Lokführer, Erzieher, Piloten Was wurde eigentlich aus den ganzen Streiks?

Die Züge fahren wieder und die Kitas sind geöffnet - ist in der Streikrepublik Deutschland Ruhe eingekehrt? Nein. Viele Konflikte könnten in den kommenden Wochen wieder ausbrechen.
Streikende Post-Beschäftigte: Kampf um den Haustarifvertrag

Streikende Post-Beschäftigte: Kampf um den Haustarifvertrag

Foto: Marius Becker/ dpa

Es ist wenige Wochen her, da konnte man einem Schicksal als Streikopfer kaum entgehen. Nur wer weder in der Bahn noch im Flugzeug reiste, keine kleinen Kinder hatte und nichts bei Amazon bestellen wollte, konnte die Ausstände in den diversen Dienstleistungsbranchen gelassen betrachten. Arbeitskämpfe wie der der Lokführergewerkschaft GDL waren so allgegenwärtig, dass bereits von der Streikrepublik Deutschland die Rede war.

Ein paar Wochen später scheint der Spuk vorbei zu sein. Die Bahnen fahren wieder, Lufthansa-Maschinen fliegen und der Streik der Erzieher, der viele Eltern in die Verzweiflung getrieben hatte, könnte auch bald beendet sein.

Doch die relative Ruhe täuscht: Die meisten Tarifkonflikte, die in den vergangenen Monaten ausbrachen, sind bis heute nicht gelöst. Mal warten Arbeitgeber und Gewerkschaften auf einen Schlichterspruch, mal herrscht völlige Funkstille. Ein Überblick über den aktuellen Stand bei den größten Auseinandersetzungen:

1. Deutsche Post

Der Arbeitskampf bei Deutschlands größtem Logistiker ist der jüngste unter den Großstreiks: Seit zweieinhalb Wochen bleiben Briefe und Pakete liegen. Der Ausstand von Briefträgern und anderen Angestellten trifft die Deutsche Post so empfindlich, dass sie schon zu Sponti-Aktionen greift: Am vergangenen Sonntag schickte der Konzern rund tausend Aushilfen auf gelben Fahrrädern los, um den Rückstau in seinen Verteilzentren zu verringern.

Die Postler wollen höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten durchsetzen. Im Kern geht es aber um mehr: Die Gewerkschaft Ver.di akzeptiert nicht, dass das ehemalige Staatsunternehmen 6000 seiner Beschäftigten in Regionalgesellschaften ausgegliedert hat und ihnen dort rund 20 Prozent weniger Lohn zahlt, als der Haustarifvertrag der Post vorschreibt. Um alle Angestellten in den Haustarif zurückzuholen, ist Ver.di sogar bereit, auf eine generelle Lohnerhöhung zu verzichten. Gesprochen wird derzeit nicht, laut einem Ver.di-Sprecher nicht einmal informell. "Es herrscht faktisch Sendepause."

2. Amazon

Falls längst bestellte Päckchen immer noch nicht im Briefkasten stecken, liegt das aber gar nicht unbedingt an der Post. Denn auch bei Amazon streiken Beschäftigte schon seit dem Frühjahr 2013 immer wieder für die Eingruppierung in den vorteilhafteren Einzelhandelstarifvertrag. Amazon sieht sich dagegen als Logistikunternehmen.

Am heutigen Mittwoch will Ver.di 1500 Beschäftigte in Bad Hersfeld versammeln, wo der US-amerikanische Onlinehändler sein größtes Versandzentrum in Deutschland betreibt. Ein Ende des Konflikts ist auch nach mehr als zwei Jahren nicht absehbar.

Mädchen vor Protestplakat: Kompromiss im Kita-Streik steht bevor

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Foto: Axel Heimken/ dpa

3. Kindertagesstätten

Der Streik von 240.000 Erzieherinnen, Sozialarbeitern und Kinderpflegern traf Millionen Deutsche mitten in ihrem Alltag. Geschlossene Kitas brachten ihre fein justierten Tagespläne völlig durcheinander. Gleichzeitig hatten viele Eltern Verständnis für die Forderungen der Erzieher: Im Durchschnitt rund zehn Prozent mehr Gehalt sollte ihnen die Eingruppierung in höhere Lohngruppen bringen.

Am Dienstag schlug eine Schlichtungskommission Gehaltserhöhungen von 2 bis 4,5 Prozent vor. Gewerkschaften und kommunale Arbeitgeber konnten sich jedoch nicht einigen, diesen zu übernehmen. Nun will Verdi seine Mitglieder befragen und die Verhandlungen ab dem 13. August wieder aufnehmen.

4. Lokführer

Eine erfolgreiche Schlichtung steht beim Streik der Lokführer noch bevor. In der Nacht zum Freitag endet die Frist, in der die Schlichter Bodo Ramelow und Matthias Platzeck ihren Vorschlag vorstellen sollen. Den können Bahn und GDL dann bewerten und entscheiden, ob er Grundlage für weitere Verhandlungen werden soll.

Einen für GDL und Bahn annehmbaren Kompromiss zu finden, erscheint ungleich schwieriger als bei den Erziehern. Um mehr Geld geht es den Lokführern um ihren streitbaren Gewerkschaftschef Claus Weselsky nur in zweiter Linie. Vor allem will die GDL durchsetzen, eigene Tarifverträge für Zugbegleiter und Speisewagenpersonal abschließen zu können. Die Bahn will einen unternehmensinternen Wettstreit der GDL mit der größeren Konkurrenzgewerkschaft EVG um den besten Abschluss vermeiden.

GDL-Vorsitzender Claus Weselsky: Warten auf den Schlichterspruch

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Foto: Lukas Schulze/ dpa

5. Flugbegleiter und Piloten

Genau in die Urlaubszeit könnte ein Ausstand der Flugbegleiter der Lufthansa fallen. Deren Gewerkschaft Ufo will ab dem 1. Juli streiken, falls Lufthansa-Chef Carsten Spohr seine Pläne für die Kürzung der bisherigen Betriebsrente und den Konzernumbau unverändert weiterverfolgt. Ein Treffen am heutigen Mittwoch endete ohne Ergebnis, bis zum 30. Juni soll aber weiterverhandelt werden.

Scheitern die Gespräche, müssen sich Urlauber auf einen langen Ausstand einstellen. Bis Mitte September könnten die 19.000 Flugbegleiter ihre Arbeit niederlegen, kündigte Ufo-Chef Nicoley Baublies an.

Auch mit ihren Piloten liegt Deutschlands größte Fluglinie seit mehr als einem Jahr im Clinch. Um ihre schrumpfende Rendite zu steigern, will die Lufthansa das durchschnittliche Ruhestandsalter ihrer Piloten von 58 auf 61 Jahre anheben. Dagegen wehrte sich die Pilotengewerkschaft Cockpit mit gezielten Streiks, die den Kranichkonzern bereits mehr als 220 Millionen Euro gekostet haben. Derzeit läuft eine Schlichtung unter der Führung von Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU). Bis Ende Juli will Cockpit deshalb von weiteren Streiks absehen.

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