Vermögen in Deutschland Zahl der Privatiers steigt rasant

Die Zinsen sind am Boden, aber immer mehr Menschen bestreiten ihren Lebensunterhalt aus eigenem Vermögen - inzwischen sind es fast 630.000. Der Streit über eine Vermögensteuer dürfte sich verschärfen.


Als Privatier gilt, wer seinen Lebensunterhalt überwiegend aus eigenem Vermögen bestreitet. Diese Menschen müssen nicht oder nicht mehr arbeiten. Sie leben von Einkünften etwa aus Ersparnissen, Zinsen, Mieteinkünften oder Verpachtung. Und die Zahl dieser Privatiers ist in Deutschland stark gestiegen.

Waren es um die Jahrtausendwende noch 372.000 Menschen in Deutschland, gab es 2010 bereits 415.000 Privatiers. 2018 waren es 627.000 - fast 70 Prozent mehr als noch vor 18 Jahren. Das ergibt eine Aufstellung des Statistischen Bundesamts für das "Handelsblatt", die Behörde hat die berichteten Zahlen bestätigt.

Es sind nicht nur ältere Manager, die aussteigen und fortan von ihrem Vermögen leben. Der Zeitung zufolge waren unter den Privatiers 2018 auch rund 6000 Menschen unter 18 Jahren. Aus welchen Gründen jemand zum Privatier wird oder geworden ist, ist nicht erfasst. Grundsätzlich mehrt sich Vermögen häufig durch Erbe, aber auch durch Gewinne am Aktienmarkt oder durch den steigenden Wert von Immobilien.

"Finanzierung des Gemeinwesens"

Die Auswertung könnte die Debatte über die Vermögensteuer weiter zuspitzen. SPD-Interimsparteichef Thorsten Schäfer-Gümbel sagte dem "Handelsblatt", in Städten und Kommunen fehlten Investitionen im Rekordwert von 159 Milliarden Euro für Schulen, Wohnungen und vieles mehr. "Es ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, dass sehr hohe Vermögen für die Finanzierung des Gemeinwesens stärker beitragen. Es ist auch eine Frage des gesellschaftlichen Erfolgs."

Die SPD hatte vergangene Woche Eckpunkte für eine Wiederbelebung der Vermögensteuer vorgestellt. Auch der DGB sieht seine Forderung nach einer Vermögensteuer bestätigt: "Die Zahl zeigt, wie ungerecht es in Deutschland zugeht und wie renditeträchtig Vermögen nach wie vor ist, wie viel Spielraum es also für die Einführung einer Vermögensteuer gibt", sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

Gegen diese Forderungen gibt es Widerstand. Familienunternehmer und Autoverleiher Erich Sixt hatte bereits vergangene Woche von einer existenziellen Bedrohung gesprochen.

Lesen Sie hier: Debatte über Vermögensteuer - Das Klagelied der armen Reichen

apr

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insgesamt 213 Beiträge
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bergführer 02.09.2019
1.
Vielleicht waren die Personen einfach nur fleißige Menschen mit einem guten Geschäftssinn und haben bis dahin auch kräftig Steuern auf das erarbeitete Einkommen etc. bezahlt. Es gibt Länder da werden fleißige Bürger und Unternehmer Bewundert. Hier in Deutschland entsteht sofort eine Neiddebatte weil es sich ja um Menschen handeln muss die andere Menschen ihr ganzes Leben ausgebeutet haben.
wiescheid 02.09.2019
2. Ich kenne auch ein paar
Was die alle gemeinsam haben? Ca 30-40 Jahre sehr hart und viel gearbeitet und genießen jetzt das gesparte Geld, da sie nicht bis 67 Jahre arbeiten wollen. Mit den meisten hätte ich im Job nicht tauschen wollen oder hätte deren Risiken mit Selbständigkeit, etc nicht eingehen wollen, daher gönne ich es denen jetzt auch. Natürlich weiß ich, dass es auch andere Fälle gibt und gerade die angesprochenen jungen Menschen nicht mit meinen Bekannten und Verwandten vergleichbar sind, aber es gibt eben auch die anderen und das kam mir in dem Artikel zu kurz.
thequickeningishappening 02.09.2019
3. Kleine Anfrage
Gilt man auch als Privatier wenn man vom Staat gezwungen wird Das eigene Vermögen aufzubrauchen bevor man Anspruch auf Hartz IV hat ? Wie sah Dies vor Der Agenda aus als es noch Arbeitslosenhilfe gab ?
Sibylle1969 02.09.2019
4.
Ich arbeite seit meinem 27. Lebensjahr daran, Privatier zu werden. Und was soll ich sagen, in 2-3 Jahren dürfte es soweit sein. Ich bin jetzt 49 Jahre alt. Ich habe seit meinem Berufseinstieg regelmäßig in Aktien, Fonds und ETFs gespart und mir vor neun Jahren eine vermietete Eigentumswohnung zugelegt., die im Wert stark gestiegen ist. Dank Zinseszinseffekt, dem Gesetz der Großen Zahlen und der Immobilienpreisentwicklung ist mein Vermögen innerhalb von 22 Jahren von Null auf mittlerweile rund 900.000 Euro angewachsen. Alles selbst erarbeitet, ich habe noch nie etwas geerbt. Meine Strategie: Lebensstandard langsamer steigern als das Einkommen, und kein Geld für überflüssige Dinge ausgeben. So kann ich zurzeit pro Jahr rund 30.000 Euro sparen. Ok, ich bin natürlich privilegiert, weil ich in der IT-Branche immer sehr gut verdient habe, aber auch jeder, der normal verdient, kann sich durch ETF-Sparen bis zur Rente ein Vermögen von 200.000 bis 300.000 Euro aufbauen.
u113 02.09.2019
5. Neiddebatte
Ich bin leider kein Privatier, bin aber nicht neidisch. Sehr viele würden, wenn sie es sich leisten könnten, auch gerne sorgenfrei leben. D.h. aber nicht, dass sich Vermögende nicht an den Gemeinkosten beteiligen sollten. Meines Erachtens reicht dafür aber das vorhandene Steuersystem aus.
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