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Fotostrecke: Wie Computer die Börsen steuern

Foto: MARK LENNIHAN/ AP

Quantitative Fonds Maschinen, die Milliarden machen

An der Börse übernehmen die Computer die Macht: Immer öfter entscheiden Rechner, welche Aktien gekauft oder abgestoßen werden. Jetzt bebt die Börse - und die Autopilot-Händler sollen schuld sein. Doch was machen sie eigentlich genau? Ein Besuch im Milliardenreich der Maschinen.

In seinem früheren Job jagte Martin Kolrep Atome durch den Teilchenbeschleuniger. Unter anderem arbeitete der promovierte Physiker am Schweizer Cern-Institut - dort, wo eine Maschine steht, von der manche behaupten, sie könne Löcher ins Universum reißen.

Inzwischen bedient Kolrep andere Maschinen - denen nicht minder zerstörerische Kräfte zugeschrieben werden. Seit 2000 ist er Portfolio-Manager bei einem sogenannten Quant-Fonds. Bei diesen entscheidet komplett der Computer, welche Aktien gekauft werden. Kolrep muss nur noch zustimmen. Der Fonds gehört zum Finanzriesen Invesco und ist in Deutschland einer der größten seiner Art. Weltweit haben Kunden ihm rund 20 Milliarden Euro anvertraut.

Jetzt schlägt der Dax gefährliche Kapriolen, und Quant-Fonds schlägt Misstrauen entgegen. Vom "programmierten Absturz" ist die Rede. Von wildgewordenen Computern, die den Tiefenrausch der Börsen verstärken. Von Maschinen, die das Geld wehrloser Anleger verbrennen. Als der Dax am Donnerstag um fast sechs Prozent einbrach, gab es Gerüchte, Computer seien schuld.

Manche dieser Ängste beruhen auf Halbwissen. Denn die Branche ist für viele eine Blackbox. Doch wie sieht es darin aus? Sitzen die Quants, wie die Computer-Börsianer genannt werden, in einer Art Finanzraumschiff voller wildgewordener Computer?

Im Reich der Finanzmaschinisten

Kolrep sitzt vor einer Fensterfront mit Blick auf einen tristen Frankfurter Park. Das Rot seiner Krawatte ist für die zugeknöpfte Finanzbranche etwas zu grell. Sein Monitor balanciert auf einem Bücherstapel.

Auf dem Bildschirm erstrecken sich Universen von Zahlenkolonnen: Dax- oder Yen-Dollar-Kurse, Preise von US-Staatsanleihen und Kreditausfallversicherungen und viele andere Finanzprodukte. Die Daten werden an einen Server irgendwo in Texas geschickt und dort von Programmen ausgewertet.

Einige Minuten rechnet der Computer, dann spuckt er Empfehlungen aus, was Kolrep kaufen und verkaufen muss. Die Maschine kann das einzeln für Tausende Aktien, Indizes und Staatsanleihen tun oder für ganze Märkte. Auf jeden Fall bündelt sie Millionen Daten zu wenigen, verständlichen Symbolen.

"Unsere Anlageprodukte haben oft ein geringeres Verlustrisiko als die klassischen Fonds", sagt Kolrep. Statistiken mögen das bestätigen, demnach schnitt der Quant-Fonds von Invesco im vergangenen Jahr rund zwei Prozent besser ab als der Markt. Das schaffen aber auch zahlreiche Menschen-Fonds. Laut einer Studie des Analyseunternehmens Morningstar gibt es zudem genug Quant-Fonds, die deutlich schlechter abschneiden als die Konkurrenz.

Umdenken in der Anlagephilosophie

Auf dem Monitor steht unter anderem: "Europa ++", die Einschätzung der Maschine für den europäischen Aktienmarkt. Der Vormonatswert lautet "Europa +". "Das bedeutet, wir werden kräftig zukaufen", sagt Kolrep. So entscheidet die Maschine über Transaktionen im Wert von bis zu 100 Millionen Euro. Nebenbei erstellt der Computer noch eine Powerpoint-Präsentation, damit Kolrep seine Entscheidungen grafisch hübsch aufbereitet an Kunden verschicken kann.

Bevor die millionenschweren Käufe und Verkäufe abgewickelt werden, werden die Maschinendaten noch einmal auf ihre Plausibilität und mögliche Datenfehler geprüft. Doch findet Kolrep seinen Job nicht trotzdem befremdlich? Fühlt er sich nicht wie ein Neandertaler, der einen Düsenjet zu steuern versucht?

Nein, sagt Kolrep. Schließlich sei es immer noch der Mensch, der die Maschine programmiere. Die Programme haben zudem einen großen Vorteil gegenüber Menschen. Während Aktienspezialisten sich auf wenige Titel konzentrieren, errechnen sie die Kurschancen Tausender Wertpapiere. Das ermöglicht viel breitere Anlagestrategien.

