Pro und Contra "Kurzzeit-Jobs helfen denen, die Arbeit suchen"

Ist der Arbeitsmarkt zu brutal? Gewerkschafter klagen über die steigende Zahl befristeter Jobs, viele Menschen könnten ihr Leben nicht mehr planen. Unternehmer jubeln dagegen über die neue Freiheit, dank Kurzzeitstellen sind sie flexibel. SPIEGEL ONLINE hat zwei Experten zum Pro und Contra gebeten.

Arbeitsagentur: Die Zahl der befristeten Stellen ist deutlich gestiegen
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Arbeitsagentur: Die Zahl der befristeten Stellen ist deutlich gestiegen

Von und Claus Schäfer


PRO

Henrik Müller

Henrik Müller, stellvertretender Chefredakteur von manager magazin

Kennen Sie diese Formel: "Es kann doch nicht sein, dass..."? Es ist eine der beliebtesten rhethorischen Figuren in der deutschen Endlosdebatte über Arbeit und Soziales. Keine Talkshow über die "Reform-Ruine Hartz", den "abgewrackten Sozialstaat" oder das "Ende der Solidarität" kommt ohne diesen Halbsatz aus: Es kann doch nicht sein, dass es Beschäftigte gibt, die von ihrer Arbeit nicht leben können; dass die Menschen sich nicht mehr darauf verlassen können, ihren Arbeitsplatz lebenslang zu behalten; dass überhaupt das Erwerbsleben immer unsicherer wird.

Es kann doch nicht sein! Aber es ist so. Und die lautstark zur Schau gestellte moralische Entrüstung wird daran nichts, aber auch gar nichts ändern.

Wer den Bürgern helfen will, muss das instutionelle Regelwerk des Arbeitsmarkts und des Sozialstaats den neuen Realitäten anpassen. Wer hingegen seine Zeit damit vertut, der Arbeitswelt des vergangenen Jahrhunderts nachzutrauern, wird genau das Gegenteil erreichen: weniger Beschäftigung, eine tiefere Spaltung der Gesellschaft und eine Verlängerung der Krise.

Symptomatisch ist der Streit über die befristete Beschäftigung. Die schwarz-gelbe Koalition hat verabredet, die Hürden für den Abschluss befristeter Arbeitsverträge zu senken. Das ist gut so. Warum? Weil es den Bürgern hilft. Insbesondere jenen, die Arbeit suchen.

Die Zahl der Beschäftigten ist stark gestiegen

Die Entwicklung der vergangenen Jahre hat das eindrucksvoll belegt. Auch weil die zeitlich begrenzte Einstellung in den vergangenen Jahren erleichtert wurde, hat die Beschäftigung in Deutschland deutlich zugenommen: Zwischen 2005 und 2008 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 1,3 Millionen. Ein großer Erfolg.

Wahr ist: Von den neu abgeschlossenen Arbeitsverträgen des Jahres 2001 waren nur 32 Prozent befristete Verträge, 2006 lag der Anteil bereits bei 43 Prozent, 2009 stieg er auf 47 Prozent, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelt hat.

Aber: Wer befristet eingestellt wurde, bekommt im Anschluss häufig einen festen, unbefristeten Job. Die allermeisten Vollzeitbeschäftigten in Deutschland haben deshalb nach wie vor Dauerverträge. Die Befristung sei letztlich nichts anderes als eine "verlängerte Probezeit", schreibt das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in einer Studie.

Das ist logisch: Vernünftig geführte Unternehmen haben kein Interesse daran, Leute nur kurzfristig und vorübergehend einzustellen. Sie wollen loyale Mitarbeiter, die sich auf die Erfordernisse des jeweiligen Betriebs spezialisieren, die hochproduktiv arbeiten und nicht morgen mit betriebsspezifischem Wissen zur Konkurrenz abwandern. Bei hoher Fluktuation der Beschäftigten ist höherwertige Wertschöpfung kaum möglich.

Diesem prinzipiellen Interesse an langfristigen Beschäftigungsverhältnissen steht das unternehmerische Risiko gegenüber, einen Mitarbeiter nicht länger beschäftigen zu können, weil der Umsatz wegbricht oder sich die Qualifikationsanforderungen verändert haben. Und diese unternehmerische Unsicherheit hat enorm zugenommen: durch die Globalisierung, die seit den neunziger Jahren die Wirtschaft verändert hat - und nun durch die Jahrhundertkrise, die längst noch nicht vorbei ist.

