Corona-Folgen für den Arbeitsmarkt "Ein Kind schickte mir einen Brief mit 15 Euro aus seinem Sparschwein"

Ein Schlagzeuger, eine Sexarbeiterin, ein Erzieher: Wir haben mit Menschen gesprochen, die wegen Corona plötzlich Hartz IV beantragen mussten. Hier sind ihre Geschichten.
Schlagzeuger Christian

Schlagzeuger Christian

Foto: Dietmar Decker

Christian, Schlagzeuger in Königslutter

"Ich habe vor 17 Jahren mein Hobby zum Beruf gemacht: die Musik. Ich unterrichte Schlagzeug, leite Percussion-AGs in Schulen und spiele unter anderem in den Bands "Project Pitchfork" und "Mr. Nice Guy" - alles auf Honorarbasis. So verdiene ich im Monat eigentlich um die 1600 Euro netto. Durch Corona ist das alles weggefallen: Letzte Woche sollte es eigentlich auf Tour gehen, das wird jetzt nichts. In Schulen darf ich aktuell auch nicht. Nur der Schlagzeugunterricht läuft langsam wieder an - natürlich immer mit entsprechendem Abstand.

Zwischendurch habe ich einigen meiner Schüler digital Unterricht gegeben, manche haben mich auch ohne Unterricht weiterbezahlt. Ein Kind schickte mir einen Brief mit 15 Euro aus seinem Sparschwein, nachdem es mitbekommen hatte, dass ich finanzielle Probleme habe. Aber insgesamt reicht das noch nicht. Ich werde wohl ungefähr die Hälfte meines Jahreseinkommens verlieren. Deswegen musste ich mich nun arbeitslos melden. Weil ich vorher selbstständig war, rutsche ich sofort ins Arbeitslosengeld II. Das bedeutet, ich bekomme als Single 423 Euro und meine Wohnung bezahlt, die 560 Euro kostet. Von meinen Einnahmen durch den Unterricht darf ich noch 130 Euro im Monat behalten.

"Es fühlt sich falsch an, jetzt Arbeitslosengeld zu bekommen"

Christian

Es fühlt sich falsch an, jetzt Arbeitslosengeld zu bekommen. Ich bin schließlich nicht arbeitslos. Ich habe einen Job, den ich nur aktuell nicht ausüben darf. Ich brauche eigentlich nur eine Überbrückung, bis ich wieder meiner Berufung nachgehen darf. Unter normalen Umständen kann ich davon gut leben und auch sparen, sodass es nicht schlimm ist, wenn mal ein Konzert ausfällt oder ein Schüler abspringt.

Einige Kollegen haben sich einen anderen Job gesucht, die stechen jetzt zum Beispiel Spargel, das kommt für mich aber nicht infrage. Ich will Musik machen und kann das ja auch in einem gewissen Umfang noch immer. Aber vor allem weiß ich, dass ich wieder normal verdienen werde, sobald das Ganze vorbei ist. Ich hoffe, die Tour Anfang nächsten Jahres nachholen zu können."


MadameKALI, Sexarbeiterin in Bielefeld  


"Ich habe mich schon sehr früh isoliert und als Sexarbeiterin keine Kunden mehr empfangen. Dafür hatte ich zu viel Respekt vor dem Virus - auch als offiziell alles noch erlaubt war. Inzwischen habe ich ein Corona-Spezial, ich biete Chat- und Telefon-Sessions an. Das ist gut, um die persönliche Bindung zu Stammgästen aufrechtzuerhalten, aber es sind auch schon neue dazugekommen.

Mir macht es Spaß, diese andere Form auszuprobieren, und ich verdiene zumindest ein bisschen Geld dadurch. Das hält sich aber in Grenzen. Wie andere Soloselbstständige bin ich zum Glück Soforthilfe-berechtigt. Mit meinen Rücklagen für die Altersvorsorge und der jetzt beantragten Grundsicherung kann ich mich noch eine gewisse Zeit über Wasser halten. Selbst, wenn Lockerungen für unsere Branche kämen, wäre ich erst mal noch vorsichtig mit Körperkontakt, obwohl er mir sehr fehlt.

Unser Berufsverband Sexarbeit hat in Zusammenarbeit mit Gesundheitsämtern ein Hygienekonzept erarbeitet, das ermöglichen soll, dass auch Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in dieser Situation sicher Kunden empfangen können. Sie ähneln den Hygienevorschriften wie sie auch für andere körpernahe Dienstleistungen üblich sind.

"Ich kann mich noch eine gewisse Zeit über Wasser halten"

MadameKALI

Es geht zum Beispiel um das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, aber auch darum, welche Praktiken überhaupt noch verantwortbar sind. Wir hoffen, dass die Politik nun auch bei uns lockert, nicht alle sind so abgesichert wie ich. Einige müssen sogar im Moment arbeiten, für die haben wir einen Nothilfe-Fonds eingerichtet."

Podcast Cover
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Joshua, Erzieher in Hamburg

"Ich habe die letzten vier Jahre eine Ausbildung gemacht zum Erzieher und zum sozialpädagogischen Assistenten. Viel Berufsschule und einmal in der Woche Praxis in der Kita oder in der Grundschule in Hamburg. Da bekommt man gar nichts, keine Ausbildungsvergütung oder so. Also habe ich mich mit Bafög über Wasser gehalten und nebenbei gejobbt, Getränkekisten schleppen für die Gastro und Bars. Anfang Mai hatten wir Abschlussprüfung, mit Mundschutz, jetzt bin ich fertig mit der Ausbildung.