Viele Anlageprofis wissen solche Vorzüge inzwischen zu schätzen. Weltweit vertrauen rund 15 Prozent aller Fonds bei der Analyse von Wertpapieren und Märkten voll und ganz auf Computer. Eliteuniversitäten wie das Oxford-Man-Institut bieten ganze Studiengänge für Finanzmathematik an. Immer mehr Forscher suchen im Datenwust vergangener Jahrzehnte nach Mustern, versuchen aus dem Auf und Ab von Kurskolonnen allgemeingültige Trends zu generieren.

Menschliche Entscheidungen zählen dagegen immer weninger. Ängstliche oder gierige Anleger neigen zu Überreaktionen und verursachen irrationale Kursschwankungen - von denen streng rational agierende Quant-Fonds wiederum profitieren können.

Der Anlage-Alchemist

"Unser Geschäftsmodell basiert also zu einem erheblichen Teil auf der menschlichen Überschätzung der eigenen Fähigkeiten", sagt Matthias Kerling. Mit seinem gelb-blau karierten Hemd, seiner Schlabberhose und seine runden Brille hat er etwas Professorenhaftes. Tatsächlich ist er eine Art Anlage-Alchemist, der Daten in Gold verwandelt. Kerling ist der Quant, der die Algorithmen entwirft.

Auf seinem Monitor leuchten bunte Kurven, die die Zuverlässigkeit von Prognosen abbilden. Je höher sie steigen, desto belastbarer sind die Zusammenhänge in der Zahlen-Matrix. Unter anderem lässt Kerling Computer die Relationen von Dividendenrenditen und anderen Finanzdaten ausrechnen. Die Zuverlässigkeitsquote des entsprechenden Algorithmus' liegt mittlerweile bei 14 Prozent. Mathematisch gesehen ist das ein enorm hoher Wert, wenn man bedenkt, dass hier ein Rechenmodell die Realität abbildet.

Insgesamt verfügt der Quant-Fonds von Invesco über rund 20 Algorithmen, die versuchen, die Gesetze der Finanzwelt abzubilden. Aus dem gewaltigen Datenstrom, den die Branche im Sekundentakt produziert, aus Bilanzzahlen, Analystenprognosen oder Konjunkturwerten errechnen sie für Aktien und Märkte das sogenannte Alpha: den zentralen Wert für Kauf- oder Verkaufsempfehlungen.

"Wichtig ist, dass die Algorithmen für Tausende Wertpapiere gelten und auch bei Marktturbulenzen noch funktionieren", sagt Kerling. "Regeln, die nur auf einem Kontinent funktionieren, würde ich eher nicht vertrauen."

Wann versagen die Maschinen?

Doch auch bei zuverlässig arbeitenden Algorithmen stellt sich die Frage: Wann versagen die Maschinen? Schließlich ist das Quant-Modell im August 2008 schon einmal an seine Grenzen gestoßen. Seinerzeit platzte die Blase aus billigen Hauskrediten in den USA, und die Märkte gerieten derart aus den Fugen, dass viele Quant-Modelle versagten. Allein zwei Fonds von Goldman Sachs verloren Milliarden. Könnte sich ein solches Desaster nicht wiederholen?

Michael Fraikin glaubt, dass sich die Branche inzwischen von diesem Schock erholt hat. "Seinerzeit bekamen viele Quant-Fonds Probleme, weil sich ihre Strategien zu stark ähnelten", sagt er. "Inzwischen sind die Strategien unterschiedlicher geworden. Auch hat sich die Branche weiter professionalisiert."

Fraikin leitet bei Invesco das Portfolio-Management. Er gilt als einer der Vordenker in der deutschen Szene. Doch kommen derzeit nicht selbst dem kühlsten Kopf Zweifel? Jetzt, da an den Börsen wieder der Herdentrieb einsetzt? Verhält sich der Markt nicht irgendwann so irrational, dass die Computer-Modelle versagen?

"Die Erfahrung zeigt, dass die Maschinen gerade in solchen Extremsituationen weit besonnenere Entscheidungen fällen als Menschen", sagt Fraikin. "Daher vertraue ich Computern gerade jetzt besonders stark."

Sein Beweis: eine monströse Exceltabelle der American Association of Individual Investors, die Stimmungsumfragen unter Börsianern an verschiedenen Tagen auflistet. Demnach ist die Anlegerpanik immer dann am größten, wenn die Indizes bereits wieder zu steigen beginnen.

Gehört die Zukunft also wirklich den Maschinen? In der Finanzbranche kursiert dazu ein Witz: "Wer mit 20 schon Quant ist, hat kein Herz - wer mit 40 noch immer nicht Quant ist, keinen Verstand."