Rating-Schmach USA müssen von sparsamen Briten lernen

Verlieren die USA ihren Status als absolut kreditwürdige Weltmacht? Die Rating-Agentur Standard & Poor's droht damit. Doch aussichtslos ist die Lage nicht. Schon einige Staaten haben die Sanierungswende geschafft - zuletzt Großbritannien.
Händler an der Wall Street: Das Ausmaß der Schuldenmisere wird noch unterschätzt

Händler an der Wall Street: Das Ausmaß der Schuldenmisere wird noch unterschätzt

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Hamburg - Am frühen Montagnachmittag geschah das geradezu Undenkbare: Die USA verloren ihren Status als unangreifbare Wirtschaftsmacht. Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) attestierte der größten Volkswirtschaft zwar noch immer bestmögliche Solvenz, senkte aber den Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Landes auf negativ.

Mit anderen Worten: Nach Meinung der Experten wird es für die Noch-Supermacht in Zukunft immer schwieriger, ihre Schulden zu begleichen. S&P machte eine Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent aus, dass die USA ihren AAA-Status in den kommenden beiden Jahren verlieren werden.

Vereinfacht gesagt werden die USA nun nicht mehr mit einer glatten Eins bewertet, sondern mit einer Eins minus. Hintergrund für die schlechtere Beurteilung ist die Staatsverschuldung, die bereits mehr als 90 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht und angesichts eines gigantischen Haushaltlochs von voraussichtlich 1,6 Billionen Euro in diesem Jahr weiter dramatisch wächst.

Der Schritt von S&P ist durchaus konsequent. Schon lange forderten Experten die Rating-Agenturen auf, an die USA die gleichen Maßstäbe anzulegen wie an andere hochverschuldete Länder. Der Vorwurf lautete: Die amerikanischen Firmen gehen mit ihrem Heimatland zu großzügig um und verleihen den USA ihr Top-Gütesiegel AAA trotz rapide steigender Staatsschulden.

Nur 19 Staaten haben die Bestnote

Die Entscheidung von S&P ist ein deutliches Warnsignal: Noch nie hat S&P die USA so kritisch beurteilt. Allerdings wählte die Firma das schwächste Instrument, das sie im Repertoire hat. Ein drastischerer Schritt wäre es gewesen, die USA auf die Watch-Liste zu setzen. Das hätte mit Sicherheit eine Schockwelle auf den Finanzmärkten ausgelöst. So weit wollten die S&P-Analysten dann wohl doch nicht gehen.

Doch was bedeutet der Schritt nun für die USA? Könnten die stolze Nation tatsächlich ihre Top-Bewertung verlieren? Und was kann die Regierung tun, um dieses Horrorszenario abzuwenden?

Die Rating-Agenturen bewerten nur sehr wenige Länder mit der Bestnote AAA. Bei S&P sind es 19 von 127 Staaten, beim Konkurrenten Fitch gerade einmal 14. Die Wahrscheinlichkeit, dass Anleger ihr Geld bei Staatsanleihen mit diesem Gütesiegel verlieren, liegt bei 0,0016 Prozent.

Seit 1989 hat S&P 212-mal den Ausblick eines Landes auf negativ gesenkt, bei 118 Staaten folgte tatsächlich eine Abwertung der Kreditwürdigkeit - also in mehr als der Hälfte der Fälle. Es gab aber auch immer wieder Länder, die es nach dem Verlust ihres Triple-A-Ratings geschafft haben, dieses zurückzuerobern. In den vergangenen 20 Jahren waren dies laut "Wall Street Journal" Kanada, Dänemark, Finnland und Schweden. Alle vier Länder werden von S&P mittlerweile wieder mit der Bestnote eingestuft - und mit einem stabilen Ausblick.

Großbritannien hat es vorerst geschafft

Es lohnt ein Blick auf historisch vergleichbare Situationen. Großbritannien etwa: Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass S&P den Ausblick für die Briten auf negativ gesetzt hat. Die Agentur warnte, wenn das Land seine Schuldenprobleme nicht in den Griff bekomme, drohe der Verlust des AAA-Ratings.

Der Haushalt wurde eines der bestimmenden Themen bei der Wahl im Mai 2010. Alle großen Parteien - also die Konservativen, Labour und die Liberaldemokraten - versprachen, die Staatsausgaben deutlich zu senken und die Neuverschuldung zu reduzieren. Die Pläne der Konservativen unter dem heutigen Premierminister David Cameron waren aber am ambitioniertesten. Sie gewannen die Wahl und setzten tatsächlich ein rigides Sparprogramm in Gang. Das führte dazu, dass S&P den Ausblick im Oktober tatsächlich wieder auf "stabil" nach oben korrigierte.

Die Briten haben also gezeigt, wie es geht. Experten warnen jedoch, dieses Erfolgsmodell lasse sich nur bedingt auf die USA übertragen. "Großbritannien ist ein kleines Land, das viel stärker als die USA von der Weltwirtschaft abhängig ist", sagt etwa Andreas Rees, Chefvolkswirt von Unicredit Research. Die Briten würden sich daher viel stärker nach anderen richten.

"Die Amerikaner wiegen sich in Sicherheit"

Als Gegenmodell führt Rees Japan an - als ein Land, das trotz der Abstrafung durch die Rating-Agenturen nicht die Kurve bekommen hat. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte das Land seine Staatsschulden. Im Jahr 2000 machten die Ausstände bereits 135 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Wenig später stufte S&P das Land von "AAA" auf "AA+" herunter. Mittlerweile hat die Staatsverschuldung 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts überschritten.

Volkswirt Rees warnt nun, dass den USA ein ähnliches Schicksal drohen könnte. Immerhin sei die Staatsverschuldung bereits von 55 Prozent des BIP im Jahr 2000 auf bald 100 Prozent gestiegen.

Er sei dennoch skeptisch, ob die US-Politiker den Warnschuss ernst nehmen. "Die Gefahr ist, dass die Amerikaner sich immer noch in Sicherheit wiegen", sagt Rees. Das Ausmaß der Schuldenmisere sei noch nicht in den Köpfen angekommen. Frei nach dem Motto: Uns kann ja eh nichts passieren.

Eine mögliche Kursänderung könne es geben, wenn Präsident Barack Obama im November 2012 wiedergewählt werde. Dann ginge in seine letzte Amtsperiode, eine dritte verbietet die Verfassung. "Möglich, dass Obama dann wirklich anfängt zu sparen", sagt Rees. Sein Fazit fällt dennoch verhalten aus: "Der Schritt von S&P kann ein positives Signal sein, doch die US-Politiker müssen es nun auch als solches verstehen."

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