Ranking Brüderle lag bei Prognose kräftig daneben

Das deutsche Wirtschaftsministerium hat sich verkalkuliert. In einem Konjunkturprognosen-Ranking der "Financial Times Deutschland" landen Rainer Brüderles Experten in diesem Jahr nur auf Platz 39 - auch EU, Internationaler Währungsfonds und die OECD schneiden schlecht ab.

Wirtschaftsminister Brüderle: Aufschwung unterschätzt
dpa

Wirtschaftsminister Brüderle: Aufschwung unterschätzt


Hamburg - Oft erinnern sie an Kaffeesatzleserei, aber Konjunkturumfragen sind durchaus ein hartes Geschäft. Wer bei den Prognosen, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelt, zu oft daneben liegt, wird von der Konkurrenz schnell abgehängt. Die "Financial Times Deutschland" hat nun verglichen, wie treffsicher die Ökonomen und Institute in diesem Jahr waren - und ein aufschlussreiches Ranking erstellt.

Demnach lag das Wirtschaftsministerium von FDP-Mann Rainer Brüderle 2010 besonders weit daneben. Denn die Experten der Bundesregierung unterschätzten, wie schnell sich das Land von der Krise erholen würde. Anfang des Jahres sagten sie für 2010 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent voraus. Mittlerweile sind sich die meisten Experten jedoch einig, dass am Ende des Jahres ein Plus von 3,7 Prozent stehen wird - auch wenn dieser Wert naturgemäß noch nicht feststeht. Für Brüderle heißt dies, dass er mit seiner defensiven Prognose in diesem Jahr nur auf Platz 39 kommt. In den beiden Vorjahren schaffte es die Bundesregierung laut "FTD" noch in die Top Ten.

Immerhin: Im Langzeitvergleich schneidet die Bundesregierung etwas besser ab. Hier errechnet sich die Rangfolge aus der durchschnittlichen Platzierung der vergangenen neun Jahre. So kommt die Regierung auf Platz 27 (alle Daten siehe Tabelle unten).

Die Zeitung erstellt ihre Prognose-Rangliste seit 2002 in jedem Jahr. Dafür werden die Vorhersagen von mehr als 50 Banken, Organisationen und Instituten ausgewertet und mit dem tatsächlichen Verlauf der Konjunktur verglichen. Neben dem jährlichen Ranking - bei dem Glück eine entscheidende Rolle spielen kann - gibt es auch eine Langzeitrangliste, deren Aussagekraft deutlich größer ist.

Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung spielt eine Rolle

Auf Platz eins der treffsichersten Konjunktur-Prognostiker steht im Langzeitvergleich der Ökonom Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg. Er hat es wie in den meisten Jahren zuvor auch 2010 in die Top Ten geschafft.

Recht gut platziert sind auch die großen Forschungsinstitute: Das Ifo-Institut von Hans-Werner Sinn steht auf Platz fünf im Langzeitvergleich. Auch das wirtschaftsnahe Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung aus Essen und das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung haben es auf Top-Plätze geschafft. Deutlich schlechter schneidet dagegen das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) ab.

Eine eher schwache Trefferquote weisen auch der Internationale Währungsfonds, die EU-Kommission und die OECD auf. Sie landen in dem "FTD"-Ranking auf den hinteren Plätzen. Allerdings haben die staatlichen und staatlich unterstützten Organisationen gegenüber den privaten Prognostikern einen Nachteil: Sie müssen ihre Vorhersagen jedes Jahr deutlich früher abgeben. Und natürlich spielt es eine Rolle, ob man den Konjunkturverlauf eines Jahres im Februar oder im Mai prognostiziert.

