Fachkräfte vom Westbalkan Anastasija, 20 - die Hoffnung des deutschen Pflegesystems

Pflegekräfte aus dem Ausland sollen die Lücke in Deutschland füllen, so sieht es ein Programm der Bundesregierung vor. Anastasija aus Belgrad ist eine der ersten an einer Klinik in Schwaben. Eine Chance für beide Seiten.
Anastasija Dacevic, serbische Pflegehilfskraft, im Klinikum in Memmingen im Pausenraum

Anastasija Dacevic, serbische Pflegehilfskraft, im Klinikum in Memmingen im Pausenraum

Foto: Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Es gibt vermutlich nur wenige Menschen, die die bayerische Kleinstadt Memmingen mit einer italienischen Lagunenstadt vergleichen würden. Wenn die Serbin Anastasija durch die Straßen ihrer neuen Heimat geht, kommt sie ihr aber genauso vor: wie Venedig. Die 20-Jährige ist aus Belgrad nach Schwaben gekommen. Hier, in der "Stadt mit Perspektiven", wie es in einem Imagefilm heißt, beginnt Anastasijas Leben in Deutschland: als Pflegekraft.

Fachkräfterekrutierung im Ausland - für viele Krankenhäuser und Pflegeheime ist das der letzte Ausweg. Fast 40.000 Arbeitskräfte fehlen in der Pflege in Deutschland. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will deshalb die Fachkräfteanwerbung in anderen Staaten ausbauen. Zum Beispiel auf dem Westbalkan.

2014 wurden Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien zu sicheren Herkunftsländern erklärt. 2015 folgten Albanien, Kosovo und Montenegro. Der Grund: Es sollten weniger Asylbewerber aus diesen Ländern nach Deutschland kommen. Zum Ausgleich sollte die Westbalkanregelung ab Ende 2015 dafür sorgen, dass Menschen leichter als Arbeitsmigranten nach Deutschland kommen können. Der Plan ist aufgegangen: Die deutschen Botschaften im Ausland schaffen es heute kaum, die angefragten Arbeitsvisa auszustellen. Am beliebtesten sind das Baugewerbe, die Gastronomie und die Pflege.

Kann man den Fachkräftemangel über das Ausland ausgleichen?

Dahinter steht auch eine moralische Frage: Ist es gut, den Fachkräftemangel mit Menschen auszugleichen, die vielleicht schlechtere Bedingungen gewöhnt sind? Oder sollte man nicht lieber die Arbeitsumstände so verbessern, dass auch Menschen in Deutschland den Job machen wollen? Mit einem besseren Gehalt? Oder geringerer Belastung?

Für Pflegekraft Anastasija stellen sich diese Fragen nicht. Es ist halb fünf Uhr morgens, als sie an diesem Donnerstag im Januar ihr Zimmer im Schwesternwohnheim verlässt. Das Einzelbett ist gemacht, dahinter sind die Bilder ihrer Schutzheiligen ordentlich aufgestellt. Einer von ihnen ist der Patron der Jobsuchenden. Er hat Anastasija schon viel geholfen, sagt sie.

Die junge Frau geht die wenigen Meter zum Krankenhaus, an den Straßenecken türmen sich kleine Schneeberge auf. Es ist Winter in Memmingen, an den Wochenenden fahren die Kolleginnen und Kollegen zum Skifahren in die Berge. Anastasija macht Spaziergänge durch die Stadt, lernt Deutschvokabeln, macht Fotos von sich und ihrer Umgebung, hört die Lieder von Annen May Kantereit, ihrer deutschen Lieblingsband, singt mit.

Anastasija zieht sich um

Anastasija zieht sich um

Foto: Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Anastasija hat ihr Gesicht hinter der Hornbrille trotz der frühen Uhrzeit makellos geschminkt. Sie geht zügig durch die verschachtelten Gänge des Klinikums, trifft einen Kollegen aus Serbien, grüßt das bosnische Paar, das gemeinsam hergekommen ist. Sie kennen sich aus dem Wohnheim, haben schon mal ein Bier zusammen getrunken. Zu zehnt wurden sie im vergangenen Jahr ausgewählt, in Sarajevo und Belgrad. Zwei Frauen von der Bundesagentur für Arbeit haben sie gefragt, was sie sich für die Zukunft wünschen. Krankenpflegerin in Deutschland sein, hat Anastasija gesagt.

