vergleichbarer Qualifikation aber besseren Rahmenbedingungen und scho findet man Bewerber. Nur so als bsp. - Wenn der Bürokaufmann 15€/Stunde für Mo-Fr 9:00-17:00 bekommt dann müsste man mir MINDESTENS 20€ geben um all die Nachteile der Pflege zumindest halbwegs auszugleichen. Mir persönlich wäre es das noch nicht wert, gilt aber natürlich nicht für alle. Solche Jobs wird kein junger Mensch mit Optionen mehr wahrnehmen ob es jemand wahr haben will oder nicht. Wir leben im Kapitalismus, das hat jeder 12 Jährige heute kapiert.
spon_2513064 30.09.2019
3. Und kostet Krankenhäuser Unsummen
Viele pflegebedürftige Patienten können nicht aus der stationären Behandlung entlassen werden, weil die häusliche Pflege, die stationäre Kurzzeitpflege oder die stationäre Pflege nicht gesichert ist. Krankenhäuser sind jedoch keine Pflegeeinrichtungen. Dann bleibt dem Krankenhaus nur die Entlassung in eine unbetreute Situation oder die caritative Betreuung des Pflegebedürftigen.
whitewisent 30.09.2019
4.
Wenn ein Experte gleichzeitig Lösung und Problem zu sein scheint, läuft etwas verkehrt. Eine "Digitalisierung der Dokumentation" wäre nur die Modernisierung des Bürokratiekropfes, sie ist aber Teil des täglichen Basiskonflikts, wo Pfleger/innen nicht situationsbezogen auf die Belange reagieren können, sondern sich einer permanenten minutengenauen Überwachung durch den Arbeitgeber und Kostenträger ausgesetzt sehen, während die Pflegenden völlig andere Erwartungen haben. Bei 45 Minuten für die Grundreinigung einer Zweizimmerwohnung einer Demenzkranken ist eben keine Zeit, sich für ein Gespräch hinzusetzen, was als Leistung erwartet wird. Auch sind die Erwartungen an eine "Grundreinigung" von Patienten und Familie merkwürdig hoch. Man kann nicht von der Familie erwarten, Katheder zu wechseln oder Verbände zu wechseln. Aber verschütteter Urin und Stuhlgang gehört genauso wie Wäsche waschen zu Punkten, die Familienangehörige schon als Zumutung empfinden. Auch die personengebundene Pflege ist eine merkwürdige Illussion. 7 Tage die Woche, zweimal am Tag Pflege, entspricht 14 Schichte, bei der verbreiteten Teilzeit also mind. 4 verschiedene Pflegepersonen, und eben sicher an einem Tag Morgens und Abends verschiedene Pfleger. Die Patienten erwarten aber Sklaven, die ständig für sie da sind, und reagieren teilweise extrem uneinsichtig, wenn die Abendpflege zum Zeitpunkt X erfolgen muss, weil zwischen 18 und 21 Uhr sechs Patienten für die Nacht vorbereitet werden müssen. Auch da fehlt die Familie. Am Ende fehlt aber ein wesentlicher Punkt "Senioren" werden heute sehr viel älter als noch vor 20 Jahren, und selbst schwere Erkrankungen führen dank des medizinischen Fortschritts nicht zum Tod, sondern nur einer höheren Pflegestufe. Gleichzeitig steigt der Anteil von Demenz, Depression und Alzheimer der verschiedenen Stufen. Familienangehörige akzeptieren das gerade in den Anfangsstufen nicht, sondern setzen Pflegepersonal unter Druck. Auch das ist eine der Ursachen für den Pflegenotstand, den kaum ein Experte kritisiert und Lösungen dagegen vorschlägt. Nörgelnde Kunden gibts auch beim Bäcker, aber die sind in 3 Minuten wieder weg. Wenn man weiß, zu wem man jeweils als Pflegenden fährt, vergeht Einem oft jegliche Motiviation, Empathie und Gefühl, und es wird nur noch zum Kern, Waschen, Windeln, Kämmen und Dokumentieren, und dann zum Nächsten.
schmetterling76 30.09.2019
5.
Das Problem müsste den Politikern eigentlich sehr bekannt vorkommen. Sie begründen ihre Gehaltserhöhungen unter anderem damit, dass sonst qualifizierte Menschen aus der Politik in die freie Marktwirtschaft gehen würden. Somit erhöhen sie ihr Gehalt, aber im Gegensatz zu den Pflegeberufen werden hierbei nicht aufgrund eines größeren Gehaltes Stellen in der Politik gekürzt. Der Grund ist verständlich, da der Staat sich das Geld aus anderen Steuerquellen ziehen kann. Also Kürzungen in anderen sozialen Bereichen vornimmt, um die hohen Gehälter mit der gleichen Politiker-Anzahl stemmen zu können. Das können Betriebe im Gesundheitswesen nicht. Hier geht höheres Gehalt mit Kürzungen der examinierten Kräfte einher ( die durch Leiharbeiter, Hilfskräfte usw.) ersetzt werden aufgrund der Wirtschaftlichkeit. Ein Betrieb im Gesundheitswesen hat seine Einnahmequellen und seine Ausgabenkosten ähnlich wie in der Politik. Um das Gehalt der Politiker zahlen zu können, müssen dann gewisse politische Sparten darunter leiden vor allem die "nicht zum Betrieb gehörenden Bürger". Sie bekommen weniger Geld ( z.b. das Schulwesen, das Gesundheitswesen usw.), doch hier hat es keine Auswirkungen auf den politischen Betrieb selber. Im Gegensatz zu den Wirtschaftsbetrieben, denn hier haben alle Einsparungen direkte Auswirkungen auf den Betrieb ( z.b. die eigene Küche, die Wäscherei usw wird ausgesourced). Das heißt Menschen werden arbeitslos... Was man bei der Regierung nicht sehen kann, oder wurden hier durch Gehaltserhöhungen Plätze gekürzt, Kommissionen reduziert? Folglich ist mehr Gehalt nicht unbedingt die richtige Lösung.
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