In den kommenden Jahren muss die deutsche Volkswirtschaft zwei gewaltige Strukturprobleme lösen:

  • Zum einen müssen in vielen Branchen Überkapazitäten abgebaut werden, gerade in der Industrie, die vom globalen Boom der Nullerjahre profitierte und nun schrumpfen muss; Hunderttausende, vielleicht Millionen Beschäftigte brauchen neue Jobs.

  • Zum anderen muss Deutschland mit einer zurückgehenden, alternden Bevölkerung seinen Wohlstand halten; seit 2008 geht nach IAB-Berechnungen das Angebot an Arbeitskräften zurück. Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Arbeitszeitverkürzung - all das können wir uns nicht mehr leisten.

Die Herausforderung ist alles andere als trivial: Die Bundesrepublik muss einen raschen Strukturwandel bei anhaltend hoher Beschäftigung hinbekommen. Das wird nur mit maximaler Flexibilität und zugleich größtmöglicher Absicherung durch die Sozialsysteme möglich sein. Befristete Beschäftigung sind dabei ein Element.

CONTRA

Claus Schäfer

Claus Schäfer, Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung

Der Wunsch nach Befristungen entspringt einem Irrtum der Arbeitgeber. Für diesen Irrtum müssen schon jetzt Arbeitnehmer und Gesellschaft schwer bezahlen.

Befristungen haben viel mit der Arbeitgeber-Angst vor Kündigungsproblemen bei unbefristeten Stellen zu tun, oder anders formuliert: mit ihrem Wunsch nach mehr Flexibilität. Dabei ist die Angst völlig unbegründet und die gewünschte Flexibilität statt durch Befristungen oder Entlassungen auch auf anderen, betriebsinternen Wegen zu erzielen.

Schon vor Jahren haben repräsentative Befragungen des WSI bei Personalverantwortlichen gezeigt: Etliche Betriebe kennen die Details des deutschen Kündigungsschutzes gar nicht. Ihre Angst zeigt nur, dass sie die Position der großen Wirtschaftsverbände unbesehen übernommen haben. Noch wichtiger aber war das Befragungsergebnis bei denjenigen, die die rechtlichen Aspekte des Kündigungsschutzes kennen. Diese Personalsverantwortlichen sagen in überwältigender Mehrheit, dass ihre Einstellungsentscheidungen bei unbefristeten Stellen von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage des Betriebs geprägt sind. Für sie ist der Kündigungsschutz also kein Einstellungshemmnis.

Die Zahl der Befristungen nahm auch in Aufschwungjahren zu

Bemerkenswert ist, dass die Betriebe und ihre Verantwortlichen anders handeln, als sie in den Befragungen angaben. Es liegt der Verdacht nahe, dass das Flexibilitätsargument gar nichts mit dem Kündigungsschutzargument zu tun hat. Immerhin ist schon seit 1991 ein kontinuierlicher Zuwachs an befristeten Jobs zu beobachten. Das heißt: Die Zahl der Befristungen nahm auch in den Aufschwungjahren zu, obwohl die wirtschaftliche Lage gerade keinen Anlass zu Unsicherheit gab.

Gute Personalpolitik sieht anders aus. Sinnvoll ist zum Beispiel die sogenannte interne Flexibilität der Arbeitskraft. Dabei geht es vor allem um eine Variation der Arbeitszeit. Im Aufschwung kann über Arbeitszeitkonten mehr gearbeitet werden, im Abschwung können Zeitguthaben abgebaut werden. Hinzu kommen das Instrument der Kurzarbeit und andere Formen der Arbeitszeitverkürzung, die in der aktuellen Wirtschaftskrise erfolgreich umgesetzt wurden.

Die damit gemachte positive Erfahrung in Deutschland wird von internationalen Untersuchungen bestätigt. Diese Studien zeigen aber auch: Interne Flexibilität setzt ein Vertrauens- und Loyalitätsverhältnis nach beiden Seiten voraus - und das ist nur mit unbefristeter Beschäftigung möglich. Der Arbeitnehmer muss schließlich erhebliche Einbußen hinnehmen: Im Aufschwung verzichtet er auf freie Zeit, im Abschwung auf Einkommen. Trotzdem will der Arbeitgeber einen leistungsfähigen und zuverlässigen Mitarbeiter haben. Es darf bezweifelt werden, dass befristete Mitarbeiter genau diese Motivation und Loyalität entwickeln.

