Prism-Skandal in USA Das große Geschäft mit den Mietspionen

Der Mann, der das US-Spionageprogramm Prism aufgedeckt hat, arbeitete für eine unabhängige Vertragsfirma. Der Fall Edward Snowden zeigt, in welch riesigem Ausmaß sich die überforderten US-Geheimdienste auf private Mietspione verlassen.
Zentrale von Booz Allen Hamilton in Maryland: Lukrativer Schattenmarkt

Zentrale von Booz Allen Hamilton in Maryland: Lukrativer Schattenmarkt

Foto: Michael Reynolds/ dpa

Der jüngste Geschäftsbericht der Firma Booz Allen Hamilton liest sich wie die PR-Broschüre einer Lebensberatung. Auf dem Cover lächeln schöne Menschen zu schönen Schlagworten: "Missionen mit Bedeutung", "inspiriertes Denken". Drinnen vergleicht Vorstandschef Ralph Shrader sein Unternehmen mit einem guten Freund: "Sie können auf uns zählen."

Bisher sagte der Name Booz Allen Hamilton kaum einem Bürger etwas. Inzwischen weiß man, wer hinter den lächelnden Menschen steckt: Der private Vertragspartner des US-Geheimdienstes wurde unfreiwillig prominent, nachdem sich sein Mitarbeiter Edward Snowden outete, das US-Spionageprogramm Prism aufgedeckt zu haben.

Während die Jagd auf den untergetauchten Snowden beginnt, findet sich auch Booz Allen im Visier. Zu Recht: Der Milliardenkonzern aus Maryland steht im Mittelpunkt eines privaten Netzwerks, das die Cyber-Kriege der US-Regierung managt - ohne dass die Bevölkerung viel mitbekommt.

Fast ein Viertel aller Personen, die 2012 eine staatliche Sicherheitsstufe hielten, waren solche Leihspione. Michael Hayden, der frühere CIA- und NSA-Direktor, vergleicht das mit ähnlichen Arrangements des Pentagons: "Wie wär's mit einem digitalen Blackwater?", sagte er schon im Juli 2011 auf einer Konferenz in Aspen in Anspielung auf die Sicherheitsfirma, die sich als Söldnertruppe im Irak einen unrühmlichen Namen machte.

Wie das Militär delegieren auch die US-Geheimdienste - allen voran Snowdens Ex-Arbeitgeber NSA - ihre Schnüffelarbeit längst an die Privatwirtschaft. Und wie Blackwater, das alle Skandale überlebte und heute unter neuem Namen wieder einer der größten Pentagon-Partner ist, scheint auch der geheimdienstlich-militärische Komplex unaufhaltsam.

E-Mail-Zugang zum Präsidenten

Mit vergleichbaren Folgen. Der Fall Snowden ist nicht der erste, bei dem die Cyber-Söldner in Misskredit geraten: Datenlecks und finanzielle Unregelmäßigkeiten geistern oft auch durch ihre Machenschaften.

Der Boom der Mietspione begann nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Überwältigt von der plötzlichen Flut an elektronischen Abhör-Informationen, die der "Patriot Act" eröffnete, das damalige Anti-Terror-Gesetz, suchten die Geheimdienste private Unterstützung.

Einer der ersten Vertragspartner war Booz Allen. Die Auftragslage entwickelte sich so gut, dass das Cyber-Spionagegeschäft 2008 als eigenes Unternehmen ausgeliedert wurde. 2010 ging es erfolgreich an die Börse. 70 Prozent der Anteile hält heute der Finanzinvestor Carlyle - eine der weltgrößten Private-Equity-Firmen mit besten Verbindungen in Washington.

Im vergangenen Bilanzjahr machte Booz Allen 5,8 Milliarden Dollar Umsatz. Fast 99 Prozent stammten aus Regierungsaufträgen, 23 Prozent aus der Arbeit für die Geheimdienste.

Zwischen dieser Szene und den Partnerfirmen dreht sich ein lebhaftes Personalkarussell. Mehr als zwei Drittel der 25.000 Angestellten von Booz Allen haben "security clearance", sind also staatliche Geheimnisträger. Snowden prahlte, er habe sogar Zugang zu E-Mails von US-Präsident Barack Obama gehabt.

Cyber-Power an der Shopping-Mall

Booz Allen ist aber nur eines von vielen Unternehmen, die von dem privaten Spionagemarkt profitieren. Andere Beispiele sind:

• Der Luftfahrtkonzern Boeing macht über seine Tochter Narus mit, die das elektronische Rückgrat des NSA-Abhörsystems baute.

• Der Rüstungskonzern General Dynamics analysiert NSA-Ausspähdaten, betreut NSA-Netzwerke und baute das erste abhörsichere NSA-Handy.

• Die Softwarefirma Palantir erstellt Datensuchsysteme für die Geheimdienste.

• CACI vermittelt Leiharbeiter für die US-Sicherheitsbranche. Früher stellte das Unternehmen auch Dolmetscher für das berüchtigte irakische Gefängnis Abu Ghureib.

• Die IT-Firmen CSC und Logicon bauten das interne Kommunikationssystem der NSA auf. Logicon ist eine Tochter des Rüstungskonzerns Northrop Grumman, der seinerseits eine "Outsourcing-Partnerschaft" mit der NSA unterhält.

Viele dieser Akteure haben ihren Sitz in direkter Nachbarschaft der NSA-Zentrale in Maryland. "Die größte Konzentration von Cyber-Power auf dem Planeten ist die Kreuzung des Baltimore Parkway und der Maryland Route 32", scherzte Hayden in Aspen. In dem Gewerbepark an besagter Kreuzung, gegenüber einer Shopping-Mall, sitzt auch Booz Allen.

Einen Whistleblower in den eigenen Reihen zu haben, ist für diese Sicherheitsfirmen nun natürlich höchst peinlich. Image ist alles. Booz Allen hat sich bemüht, sich von Ed Snowden zu distanzieren: Die Berichte seien "schockierend".

Es half nichts: Am Montag stürzte die Aktie von Booz Allen steil ab, fing sich dann etwas und schloss mit einem Tagesverlust von 2,6 Prozent.