Proteste gegen Sparkurs Briten fürchten "Cleggzillas" Zerstörungswut

Zuletzt hatte sich die Wirtschaft Großbritanniens im Rekordtempo erholt - trotzdem befürchten viele Briten steigende Arbeitslosenzahlen. Grund ist der massive Sparkurs der Regierung, die allein im öffentlichen Dienst eine halbe Million Stellen streichen will. 

Gewerkschaftskampagne in Großbritannien: Angst vor Stellenverlust
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Gewerkschaftskampagne in Großbritannien: Angst vor Stellenverlust


London - In Großbritannien wächst trotz positiver Wirtschaftsdaten die Angst vor einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen. Ab 2011 könnten die Auswirkungen des Sparprogramms von Premier David Cameron voll auf den britischen Jobmarkt durchschlagen. Eine halbe Million Stellen will die Regierung im öffentlichen Dienst über vier Jahre abbauen.

Als Folge davon könnten in der Privatwirtschaft noch einmal so viele Arbeitsplätze wegfallen. "Die Kürzungen ziehen eine Kettenreaktion nach sich", sagte James Nixon, Volkswirt bei Société Générale in London der "Financial Times" ("FT"). Die Hoffnung der Regierung, dass viele ehemalige Staatsbedienstete in privaten Unternehmen neue Jobs finden könnten, teilt er nicht.

Premier Cameron und Vize Nick Clegg wollen mit dem strengen Konsolidierungskurs die Staatsausgaben bis 2015 um 81 Milliarden Pfund senken. Vorgesehen ist unter anderem eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2,5 auf dann 20 Prozent im kommenden Jahr.

Bei dem Projekt handelt es sich um das umfangreichste Sparprogramm der Nachkriegsgeschichte. Die Gewerkschaften protestieren mit groß angelegten Kampagnen gegen die Pläne der Regierung. Auf Plakaten wird Vize-Premier Clegg als "Cleggzilla" karikiert, der auf die britischen Städte und Bürger losgeht.

Starkes Wachstum im dritten Quartal 2010

Die Wirtschaft auf der Insel war im dritten Quartal stärker gewachsen als von Experten erwartet. Von Juli bis September stieg das BIP im Vergleich zum Vorquartal um 0,8 Prozent, schreibt die "FT" unter Berufung auf das Nationale Statistikbüro - Volkswirte hätten nur mit einem Zuwachs von 0,4 Prozent gerechnet. Im Jahresvergleich sei die britische Wirtschaft im dritten Quartal um 2,8 Prozent gewachsen - im zweiten Quartal betrug der Zuwachs noch 1,7 Prozent.

Die britische Wirtschaft knackt damit einen Zehn-Jahres-Rekord. Die kombinierten Wachstumsraten des zweiten und dritten Quartals sind laut den Statistikern die höchsten seit einem Jahrzehnt. Im zweiten Quartal hatte die Wachstumsrate im Vergleich zum Vorquartal sogar noch bei 1,2 Prozent gelegen.

jok

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Ares Skye 27.10.2010
1. Gleiche Situation in D?
Wenn ich von heute auf morgen hören würde, dass der Staat 500.000 Beamte/Angestellte entlässt (natürlich geht das beim dt. Beamtenstatus nicht so easy, aber mal angenommen): Wäre ich da geschockt oder würde protestieren? Eher nicht... Der Staat macht eh schon zu viel und kann sich ruhig etwas zurücknehmen. Klar, für die Betroffenen, die jetzt auf einemal nicht mehr eine gut verdienende 38h Woche haben, ist das natürlich blöd. Aber ich glaube in Summe sehen die Briten das schon ein.
Schimboone 27.10.2010
2.
Was schlagen die Gewerkschaften denn als Alternativen vor ? Ein weiter so, kann es wohl kaum geben...
Sapere aude 27.10.2010
3. Hmm
Zitat von SchimbooneWas schlagen die Gewerkschaften denn als Alternativen vor ? Ein weiter so, kann es wohl kaum geben...
Thee is no alternative. Es war TINA die Gewerkschaften zu zerschlagen, es war TINA eine riesige Dienstleistungsgesellschaft mit dem Zentrum im Bankenviertel aufzubauen, und es ist TINA das die Verluste dieser Politik sozialisiert werden.
saddamatus, 27.10.2010
4. Ökonomisch betrachten
Zitat von Ares SkyeWenn ich von heute auf morgen hören würde, dass der Staat 500.000 Beamte/Angestellte entlässt (natürlich geht das beim dt. Beamtenstatus nicht so easy, aber mal angenommen): Wäre ich da geschockt oder würde protestieren? Eher nicht... Der Staat macht eh schon zu viel und kann sich ruhig etwas zurücknehmen. Klar, für die Betroffenen, die jetzt auf einemal nicht mehr eine gut verdienende 38h Woche haben, ist das natürlich blöd. Aber ich glaube in Summe sehen die Briten das schon ein.
Da wird nun Geld eingespart, welches bisher produktiv innerbritisch ausgegeben wurde und damit Arbeitsplätze in GB finanzierte. Die gehen verloren und werden über Transfers alimentiert werden müssen. Das eingesparte Geld wird verwendet, um Ausfallrisiken in Risikoinvestitionen zu finanzieren, das wird dann vielleicht in Kambodscha angelegt um Textilfabriken für KIK aufzubauen, in denen Kinderarbeit herrscht. Die Kleider werden dann von staatlich alimentierten Aufstocker(-Chefs) verkauft, an Leute die sich nicht mehr leisten können. So werden wir immer mehr zur 3. Welt, nur um den Finanzkapitalismus über naturgemäße Verlustphasen hinwegzuhelfen. Das sollen die Briten einsehen, dass sie das finanzieren müssen? Warum sollten sie sich selbt schaden wollen? Es gibt nur eine logische Einsicht: Der globale Finanzkapitalismus ist wirtschaftsschädlich, wir dürfen ihn nie mehr subventionieren. Eigentlich stehen wir an einem ähnlichen Punkt wie der Ostblock Mitte der 80ger: Alle wissen, unser System ist am Ende, die meisten schwiegen resigniert und warten ab. Man hört nur noch die lauten Propagandisten des ideologischen Stumpfsinns, deren Unfug allmählich keiner Antwort mehr bedarf.
soundscape 27.10.2010
5. Gewerkschaftskampagne
In Liverpool liegen 47% aller Jobs im öffentlichen Dienst. Heisst, dass die Stadt (neben Birmingham und Sheffield) eine der am meisten betroffenen Städte von den Kürzungen ist. Wie sagte ein Gewerkschaftsvertreter aus Liverpool am Sonntag in der Sunday Times: Gegen die [damals noch geplanten] Kürzungen im öffentlichen Dienst haben 500 Leute demonstriert. Als Liverpool verkauft werden sollte, kamen "thousands and thousands. Says it all." Die dominierende Schlagzeile am vergangenen Donnerstag und Freitag (also an den Tagen, an denen die Kürzungen in der Presse verarbeitet wurden) war Wayne Rooney und sein 180°-Schwenk bei ManU aufgrund einer angebotenen Verdopplung seiner Gage. Soundscape
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