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22. August 2010, 13:57 Uhr

Projekt in Bayern

"Hartz IV darf nicht zum Lebensstil werden"

Von Anne Onken

Drei Jahre, 750 Familien, eine Chance: In Nürnberg und Fürth startete ein Projekt, bei dem Langzeitarbeitslose mit Kindern so intensiv betreut und gefördert werden wie bisher nie. Es könnte Erfolg haben - wenn die Unternehmen mitmachen.

Berlin - Auf so eine Chance hat Maria Schmitt* ihr halbes Leben gewartet. Die Hartz-IV-Empfängerin aus Fürth zögerte deshalb auch keine Sekunde, als ihr das Jobcenter vor wenigen Wochen anbot, Teil eines Modellprojekts zu werden. Das Ziel: Langzeitarbeitslose mit Kindern zurück in den Beruf zu bringen. "Das Projekt ist eine Chance, mit drei Kindern kriegt man sonst kaum eine Teilzeitstelle", sagt Schmitt.

Inzwischen betreut die 36-Jährige während der Woche Senioren in einem Pflegeheim. Sie gibt Essen aus, macht Betten, begleitet Bewohner in den Garten. Schmitt hat keine abgeschlossene Ausbildung, dafür einige Erfahrung mit Ein-Euro-Jobs. Ihr größter Wunsch: Ihre drei Söhne sollen eine andere berufliche Laufbahn haben als sie selbst.

Immer wieder kommt es vor, dass Kinder und Jugendliche von Langzeitarbeitslosen "Hartz IV" als Berufswunsch angeben. Damit soll künftig Schluss sein, fordert Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer. Die CSU-Politikerin bewilligte deshalb im Juli die Mittel für das Pilotprojekt, an dem auch Schmitt teilnimmt.

Das Unübliche daran: Die Jobcenter in Nürnberg und Fürth sollen nicht nur Eltern beim Wiedereinstieg ins Berufsleben helfen - sondern gleichzeitig versuchen, die Bildungschancen der Kinder zu verbessern. Deshalb sind auch die Jugendämter beteiligt. Sie sollen die Jobcenter-Mitarbeiter dabei unterstützen, Kinderbetreuungsangebote zu finden oder bei Bedarf Erziehungsberatungs- oder Nachhilfeangebote zu vermitteln.

Kinder sollten erleben, dass ihre Eltern einen geregelten Tagesablauf haben, dass sie gebraucht würden und ihr Leben in die Hand nehmen, anstatt es passiv zu erdulden, sagte Haderthauer SPIEGEL ONLINE. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Hartz IV ein Lebensstil wird und in die nächste Generation vererbt wird."

19 Millionen Euro für 750 Familien

"Tandem" nennt sich der Versuch - wegen der Kooperation zwischen Jugendamt und Jobcenter. Zwar gibt es bereits ähnliche Modelle in Berlin und Sachsen-Anhalt, doch die sehr enge Kooperation und Größenordnung sind beispiellos: Knapp 19 Millionen Euro sind bereitgestellt worden, mit dem über einen Zeitraum von drei Jahren 750 Familien erreicht werden sollen. Gut die Hälfte steuert der Freistaat aus dem Strukturprogramm Nürnberg/Fürth bei, das im vergangenen Jahr aufgelegt worden ist, um die Insolvenz des Versandhändlers Quelle abzufedern.

Die Arbeitslosigkeit in der Region ist für bayerische Verhältnisse hoch: 4,7 Prozent waren im Juli in Fürth arbeitslos, in Nürnberg sogar 8,3 Prozent. Deutschlandweit liegt sie bei 7,6 Prozent. Von den rund 4800 arbeitslosen Fürthern sind fast 28 Prozent länger als ein Jahr ohne Job, in Nürnberg sucht sogar jeder dritte Arbeitslose schon länger als ein Jahr eine Stelle.

Im Rahmen des Modellprojekts werden Eltern zunächst ein halbes Jahr lang in Ein-Euro-Jobs vermittelt. Für ein weiteres halbes Jahr nehmen sie in einer Maßnahme teil, die sozialversicherungspflichtig ist - sprich: Sie fallen aus dem Leistungsbezug heraus. Sie arbeiten im hauswirtschaftlichen Bereich, in der Pflege oder übernehmen handwerkliche Hilfstätigkeiten. Voraussetzung ist, dass die Stellen keine reguläre Beschäftigung verdrängen dürfen.

Es sei wichtig, Arbeitslose stärker in ihrem Kontext zu sehen, sagt Claus-Dieter Rückel. Er ist Geschäftsführer bei der Arbeitsgemeinschaft Nürnberg (Arge), zu der das Jobcenter gehört. "Wenn beide Partner ohne Job sind, ziehen sie sich oft gegenseitig runter. Deshalb müssen wir die Familien mit einbinden." Seine Mitarbeiter sollen sehr genau prüfen, wer für das Projekt in Frage kommt: Mal könne das die Frau in einem Haushalt sein, mal der Mann. Wichtig seien die Bereitschaft und der Wille, sich zu verändern, sagt Rückel. Bis Ende August will die Arge Nürnberg 100 Teilnehmer für das Projekt auswählen.

Fraglich ist, ob die Familien nach diesem einen Jahr enger Betreuung eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. "Natürlich hängt das auch ganz wesentlich von den Unternehmen ab", räumt Rückel ein.

Ein-Euro-Jobber sind nach einer gewissen Zeit fit für einen regulären Job

Etwas Hoffnung machen zwei Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vom März dieses Jahres. Demnach üben 23 Prozent der westdeutschen Frauen, die an einem Ein-Euro-Job teilgenommen haben, auch noch 28 Monate nach dem Programm eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aus. Allerdings hätten gleichzeitig 20 Prozent der entsprechenden Nichtteilnehmerinnen eine Stelle gefunden. In einer anderen IAB-Studie kommt das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit zu dem Schluss, dass jeder zweite Ein-Euro-Jobber schon fit für einen regulären Job ist.

Bei der Frage nach dem Erfolg sei nicht nur das Ergebnis der Arbeitsvermittlung wichtig, sondern auch welche Wirkung das Projekt auf die gesamte Familie habe, sagte Haderthauer. "Wenn wir erreichen, dass die Elternkompetenz, die sozialen Kontakte oder auch die Bildungschancen der Kinder auf einen guten Weg gebracht werden konnten, haben wir bereits wichtige Grundlagen gelegt."

Maria Schmitt hofft, nach dem Jahr auf eigenen Füßen zu stehen. Bislang macht ihr der Job im Pflegeheim Spaß. Gerne würde sie sich auf die Pflege Demenzkranker spezialisieren. "In dem Bereich werden ja Leute gesucht."

* Name von der Redaktion geändert

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