Privat statt Staat Wenn Stifter nur an sich selbst denken

Ex-BayernLB-Manager Gribkowsky parkte 50 Millionen Dollar in einer Stiftung - um die eigene Familie abzusichern. Bill Gates steht in der Kritik, weil er Hilfsprojekte angeblich nach "Milliardärsgusto" unterstützt. Ist das Geld privater Spender also schmutzig? Nein, aber es kommt auf ihre Intention an.
Von Knut Bergmann und Heiko Geue
Ex-BayernLB-Manager Gribkowsky: Einsatz für das Gemeinwohl nur als Feigenblatt?

Ex-BayernLB-Manager Gribkowsky: Einsatz für das Gemeinwohl nur als Feigenblatt?

Foto: STRINGER/GERMANY/ REUTERS

Unfassbare 50 Millionen Dollar hat Gerhard Gribkowsky, Ex-Vorstand der BayernLB, in seine Privatstiftung "Sonnenschein" eingebracht. Zweck der Stiftung: wirtschaftliche Unterstützung der Familie. Ob es sich tatsächlich um Bestechungsgeld von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone handelt, werden die Gerichte entscheiden.

Die Schlagzeilen, die Gribkowskys Verhaftung im Januar machte, haben aber schon jetzt das Urteil vieler bekräftigt, dass Stiftungen bestenfalls Steuersparmodelle sind. Doch es muss nicht gleich die österreichisch-liechtensteinische Art der Vermögenssicherung von Managern sein, die Stiftungen in Misskredit bringt. Auch im Zuge der Philanthropie-Kampagne "The Giving Pledge" von Bill Gates  wurde hierzulande die Frage laut, ob es statthaft sei, wenn Stifter mit ihrem Engagement einen weder parlamentarisch noch gesellschaftlich legitimierten politischen Einfluss ausüben, anstatt wie jeder Normalsterbliche Steuern zu zahlen. Unicef-Großspender Peter Krämer ("Schulen für Afrika")  sprach gar von einem "schlechten Transfer von der Staatsgewalt hin zum Milliardärsgusto".

Obwohl Stiftungen seit Jahrhunderten unverzichtbares Sozialkapital für die Zukunft unserer Gesellschaft bilden, werden die Motive ihrer Gründer misstrauisch beäugt. Es droht, dass auch Stiftungen Teil der institutionellen Vertrauenskrise werden, die Politik und Wirtschaft schon befallen hat - und das zu einer Zeit, in der nach dem Markt- und Staatsversagen, die von der Finanzkrise offenkundig gemacht wurden, viele Menschen große Hoffnungen in die Kraft der Zivilgesellschaft setzen.

Für unser Gemeinwesen wäre es sehr schädlich, würden sich in der Folge des Misstrauens potenzielle soziale Investoren abwenden. Allein in den nächsten zehn Jahren werden vermutlich etwa zweieinhalb Billionen Euro vererbt. Es wäre gut, wenn mögliche Mäzene durch gesellschaftliche Anerkennung motiviert würden, einen Teil dieses Geldes dem Gemeinwohl dienlich zu machen. Das ist umso wichtiger, als in der Folge der Exzesse an den Finanzmärkten das Unbehagen gegenüber dem "großen Geld" noch gewachsen ist. Der Eindruck, dass eine abgehobene Schicht nach Gutdünken schaltet und waltet, hat sich verfestigt, selbst die Angehörigen der Mittelschicht meinen heute, dass sie kaum noch Einfluss haben.

Leider ist der Argwohn gegenüber den wirklichen Zwecken manch großer Stiftung in Einzelfällen berechtigt. Gerade in jüngerer Zeit gab es zum Beispiel Kritik an Konstruktionen, mit denen nach Expertenmeinung weniger Gemeinwohlzwecke gefördert werden, sondern dem namensgebenden Unternehmen günstig Kapital zur Verfügung gestellt wird. So ist es nicht verwunderlich, dass bei gestifteten Vermögen nachgefragt wird, ob das Geld auf legitime Weise erworben wurde, oder dass mancher Einsatz für das Gemeinwohl nur als Feigenblatt angesehen wird.

Stiftungen als Antreiber von innovativen Vorhaben

Generell machen Heterogenität und mangelnde Transparenz den Stiftungssektor unübersichtlich. Dazu kommt die Furcht vor zu großer Macht einzelner Akteure. Das klassische Beispiel ist die Gates-Foundation, der trotz ihrer unbestritten tollen Arbeit entgegengehalten wird, die weltweite Malariabekämpfung zu monopolisieren, da es kaum mehr von der Foundation unabhängige Forschergruppen gebe.

Dass der Einfluss großer Stiftungen nicht nur in den USA Fragen aufwirft, zeigt hierzulande die lang anhaltende Debatte um die Bertelsmann-Stiftung. Mit der Mission, aus ihrer Sicht notwendige Reformen zu initiieren, mischt sie sich aktiv in den politischen Willensbildungsprozess ein - die kritische Kommentierung ihrer Arbeit ist die Folge. Auch andere große Stiftungen berühren mit ihrer Arbeit die Aufgabenteilung zwischen öffentlichen und privaten Institutionen und verstehen sich als Antreiber von innovativen Vorhaben. Oft stoßen sie - etwa bei Bildung und Integration - genau in die Lücken, die ihnen von der Politik gelassen werden.