Befristungspolitik ist Anti-Familienpolitik

Nimmt man gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte hinzu, sieht die Bilanz der Kurzfrist-Verträge noch schlechter aus. Da befristete Arbeitsverträge überwiegend junge Leute betreffen, wird deren Bereitschaft zur Familiengründung enorm belastet. Befristungspolitik ist Anti-Familien-Politik und verschärft so das demografische Problem. Zuletzt wurden 47 Prozent aller neu abgeschlossenen Arbeitsverträge befristet - mit erheblichen gesellschaftlichen Konsequenzen. Bei Befristungen in diesem Umfang wird auch der Kündigungsschutz praktisch ausgehebelt.

Insofern sollte die Regierungspolitik die vorhandenen Befristungsmöglichkeiten für Arbeitgeber zumindest nicht noch weiter erleichtern. Doch genau das hat die Koalition vor: Schwarz-Gelb will den Konzernen Kettenbefristungen ohne Unterbrechung ermöglichen. Dies wäre fatal: Tatsächlich gibt es schon heute zu viele Befristungsmöglichkeiten. Eine einmalige oder in Maßen wiederholte Befristung mit angemessenem Grund ist genug. Auch als verlängerte Probezeit sind Befristungen unnötig. Eine halbjährige Probezeit in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis reicht völlig aus.

