Prognose zu wirtschaftlicher Entwicklung Abwanderung wirft den Osten zurück

Kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit zeichnen Forscher ein düsteres Szenario für den Osten: Langfristig werde dieser wirtschaftlich weiter abgehängt, weil zu viele Menschen abwandern.
Schild in der Kleinstadt Tessin in Mecklenburg-Vorpommern

Schild in der Kleinstadt Tessin in Mecklenburg-Vorpommern

Foto: imago/Fotoagentur Nordlicht

Die Angleichung der Lebensverhältnisse im Osten und Westen Deutschlands gehört seit der Wiedervereinigung zu den Zielen jeder Bundesregierung. Doch laut einer Studie  wird dies auch langfristig nicht erreicht werden.

Im Gegenteil: Zwar hat der Osten Deutschlands zwischenzeitlich wirtschaftlich aufgeholt. Doch schon bald wird er im Vergleich mit dem Westen wieder zurückfallen, sagen Forscher der Prognos AG voraus. "Bis 2045 nimmt das Gefälle nach unseren Prognosen wieder zu", heißt es im Deutschlandreport der Wirtschafts- und Strategieberatung. Gründe sind demnach Abwanderung und geringe Geburtenzahlen.

Liege die Wirtschaftsleistung pro Kopf im Osten einschließlich Berlins heute bei drei Vierteln des Westniveaus, sinke sie bis 2045 auf weniger als zwei Drittel und damit sogar unter den Wert aus dem Jahr 2000, sagten die Forscher voraus. "Bei einer Fortsetzung der bisherigen Politik werden sich die (materiellen) Lebensverhältnisse zwischen Ost und West nicht angleichen."

Die Forscher sehen aber nicht nur ein West-Ost-Gefälle, sondern auch ein Süd-Nord-Gefälle. "Vor allem die Stadtstaaten Hamburg und Berlin und die süddeutschen Flächenländer entwickeln sich dynamischer als der bundesweite Durchschnitt. Dem gegenüber stehen ostdeutsche Länder, deren reale Wirtschaftsleistung auf lange Sicht nahezu stagniert", heißt es im Report.

Dieser prognostiziert, dass Länder wie Hamburg, Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Berlin ihre Wirtschaftsleistung bis 2045 um mehr als die Hälfte steigern könnten, dagegen dürfte das Bruttoinlandsprodukt in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern kaum zulegen. Deutschland insgesamt kann laut der Studie pro Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 1,3 Prozent rechnen.

Mehr Köpfe, mehr Wirtschaftsleistung

Hintergrund ist vor allem die Bevölkerungsentwicklung, bei der sich die Forscher auf Daten des Statistischen Bundesamts stützen. "Mehr Köpfe bedeuten in der Regel auch mehr Arbeitskräfte und Wirtschaftsleistung", schreiben sie.

Sachsen-Anhalt jedoch wird demnach in den kommenden beiden Jahrzehnten gut jeden fünften Einwohner verlieren, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland jeden siebten. Berlin dagegen wird vier Millionen Einwohner erreichen. Immer mehr Menschen zieht es auch in den Großraum München.


Der Deutschland-Report

  • Der Deutschland-Report  erscheint seit 1964 alle vier bis fünf Jahre und will eine Langfristprognose zur Zukunft der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft geben.
  • Das Forschungsunternehmen Prognos gehört mehrheitlich der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und verdient sein Geld unter anderem mit Beratung für Unternehmen und politische Institutionen.
  • Die Forscher arbeiten mit Prognose- und Simulationsmodellen, bei denen auch Wechselwirkungen zwischen einzelnen Ländern und Bereichen sowie verschiedene Szenarien einbezogen werden.
  • Weitgehend richtig lagen die Forscher bislang mit ihren Vorhersagen zum Wirtschaftswachstum und zur Abwanderung in Ostdeutschland. Frühere Bevölkerungsprognosen dagegen wurden von der Ankunft Hunderttausender Flüchtlinge in Deutschland überholt. Auch dass die Arbeitslosigkeit derart schnell sinken würde wie zurzeit, hatten die Forscher in ihren vorherigen Prognosen nicht erwartet.