Sie hat einen Deutschtest gemacht und dann einen Vorbereitungskurs, sie hat gelernt, wie in Deutschland das Steuersystem funktioniert und die Anmeldung bei der Krankenkasse. Dann hat sie mit der Pflegeleitung des Klinikums in Memmingen telefoniert. Es hat sofort funktioniert.

Anastasija hat ein Arbeitsvisum für Deutschland beantragt. Im Januar ist sie dann zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Flugzeug gestiegen. Eineinhalb Stunden von Belgrad bis zum Flughafen Memmingen. Jetzt ist sie seit zwei Wochen hier, auf Station 5a, Gefäßchirurgie.

Pflegekräfte rekrutieren mit Imagefilmen und Vermittlungsprämien

Für das Klinikum in Memmingen ist es das erste Mal, dass Fachkräfte aus dem Ausland kommen. Eigentlich, erzählt Pflegedirektor Hans-Jürgen Stopora, kommen sie immer von der Ausbildungsstätte in der Stadt. Doch im vergangenen Jahr reichte das nicht mehr aus. Stopora sitzt in seinem Büro im Krankenhaus. Hinter ihm an der Wand hängt ein Plakat mit den Maßnahmen, die das Klinikum nutzt, um Pflegefachkräfte zu rekrutieren. "Anreizsysteme" steht dort und "sinnerfüllte Arbeit". Das Klinikum wirbt - und wirbt an. Mit Imagefilmen und Vermittlungsprämien.

Stoporas Kollegin, die Pflegedienstleiterin Barbara Braun, beantwortet die moralische Frage nach der Anwerbung mit einem Satz: "Der Markt ist leer". Braun erzählt von neu gebauten Abteilungen in Münchner Kliniken, die leer stünden, weil die Pflegekräfte fehlten. Sie sagt: "Die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren komplett verändert." Mehr Patienten, mehr Druck, mehr Zeit für die Dokumentation als für die "Pflege am Patienten". Wer das ändern wolle, müsse das ganze Gesundheitssystem umkrempeln.

Pflegedienstleiterin Barbara Braun

Pflegedienstleiterin Barbara Braun

Foto: Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Weil das nicht so einfach geht, hat die Klinik gerade fast 10.000 Euro für Annoncen in ganz Bayern ausgegeben: "Suche Pflegekräfte für die Neurochirurgie". Beworben hat sich: eine Person.

"Wenn ich die Stellen nicht besetzen kann, werden die Arbeitsbedingungen schlechter", sagt Braun. "Wenn mehr Menschen da sind, kann die Arbeit auch wieder mit Empathie gemacht werden. Dann ist der Job auch wieder attraktiver."

40.000 Euro für die Vermittlung von zehn Arbeitskräften

Also versuchte die Pflegeleitung es mit dem Anwerbeprogramm der Bundesagentur für Arbeit. "Triple Win" heißt es, weil drei Seiten gewinnen sollen: Deutschland, das Heimatland, der Bewerber. Die Bundesagentur rekrutiert damit Pflegekräfte auf dem Balkan, den Philippinen und in Tunesien.

Und sie vereinfacht den Prozess massiv: Bei den deutschen Botschaften auf dem Westbalkan warten Arbeitsmigranten sonst bis zu ein Jahr auf einen Termin. Die Botschaften sind von den vielen Anfragen nach Arbeitsvisa überfordert. Mit Triple Win geht es leichter. Wartezeiten für Termine, so steht es auf der Botschaftsseite, gibt es mit dem Programm nicht. Alles soll schnell gehen. Und effektiv. Statt mehr als ein Jahr brauchen die Pflegekräfte bei Triple Win etwa ein halbes für den gesamten Prozess.