Rangliste der Konjunkturprognosen

Langzeitrang Durchschnittliche Platzierung zwischen 2002 und 2010 Institution Platzierung bei der Prognose für 2010
1 9,0 M.M. Warburg 6
2 10,1 Bank of America 3
3 13,4 Société Générale 37
4 14,5 Union Investment 11
5 17,3 Ifo-Institut München 23
6 17,4 Goldman Sachs 2
7 17,9 SEB 19
8 18,4 RWI-Institut Essen 27
9 18,8 IMK-Institut 14
10 19,0 Morgan Stanley 20
11 19,4 Deutsche Bank 5
12 19,9 Dekabank 40
13 20,3 IWH-Institut Halle 18
14 22,2 IfW-Institut Kiel 46
15 22,4 HWWI 42
16 23,6 Sal. Oppenheim 36
17 24,3 WGZ Bank 8
18 24,8 Bundesv. Dt. Banken 7
19 24,9 JP Morgan -
20 24,9 BNP Paribas 33
21 25,0 Global Insight 31
22 25,0 Landesbank Berlin 44
23 26,0 Bank Julius Bär 24
24 26,3 Allianz 1
25 26,4 Commerzbank 4
26 27,0 Postbank 9
27 28,0 Bundesregierung 39
28 28,2 Hamburger Sparkasse 34
29 28,9 BHF Bank 50
30 28,9 West LB 43
31 29,3 Citigroup 16
32 29,8 IKB 13
33 29,9 HSBC Trinkaus B. 32
34 30,0 UBS 12
35 30,0 Helaba 17
36 30,3 DIW-Institut Berlin 28
37 30,4 Unicredit 15
38 30,6 Sachverständigenrat 22
39 31,5 NordLB 21
40 31,8 IW-Institut Köln 38
41 33,1 BayernLB 35
42 34,2 OECD 30
43 34,7 Bundesbank 29
44 35,0 HSH Nordbank 41
45 37,0 LB Baden-Württemberg 26
46 38,7 IWF 51
47 40,4 EU-Kommission 49
48 46,3 Gemeinschaftsdiagnose 48

Quelle: FTD, Basisdaten nach Umfrage und aus Surveys

cte



insgesamt 1871 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hercules Rockefeller, 22.06.2010
1. Harte Einschnitte müssen kommen
Um dieses erneute zarte Pflänzchen des Aufschwungs nicht zu gefährden, müssen jetzt auch Opfer von den Beschäftigten kommen! Lohnverzicht im Krankheitsfall, unbezahlte Mehrarbeit und Lockerung der Kündigungsfristen müssen kommen, sonst ist die Wirtschaft des Todes!
frubi 22.06.2010
2. .
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Wieso sollte auch die Wirtschaft vom Sparpaket betroffen sein? Die Airlines und Stromkonzerne geben ihre Mehrkosten einfach an den Endkunden weiter und dieser bezahlt schön brav. So sieht es aus. Naja. Der H4ler wird durch die Kürzungen nun leider auf seine E-Klasse verzichten müssen aber ansonsten seh ich keine Maßnahme, die der Wirtschaft hätte schaden können. Wieso auch. Die Realwirtschaft ist nicht der Schuldige in Sachen Finanz- und Eurokrise.
gehlhajo, 22.06.2010
3. Soso,,,
". Euro-Krise und das Sparpaket der Merkel-Regierung haben die Konjunktur nicht abgewürgt." Seit wann ist das Sparpaket eigentlich in Kraft ?
Stefanie Bach, 22.06.2010
4. Fakten oder Meinungen?
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Wird hier nicht wieder Substanz durch Meinung ersetzt? Der sogenannte Geschäftsklima-Index des ifo-Instituts ist doch nur eine Umfrage. Das sind keine Fakten, das sind Meinungen. Die Politik sollte sich lieber um ihre Aufgaben kümmern: Soziales Konjunkturprogramm statt Not und Realitätsverlust (http://www.plantor.de/2009/soziales-konjunkturprogramm-statt-not-und-realitatsverlust/).
zynik 22.06.2010
5. hurra!
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Hurra! Wir maschieren weiter für den Index und singen die Hymne des Wachstums. Was wäre dieses Land nur ohne seine Meldungen vom Wirtschaftswachstum und sinkenden Arbeitslosenzahlen aus dem Ministerium für Wahrheit?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.