Die Abwanderungstendenz aus den neuen Bundesländern zeigen auch jüngste Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Demnach hat der Osten Deutschlands seit der Wiedervereinigung rund zwei Millionen Einwohner verloren. Die Einwohnerzahl in den ostdeutschen Ländern und Berlin sank von 1990 bis 2017 um etwa ein Zehntel (elf Prozent) auf etwa 16,2 Millionen, teilten die Statistiker mit.

Im Westen nahm sie im selben Zeitraum um 8,2 Prozent oder fünf Millionen auf 66,6 Millionen zu. Demnach lebten im vorigen Jahr rund 80 Prozent der Menschen in Deutschland im Westen und knapp 20 Prozent im Osten. Insgesamt nahm die Einwohnerzahl Deutschlands seit der Wiedervereinigung um drei Millionen auf 82,2 Millionen zu.

Bevölkerung wächst und altert

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Die Prognos-Studie beschäftigt sich auch mit der Bevölkerungsentwicklung in der gesamten Bundesrepublik. Demnach wächst die Einwohnerzahl aber nur noch für einige Jahre. Danach sinkt sie - bis 2045 allerdings weniger stark als lange angenommen. "Die Migrationsbewegungen der letzten Jahre tragen dazu bei, dass lediglich mit einem Rückgang um 2,5 Prozent zu rechnen ist." Das bedeutet: Auch in 27 Jahren werden noch gut 80 Millionen Menschen in Deutschland leben.

Dabei wird sich nach Erkenntnis der Forscher der Trend zur alternden Bevölkerung verstärken. Die geburtenstarken Jahrgänge der Fünfziger- und Sechzigerjahre gehen in Rente, die Lebenserwartung steigt. Das mittlere Alter (Median) der Deutschen liegt heute bei 45,8 Jahren, 2045 werden es 49,5 Jahre sein, sagen die Wissenschaftler voraus. Die Folge sei: Außer in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin sinke bundesweit die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter.

"Der Sozialstaat braucht ein Update"

"Der demografische Wandel kommt. Er lässt sich gestalten, aber nicht wegreformieren", schreiben die Forscher. Aktuell versorgen noch etwa drei Erwerbstätige eine Person im Rentenalter, in 20 Jahren werden rechnerisch zwei Erwerbstätige die Leistungen stemmen müssen. Die Folge seien steigende Beitragssätze in den Sozialsystemen.

Die Sicherungssysteme seien für die klassischen Arbeitsverhältnisse der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts konzipiert, schreiben die Forscher. "Der Sozialstaat braucht ein Update." Denkbar sind aus Sicht des Instituts andere Finanzierungen wie etwa eine Erwerbstätigenversicherung, in die auch Minijobber, Selbstständige und Beamte einzahlen, oder eine Wertschöpfungsabgabe, um Kapitaleinkommen stärker heranzuziehen. Die Kombination aus beidem ist als Konzept unter dem Begriff Bürgerversicherung bekannt.

Die Arbeitslosigkeit sinkt langfristig

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Für den Arbeitsmarkt kommen die Forscher zu einer positiven Vorhersage. Die Arbeitslosigkeit werde weiter zurückgehen. In zwölf Jahren liege die Arbeitslosenquote bundesweit bei 4,6 Prozent, lautet die Prognose. Im Jahr 2017 waren es 5,7 Prozent.

Was sich demnach nicht ändert: Bremen werde weiter das Bundesland mit der höchsten Arbeitslosenquote bleiben, Bayern und Baden-Württemberg auch bis 2030 die geringste Arbeitslosigkeit haben. Weniger Menschen werden in der Industrie arbeiten, wegen Digitalisierung und Alterung dafür mehr in Dienstleistungen.

"Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert."

Mit Material von dpa
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