40.000 Euro hat das Klinikum für die Vermittlung der zehn Arbeitskräfte gezahlt. In diesem Jahr sollen noch zehn weitere kommen, wie jetzt Anastasija. Wenn sie Deutsch spricht, dann drückt sie sich besonders gewählt aus. Das Weggehen, sagt sie etwa, "liegt in der Erbinformation meiner Familie", es war schon lange geplant. Die Eltern zahlten die Sprachkurse. Sie führen eine Fernehe. Der Vater arbeitet seit drei Jahren auf einer Baustelle in Oslo. Anastasija weiß, dass Deutschland Pflegekräfte sucht und keine Psychologen, die die Sprache nicht sprechen. Denn eigentlich hätte sie das gern studiert: Psychologie. Vielleicht in Berlin. In Serbien träumte sie manchmal davon. Heute ist Anastasija pragmatisch. Vielleicht mache sie später mal ein Studium im Pflegemanagement. Irgendwann.

Anastasija hat ihr Land verlassen, weil es schwer ist, dort einen Job zu bekommen. Weil die Bezahlung schlecht ist. Etwa 300 Euro hätte sie als Pflegekraft pro Monat verdient. In Deutschland hat sie als Pflegehelferin die Aussicht auf gut 2350 Euro brutto - plus Weihnachtsgeld. Sie weiß, dass es nicht gut ist für ihr Land, wenn die jungen Menschen weggehen. Aber: Auch sie will eine Chance haben auf ein gutes Leben.

Deshalb beginnt sie als Pflegehilfskraft. Ein Jahr dauert es, bis sie die Anerkennungsprüfung ablegen und eine richtige Krankenschwester werden kann. Obwohl sie in Serbien eigentlich fertig ausgebildet war. Deutsch muss sie für die Prüfung einigermaßen fließend sprechen: Auf B2-Niveau des europäischen Referenzrahmens.

Anastasija bei der Arbeit

Anastasija bei der Arbeit

Foto: Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Sie hat schon die besten Voraussetzungen: Anastasija mag, was die Deutschen mögen. Sie isst gern "Kasspatzle". Sie "schwätzt" gern mit ihren Kolleginnen. Und: Sie wechselt gern Verbände. Wenn eine Pause im Gespräch entsteht, sagt sie jedes Mal "gut, dann", als wäre es ein Wort: "gutdann". Manchmal muss sie noch die Worte finden oder die richtigen Betonungen. Wenn sie mit den Patienten spricht etwa, gucken sie die Kranken manchmal etwas ratlos an. Sie verstehen "Schwester Anastasija" nicht.

Pflegedirektor: "Die bleibt in Deutschland"

Pflegedirektor Stopora hatte nicht erwartet, dass es so viel Aufwand sein würde. Es ist nicht nur die Sprache: Es fehlt den neuen Pflegekräften einfach die praktische Erfahrung. Nach dem Studium der Pflegewissenschaft machen sie in ihren Herkunftsländern nur ein halbes Jahr Praktikum.

Hans-Jürgen Stopora, Pflegedirektor

Hans-Jürgen Stopora, Pflegedirektor

Foto: Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

In Deutschland wird anders gepflegt: Die Grundpflege übernehmen in den Westbalkanstaaten oft die Angehörigen, Pfleger arbeiten eher technisch: mit Dokumentation und Spritzen. In Deutschland ist die Grundpflege das Kernstück der Arbeit: Lagerungen, Mobilisation - all das muss Anastasija noch lernen.

In ihrer ersten Woche hat Stopora Anastasija gefragt: "Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?" Sie sagte: "Ich habe beschlossen, mein Leben zu ändern." Stopora lächelt, wenn er das erzählt. Am meisten verblüfft ihn an den neuen Pflegekräften vom Balkan immer noch die riesige Motivation, ihre Heimat zu verlassen. Er weiß: Das ist nicht gut für ihr Land.

Dann sagt er über Anastasija: "Die bleibt in Deutschland. Die will sich weiterentwickeln." Er tue schließlich alles dafür, dass sie sich auch wohlfühle. In ihrem Beruf. In seinem Land. "Allerdings", fügt er kurz darauf hinzu, "können wir darauf nur hoffen." Hoffen darauf, dass Anastasija nicht doch irgendwann mehr will. Dass der Job für die junge Serbin nicht nur das Sprungbrett nach Deutschland war.

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