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Seite 1
zzipfel 20.03.2010
1. Verzpftes Arbeitsrecht produziert Arbeitslosigkeit.
Menschen mit verzopften Beamtendenken und Leute die eine Beschäftigungsgarantie bis zum Rentenalter von mir erhalten möchten, würde ich nicht unter Vertrag nehmen. Solange es ein verzopftes Arbeitsrecht in Deutschland gibt, achte ich *genau* darauf, dass ich in Deutschland nicht mehr als 9 Arbeitnehmern beschäftige. Es gibt ja genügend EU-Länder weniger verzopfter Überregulierung, in die wir expandieren können.
Rainer Daeschler, 20.03.2010
2. Ende der Narrenfreiheit
Sind flexible Arbeitsverhältnisse im Sinne des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers, auch das gibt es durchaus, sind sie zu begrüßen. Sind sie nur einseitig, bedeutet das langfristig auch eine Gefahr für die gesamte Wirtschaft. Z.B. die Automobilbranche fördert den Trend zum weiträumigen Einsatz von Zeitarbeitskräften. Fatal wenn sich diese Arbeitnehmer auch in Käufer verwandeln wollen und auf Kredit ein Auto zu kaufen beabsichtigen. Mit Steuergeldern genährte Banken gehen beim Investmentbanking jedes, beim gemeinen Kreditnehmer jedoch gar kein Risiko ein. Die Unterschicht in "flexiblen Arbeitsverhältnissen" fällt als Käuferschicht für aufwendigere Anschaffungen weg. Glücklicherweise haben wir ja de Export und der Binnenmarkt wird zu Nebensache. Doch nun schauen auch unsere EU-Nachbarn diesem Treiben nicht mehr tatenlos zu und erinnern die Bundesrepublik daran, dass sie ihrer Wirtschaft in einer europäischen Gemeinschaft nicht jede Narrenfreiheit einräumen kann.
1. Oktober 20.03.2010
3.
Zitat von Rainer DaeschlerSind flexible Arbeitsverhältnisse im Sinne des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers, auch das gibt es durchaus, sind sie zu begrüßen. Sind sie nur einseitig, bedeutet das langfristig auch eine Gefahr für die gesamte Wirtschaft. Z.B. die Automobilbranche fördert den Trend zum weiträumigen Einsatz von Zeitarbeitskräften. Fatal wenn sich diese Arbeitnehmer auch in Käufer verwandeln wollen und auf Kredit ein Auto zu kaufen beabsichtigen. Mit Steuergeldern genährte Banken gehen beim Investmentbanking jedes, beim gemeinen Kreditnehmer jedoch gar kein Risiko ein. Die Unterschicht in "flexiblen Arbeitsverhältnissen" fällt als Käuferschicht für aufwendigere Anschaffungen weg. Glücklicherweise haben wir ja de Export und der Binnenmarkt wird zu Nebensache. Doch nun schauen auch unsere EU-Nachbarn diesem Treiben nicht mehr tatenlos zu und erinnern die Bundesrepublik daran, dass sie ihrer Wirtschaft in einer europäischen Gemeinschaft nicht jede Narrenfreiheit einräumen kann.
Sehr richtig. Flexiblere Arbeitsverhältnisse könnte ja bedeuten, daß man eben jene Zeitarbeitskräfte von Seiten der Unternehmen direkt einstellt und sich so das Geld spart, das in die Taschen der Zeitarbeitsfirmen fliesst. Wobei ich natürlich fordere, daß "flexible Arbeitskräfte" nicht schlechter bezahlt werden als die "Stammbelegschaft".
Der-Gande 20.03.2010
4. ??
Zitat von zzipfelMenschen mit verzopften Beamtendenken und Leute die eine Beschäftigungsgarantie bis zum Rentenalter von mir erhalten möchten, würde ich nicht unter Vertrag nehmen. Solange es ein verzopftes Arbeitsrecht in Deutschland gibt, achte ich *genau* darauf, dass ich in Deutschland nicht mehr als 9 Arbeitnehmern beschäftige. Es gibt ja genügend EU-Länder weniger verzopfter Überregulierung, in die wir expandieren können.
Was verstehen sie denn vom Arbeitsrecht??? Ich zitiere: "Verzopftes Beamtendenken und Leute die eine Beschäftigungsgarantie bis zum Rentenalter von mir erhalten möchten, werde ich nicht unter Vertrag nehmen. Sie können das als Arbeitgeber ja anders handhaben. Bieten Sie einfach schon mal ihrer Putze eine garantierte Lebensstellung an, oder sind sie überhaupt zu geizig oder zu unfähig um auch nur EINEN EINZIGEN JOB zu schaffen? Pfui. LOL" -Ende- Haben sie was gegen gute Mitarbeiter??
zzipfel 20.03.2010
5. Gute tüchtige Mitarbeiter
Zitat von Der-GandeWas verstehen sie denn vom Arbeitsrecht??? Ich zitiere: "Verzopftes Beamtendenken und Leute die eine Beschäftigungsgarantie bis zum Rentenalter von mir erhalten möchten, werde ich nicht unter Vertrag nehmen. Sie können das als Arbeitgeber ja anders handhaben. Bieten Sie einfach schon mal ihrer Putze eine garantierte Lebensstellung an, oder sind sie überhaupt zu geizig oder zu unfähig um auch nur EINEN EINZIGEN JOB zu schaffen? Pfui. LOL" -Ende- Haben sie was gegen gute Mitarbeiter??
haben durch Kündigugnsschutz nur Nachteile, weil der Berufseinstieg dadurch schwieriger wird. Mitarbeiter, die ich nur deshalb nicht entlasse, weil sie unter Kündigungsschutz stehen, werde ich gar nicht erst einstellen. Ergo: solange das verzopfte KüSchuG in Kraft ist, achte ich *genau* drauf in Deutschland nicht mehr als 9 MA zu beschäftigen. Bei Erweiterungen stelle ich dann in EU-Ländern ein, die kein starre und beschäftigungsfeindliche Regeln haben - gottseidank ist das in fast allen EU-Ländern (selbst in Österreich) nicht so verzopft geregelt. Sozial ist, was Arbeit schafft, nicht was die Beamtendenke unterstützt. LOL. Aber die soziale Hängematte ist für diese Kandidaten ohne Leistungswille ja recht bequem gepolstert :-) [QUOTE=Der-Gande;5214870] "Verzopftes Beamtendenken und Leute die eine Beschäftigungsgarantie bis zum Rentenalter von mir erhalten möchten, werde ich nicht unter Vertrag nehmen. Sie können das als Arbeitgeber ja anders handhaben. Bieten Sie einfach schon mal ihrer Putze eine garantierte Lebensstellung an, oder sind sie überhaupt zu geizig oder zu unfähig um auch nur EINEN EINZIGEN JOB zu schaffen? Pfui. LOL" -Ende- Haben sie was gegen gute Mitarbeiter??
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