Neue Studie Wie der Personalmangel in der Pflege Patienten gefährdet

Immer mehr alte und kranke Menschen sollen zu Hause betreut werden - doch in der ambulanten Pflege fehlt es an Fachkräften. Das ist nicht nur eine Belastung für die Angehörigen, sondern auch eine Gefahr für Patienten.
Betreuung eines Schlaganfall-Patienten

Betreuung eines Schlaganfall-Patienten

Foto: Britta Pedersen/ DPA

Der Mangel an Pflegekräften in Deutschland wird zunehmend zum Sicherheitsrisiko für Patienten, die zu Hause gepflegt werden. Laut einer neuen Studie kann eine Mehrheit der ambulanten Pflegedienste offene Stellen über einen längeren Zeitraum nicht besetzen. "Daraus entsteht ein höheres Risiko, dass die Versorgung der Pflegebedürftigen sich verschlechtert und neue Patienten keinen Pflegedienst mehr finden" sagt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP).

In einer bundesweiten Studie fand das ZQP heraus, dass 53 Prozent der befragten Pflegedienste seit mindestens drei Monaten offene Stellen für Pflegepersonal nicht besetzen können. Etwa 16.000 Stellen sind demnach in der ambulanten Pflege unbesetzt.

Besonders in der ambulanten Pflege ist der Personalmangel zu beobachten. Dies sei ein "Hochrisikobereich", sagt Pflegeexperte Suhr. "Häufig bestehen im Zuhause von Patienten Barrieren, die eine optimale Pflege erschweren." Nicht jede Wohnung ist beispielsweise pflegegerecht umgebaut. Zudem entstünden schnell Missverständnisse und Pannen, da Pflegekräfte und Angehörige sich bei der Versorgung der Pflegebedürftigen vielfach abwechselten. Dieses Risiko verschärfe sich, wenn das Personal in dem ambulanten Dienst oft ausgetauscht werde.

Von den Problemen sind viele Menschen betroffen. In Deutschland wird ein Viertel aller Pflegepatienten unter Beteiligung eines Pflegediensts zu Hause versorgt - im Jahr 2017 waren es nach Analyse der ZQP insgesamt 830.000 Personen. Und die steigende Lebenserwartung führt dazu, dass die Menschen tendenziell über einen längeren Zeitraum auf Pflege angewiesen sind.

Allein in den vergangenen drei Monaten lehnten laut der Studie 80 Prozent der Pflegefirmen die Betreuung neuer Patienten ab. Als Grund gaben sie an, dass sie die Pflege nicht hätten sicherstellen können. 13 Prozent der 535 befragten ambulanten Pflegedienste kündigten aus diesem Grund sogar bereits bestehenden Patienten.

Für die Angehörigen der abgelehnten Patienten kann das gravierende Auswirkungen haben. Ihnen droht oft die Überlastung, wenn sie mit der Pflege alleingelassenen werden. "Pflege ist eine herausfordernde Aufgabe", sagt Suhr. "Diese Beanspruchung kann bei pflegenden Angehörigen zu gesundheitlichen Problemen führen." Im Extremfall könne sich dies sogar in Gewalt gegen Pflegebedürftige entladen.

Alleinstehende Pflegebedürftige treffe der Pflegemangel besonders. Sie fänden immer häufiger keinen Pflegedienst mehr, der sie betreut, und zugleich fehlten ihnen Angehörige, die sie unterstützen könnten. Sie lebten teilweise allein zu Hause unter großen gesundheitlichen Schwierigkeiten, berichtet Suhr.

Pflegeberufe sollen attraktiver werden

Pflegeberufe müssten attraktiver werden, fordert deshalb der ZQP-Experte. Er plädiert für eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte und für bessere Arbeitsbedingungen, etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für Pflegepersonal. Zudem müssten auch in der Pflege die Chancen der Digitalisierung ergriffen werden: "Es drängt, zeitsparende und sicherheitsfördernde digitale Dokumentationssysteme einzuführen." Denn häufig erfolge die Pflegedokumentation noch handschriftlich, so der Experte.

Die Politik hat das Problem erkannt. Erst in der vergangenen Woche stellte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) einen Gesetzentwurf für eine bessere Bezahlung von Pflegekräften vor, die über eine Tarifvereinbarung mit den Pflegediensten erreicht werden soll.

Auch bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) steht der Kampf gegen den Pflegenotstand ganz oben auf der Agenda. Auch er kündigte die Digitalisierung der Branche an. Details über die konkrete Ausgestaltung blieb er aber schuldig.

Im Video: Pflegenotstand in Deutschland - Und wer betreut Sie?

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