Das ist per se nicht schlecht, birgt jedoch Gefahren. So sollten sich Stiftungen nicht als Ausfallbürge missbrauchen lassen, indem sie Aufgaben übernehmen, die bislang eindeutig in öffentlicher Verantwortung lagen. Kooperation, nicht Substitut, lautet die Erfolgsformel eines gedeihlichen Zusammenwirkens.

Doch auch wo dies beherzigt wird, können aus dem Selbstverständnis mancher Stiftungen, nur Inkubator von Projekten zu sein, Probleme erwachsen. Denn die Erwartung, dass sich nach einer Anschubfinanzierung selbsttragende Strukturen entwickeln, bleibt meist Wunschdenken. Nur selten lassen sich die erhofften - oft wiederum öffentlichen - Gelder mobilisieren, um Projekte weiterzuführen. In der Folge droht ein Vertrauensverlust, weil Erwartungen nicht erfüllt werden.

Direkte Kontakte sind vertrauenstiftend

Grundsätzlich sollten die Möglichkeiten der Politik aber nicht überschätzt werden. So sehr das Gesetz zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements seit 2007 die Gründung von Stiftungen steuerlich attraktiver gemacht und darum einen wahren Boom verursacht hat, so wenig können Gesetze Vertrauen schaffen. Und so sehr die Nationale Engagementstrategie zu begrüßen ist, die im Herbst 2010 ins Bundeskabinett eingebracht wurde und Stiftungen zu wichtigen Akteuren erklärt, so wenig realistisch ist das zuständige Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hinsichtlich der tatsächlichen Ressourcen dieses Sektors.

Allerdings könnte sanfter gesetzgeberischer Druck durchaus zu mehr Transparenz führen. Für die Akteure im Stiftungswesen ist es wichtig, sich mit der Wirkung der eingesetzten Mittel zu beschäftigen. Wer Geld hat, hat es leicht - doch Geld erstickt auch leicht den Widerspruch, der für die Reflexion der Rolle des Stifters notwendig ist. Wer an Wirkung, deren Nachweis zu größerem Vertrauen führen kann, interessiert ist, muss damit rechnen, dass bei einer Überprüfung die Resultate schlechter ausfallen können, als dies im - an positive Resonanz gewöhnten - Stiftungssektor sonst üblich ist.

Doch gerade eine Kultur, in der eigene Schwächen offengelegt und Probleme benannt werden, kann ähnlich wie die Korrekturspalte einer Tageszeitung zur Vertrauensbildung beitragen. Was generell niemandem leicht fällt, gilt für den Dritten Sektor fast schon konstitutiv: "Da sich NGOs, Hilfsorganisationen oder Stiftungen ihrem ureigenen Selbstverständnis nach als 'Lösung' begreifen, fällt es umso schwerer, offen mit Problemen oder gar Versäumnissen der eigenen Arbeit umzugehen", sagt Rudi Tarneden, der Pressesprecher von Unicef Deutschland. Er weiß, wovon er spricht, denn nach der Führungskrise bei dem Kinderhilfswerk war Tarneden mit dafür verantwortlich, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Erfolgreich, wie sich heute zeigt.

Es braucht Vorbilder

Tatsächlich wäre ein Perspektiv- wenn nicht sogar ein Mentalitätswandel hilfreich. Das gilt noch stärker für den Umgang mit dem Stifterwillen. Der Eindruck, dass Engagement primär selbstreferentiellen Zwecken dient, ist ungemein schädlich. Zugespitzt formuliert ist der Nachweis nötig, dass die eigenen Motive uneigennützig sind - gleichsam einer Umkehr der Beweislast. In der Praxis kann das geschehen, indem sich Stiftungen zu Fördernetzwerken zusammenschließen, was übrigens meist der Effizienz dient.

Wenn Strukturen finanziert werden, in denen wie im "Community Organizing" Menschen ihr Umfeld selber gestalten, dann geben Stifter die Rolle als Entscheider weitgehend ab. Das stiftet Vertrauen. Dieser "Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität", wie es der Soziologe und Philosoph Niklas Luhmann nannte, ist die wichtigste Ressource für die Öffentlichkeitsarbeit von Stiftungen. Ist die Vertrauensbasis gestört, wird Kommunikation schnell als der Versuch der Instrumentalisierung wahrgenommen. Direkte Kontakte hingegen sind vertrauenstiftend.

Der Bundesverband Deutscher Stiftungen hat in einer Umfrage im letzten Jahr ermittelt, dass die Reputation von Stiftungen und ihrer Arbeit umso größer ist, je enger Menschen mit ihnen in Berührung kommen. Es braucht also Vorbilder. Das wiederum ist Gerhard Gribkowsky sicherlich nicht, obwohl er bei der BayernLB Risikovorstand war. Er hätte sich also auskennen können mit dem Thema Vertrauen, das Niklas Luhmann zufolge eine "riskante Vorleistung" ist. Diesen Vorschuss sollte unsere Gesellschaft ehrenwerten Stiftern gewähren - aus wohlverstandenem Eigeninteresse.

Der Artikel stammt aus dem Magazin "enorm" (siehe linke Spalte).

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