Prognose Armutsrisiko von Kindern sinkt - ein wenig

2016 steigt der Anteil relativ armer Kinder laut einer Expertenberechnung noch einmal. Danach dürfte die Quote erst einmal fallen - aber nur moderat. Auch künftig spürt jedes fünfte Kind die Ungleichheit besonders stark.

Stabiles Wirtschaftswachstum, niedrige Arbeitslosigkeit, steigende Reallöhne - das ist der eine Teil der Realität in Deutschland. Zum anderen gehört seit Jahren unverändert eine Tatsache: In keiner Altersgruppe sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich so ausgeprägt wie bei den unter 18-Jährigen. Jedes fünfte Kind lebt in einem Haushalt, der statistisch als einkommensarm oder davon bedroht gilt. Konkret waren das 2015 mehr als 2,5 Millionen der insgesamt rund 12,9 Millionen Kinder und Jugendlichen.

Das ist der Kontext für den Befund einer Auswertung, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung vor einem Monat vorgestellt hat. Demnach lässt sich zwar der gesamte Anstieg der relativen Kinderarmut von 2012 bis 2015 mit der Zuwanderung von Flüchtlingen erklären. Die Auswertung basierte auf den aktuellsten verfügbaren statistischen Daten aus dem Mikrozensus 2015.

Nun legen die WSI-Experten Eric Seils und Jutta Höhne als Ergänzung eine Prognose für die Zeit danach vor - unterteilt in eine konkrete Vorausberechnung der Zahlen für 2016 und eine nicht konkret bezifferte Schätzung der weiteren Entwicklung ab 2017. Die Autoren weisen selbst ausdrücklich auf die Unsicherheit ihrer Berechnungen hin - in den vergangenen Jahren erwiesen sich ihre Prognosen aber stets als ausgesprochen treffsicher.

So wird sich der Trend der vergangenen Jahre wohl auch 2016 fortgesetzt haben: Die Zahl armer Kinder dürfte um 82.000 auf insgesamt 2,63 Millionen gestiegen sein, ihr Anteil von 19,7 Prozent auf 20,2 Prozent. Einem Anstieg bei armen zugewanderten Kindern um 154.000 (auf 413.000) dürfte ein Rückgang bei den in Deutschland geborenen armen Kindern - egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund - von 72.000 gegenübergestanden haben.

Künftig wird der Studie zufolge aber eine statistische Trendwende eintreten: In diesem und den kommenden Jahren dürfte die Kinderarmut insgesamt leicht sinken.

Aber weshalb fällt die Kinderarmut voraussichtlich erst ab diesem Jahr und ist 2016 noch einmal kräftig gestiegen - als die Zuwanderung an sich bereits stark rückläufig war? Wie die Studie zeigt, ist das tatsächlich ein rein statistischer Effekt. In Wirklichkeit ist die Kinderarmut bereits im Jahr 2015 auf jene Größenordnung angestiegen, die die (erst für den Spätsommer erwartete) offizielle Statistik für das Jahr 2016 ausweisen wird und die das WSI nun berechnet hat.

Die Gründe: Zum einen bilden amtliche Statistiken reale Prozesse stets mit einer Verzögerung ab. Zum anderen werden im Mikrozensus nur Personen erfasst, die in einer Privatwohnung leben. Solange Hunderttausende Flüchtlinge also in Gemeinschaftsunterkünften lebten, existierten sie für den Mikrozensus schlicht nicht. Im Jahr 2016 zogen sie nach und nach in eigene Wohnungen um - und beeinflussen seitdem die Armutsstatistik. Die WSI-Autoren erklären die Zusammenhänge in der Studie ausführlich und verständlich (hier als PDF-Datei ).

Diese Mechanismen erklären auch, weshalb das WSI für die Zukunft mit einiger Sicherheit von einer fallenden Kinderarmutsquote ausgeht: Kurz nach ihrer Ankunft gelten so gut wie alle zugewanderten Kinder statistisch als arm. In der Regel leben sie von Sozialleistungen, ihre Eltern beherrschen die Sprache noch nicht und haben dementsprechend keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Doch das wird sich nach und nach ändern - und die Armutsquote unter zugewanderten Kindern daher sinken.

Die Autoren des WSI ziehen aus ihrer Prognose drei Schlussfolgerungen für die Politik:

  • Erstens: Wie sich die Kinderarmut künftig entwickelt, hängt auch davon ab, wie gut und schnell Eltern zugewanderter Kinder Arbeit mit auskömmlichen Löhnen finden. Daher wird es wichtig sein, sie dazu zu befähigen - sowie die Kinder selbst durch gute Ausbildung vor künftiger Armut zu schützen.
  • Zweitens dürfe die künftig fallende Armutsquote unter Kindern und Jugendlichen nicht dazu führen, die Anstrengungen gegen Kinderarmut zu verringern. Hier müsse vor allem auf die Zuwandererkinder geachtet werden, die aus der entsprechenden Statistik allein deshalb verschwinden, weil sie die Altersgrenze von 18 Jahren überschreiten. Ohne ausreichende Ausbildung drohe ihnen auch später ein Leben unter der Armutsrisikogrenze.
  • Drittens dürfe nicht vergessen werden, dass nach wie vor die große Masse der armen und armutsgefährdeten Kinder in Deutschland geboren wurden - konkret mehr als 2,2 Millionen von insgesamt 2,63 Millionen. Trotz der guten Wirtschaftsentwicklung hat sich ihr Armutsrisiko nur geringfügig verringert. Ein Grund dafür liegt in der relativ hohen Anzahl von Kindern, die bei Alleinerziehenden aufwächst - beziehungsweise darin, dass die familienpolitischen Leistungen des Staates in zu geringem Umfang bei Alleinerziehenden ankommen.

Tatsächlich ist das Problem der relativen Kinderarmut ganz allgemein ein großes Problem, wie aus den Daten des jüngst vorgelegten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung eindeutig hervorgeht: Arme oder von Armut bedrohte Kinder weisen beispielsweise häufiger psychische Auffälligkeiten auf, machen überdurchschnittlich oft Gewalterfahrungen und sind häufiger übergewichtig als der Durchschnitt ihrer Altersgenossen.

Insbesondere der Anteil der von Armut betroffenen oder bedrohten einheimischen Kinder mit Migrationshintergrund ist hoch - 2015 war es fast jedes dritte. Damit lag ihr Anteil mehr als doppelt so hoch wie bei in Kindern ohne Migrationshintergrund. Die Grafik zeigt die aktuellsten amtlichen Daten - das WSI hat diese Anteile in der Prognose für 2016 nicht detailliert berechnet.

Das WSI verwendet die gängige Definition, wonach Haushalte arm oder armutsgefährdet sind, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des sogenannten bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens in Deutschland beträgt. Für eine vierköpfige Familie (zwei Erwachsene, zwei Kinder unter 14 Jahren) liegt diese Schwelle derzeit bei einem verfügbaren Nettoeinkommen von weniger als 1978 Euro im Monat. Für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern unter 14 Jahren sind es 1507 Euro im Monat.

Kritiker wenden zwar ein, dass auf diese Weise eher Ungleichheit als Armut gemessen werden kann - zudem werden die sehr unterschiedlichen Lebenshaltungskosten in Deutschland nicht berücksichtigt. Dennoch hat diese Methode trotz dieser Einschränkungen ihre Berechtigung. (Mehr Hintergrund zu verschiedenen Methoden der Armutsmessung finden Sie hier oder hier.)

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