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Ich hatte auch schon einen Job in Aussicht: Während meiner Ausbildung habe ich in einer Grundschule eine Theatergruppe geleitet. Die wollten mich gern als Erzieher für die Nachmittagsbetreuung. Aber dann ging es hin und her: Erst hieß es, alle Kitas und Betreuungseinrichtungen hätten wegen Corona Einstellungsstopp, weil man ja nicht wusste, wann überhaupt wieder die Kinder zurückkommen. Dann hieß es, ich könnte doch anfangen, aber erst zum neuen Schuljahr. Jetzt haben sie mir aber versprochen, dass ich schon am 1. Juli anfangen kann, da hat sich die Schule für mich stark gemacht. Eigentlich toll, aber ich bin gerade mit meiner Freundin in eine gemeinsame Wohnung gezogen und kriege bald kein Bafög mehr.

Also habe ich die Grundsicherung beantragt. Ich habe da erst mal angerufen. Der Berater vom Jobcenter war sehr nett, hat eine Viertelstunde mit mir gesprochen und alles erklärt. Den Antrag habe ich dann online gestellt, den Personalausweis eingescannt und den Mietvertrag, jetzt muss ich das nur noch abschicken.

"Wenn mir das Geld zusteht, warum soll ich das nicht nehmen?"

Joshua

Der Mann vom Jobcenter meinte, im Moment liegt die Bearbeitungszeit bei etwa drei Tagen, das ist ja recht schnell, also warte ich noch ein paar Tage, für diesen Monat bekomme ich ja noch Bafög. Lange überlegen musste ich nicht, ob ich den Antrag stellen soll. Mir ist das auch nicht unangenehm mit Hartz IV. Ich sehe das so: Wenn mir das Geld zusteht, warum soll ich das nicht nehmen?"

Simone*, Zwei-Euro-Jobberin in Berlin


"Ich bin seit 2016 arbeitslos, aus gesundheitlichen Gründen konnte ich nicht mehr im Einzelhandel arbeiten, und mit 50 Plus hat man schlechte Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Ende 2018 konnte ich mit einer sogenannten Maßnahme anfangen, ich habe also einen Zwei-Euro-Job. Da helfe ich in der Nachbarschaft, spiele mit Kindern, begleite Menschen zu Ärzten oder Ämtern. Sechs Stunden am Tag bin ich dort.

Im Monat habe ich bei 20 Arbeitstagen 240 Euro, die ich zu meinem Arbeitslosengeld dazu verdiene. Wegen der Kontaktsperre kann ich meine Arbeit nun nicht mehr machen, ich bin also rausgeflogen. Im Jobcenter meinte man zu mir: 'Seien Sie doch froh, dann können Sie sich nicht anstecken.' Aber ich finde das Leben so sehr schwer. Mir fehlen die sozialen Kontakte.

"Ich fühle mich im Stich gelassen"

Simone*

Mit manchen Kollegen telefoniere ich manchmal, aber das ist kein richtiger Ersatz. Und man versauert ein bisschen in der Wohnung, ich kann ja nicht jeden Tag einkaufen gehen, um rauszukommen. Das ginge auch finanziell gar nicht. Ohne die Aufwandsentschädigung aus der Maßnahme habe ich noch 200 Euro im Monat für Lebensmittel, Medikamente und mal ein neues T-Shirt, wenn ich eins brauche, oder ein Geschenk, wenn ein Enkelkind Geburtstag hat. Das ist schon knapp. Ich kann ja nichts dafür, dass Corona ist.

Jetzt habe ich nachgefragt, ob ich denn, wenn es Lockerungen gibt, wieder arbeiten kann, aber mir konnte bisher niemand etwas dazu sagen. Ich fühle mich vom Amt im Stich gelassen."

* Name von der Redaktion geändert

Miguel, Getränkeproduzent in Hamburg

"Ich arbeite selbstständig in der Event- und Gastrobranche, das ist im Moment nicht so toll. Ein Teil meiner Arbeit ist für ein Kollektiv, das Getränke verkauft. Unsere Getränke gibt es hauptsächlich in Restaurants und Bars, deswegen sind 95 Prozent der Einnahmen weggefallen durch die Kontaktsperren.

In meiner restlichen Zeit arbeite ich fast ausschließlich bei Veranstaltungen, zum Beispiel als Moderator. Auch das geht im Moment nicht. Ich habe also Arbeitslosengeld beantragt. Den Antrag habe ich dann aber zurückgezogen, weil man meine Freundin und mich als sogenannte Bedarfsgemeinschaft gesehen hat, das heißt, sie hätte für mich aufkommen müssen. Das hätte unsere Beziehung zu sehr belastet.

"Den Antrag habe ich zurückgezogen"

Miguel

Deswegen leihe ich mir jetzt erst mal Geld von Freunden, nehme vielleicht noch einen Kredit auf. Natürlich ist es auch nicht so, dass ich keine Arbeit mehr hätte. Für das Getränke-Kollektiv ist weiterhin viel zu tun, und ich bin mir nicht zu schade, Sachen zu machen, die nicht bezahlt werden.

Bei uns arbeitet, wer dafür Zeit hat, und es bekommen diejenigen Geld, die es gerade dringend brauchen und es gar nicht anders organisieren können. Das Modell basiert auf Solidarität. Außerdem haben wir beschlossen, trotzdem noch eine Fuhre zu produzieren - unser Abfüller ist abhängig von unserer Bestellung. Wir versuchen, trotz der schwierigen Situation sozial zu entscheiden."

Sie sind in einer ähnlichen Lage und beziehen Arbeitslosengeld II? Und Sie wollen uns von Ihrer Situation erzählen? Schreiben Sie uns unter ploetzlichhartziv@spiegel.de .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

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