Gerhard Schick

Neues Denken nach Corona Raus aus der Dauerkrise

Gerhard Schick
Ein Gastbeitrag von Gerhard Schick
Ein Gastbeitrag von Gerhard Schick
Finanzen, Klima, jetzt Corona: Seit Jahren erschüttern uns immer neue Krisen. Wir sollten endlich daraus lernen - und unser ganzes Denken und System krisenfester aufstellen.
Straßenszene im Finanzdistrikt von New York, 8. Mai 2020

Straßenszene im Finanzdistrikt von New York, 8. Mai 2020

Foto: Spencer Platt/ Getty Images

Die Coronakrise trifft uns in einer Zeit, in der unser Wirtschafts- und Finanzsystem, immer noch von den Nachwehen der Finanz- und Eurokrise gezeichnet ist. Sie trifft uns außerdem inmitten der sich verschärfenden Klimakrise und wirft ein Schlaglicht auf die Effekte drastischer globaler Ungleichheit. Seit über einem Jahrzehnt leben wir in einem Zustand ständiger Krisen. Natürlich können wir Schocks wie einen neuartigen Virus oder einen Aktiencrash nicht völlig vermeiden, doch ob sich diese zu globalen wirtschaftlichen und sozialen Großkrisen entwickeln, liegt in unserer Hand. Warum aber ist unser System noch immer so schlecht auf neue Schocks vorbereitet?

Jede Krise hat ihre spezifischen Ursachen. Sie alle haben jedoch auch Gemeinsamkeiten, die in unserer aktuellen Art des Wirtschaftens und unseren politischen Prozessen angelegt sind. Dabei lassen sich drei zentrale Gemeinsamkeiten identifizieren:

Erstens: Die Ausrichtung politischer Entscheidungen allein an quantitativen wirtschaftlichen Indikatoren hat dazu geführt, dass die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen und ganz grundlegender menschlicher Bedürfnisse wie Gesundheit und die Versorgung mit Grundgütern ständig in den Hintergrund gerät.

Zweitens: Einflussreiche Partikularinteressen dominieren politische Entscheidungen und lassen dabei die Interessen des Gemeinwohls und des gesellschaftlichen Zusammenhalts unbeachtet. Sie verdrängen regelmäßig die Empfehlungen unabhängiger Wissenschaftler - bei der Pandemie-Vorsorge, in der Klimapolitik und bei der Finanzstabilität.

Drittens: Unser System priorisiert kurzfristige Erträge gegenüber langfristigen Zielen. Symptomatisch dafür ist, dass Unternehmensprofite in Aktienrückkäufe statt in Investitionen fließen, dass in der Eurokrise medizinische Infrastrukturen abgebaut wurden, die heute fehlen, oder dass die Autoverkäufe von heute höhere Priorität zu genießen scheinen als langfristige Klimaziele.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

In den Krisenzeiten herrscht dann kurzfristig eine ganz andere Stimmung: Große Ankündigungen werden gemacht, die verschobenen Prioritäten zu korrigieren. Doch die unzureichende Regulierung nach der Finanzkrise 2008 zeigt, dass aus den Fehlern nicht wirklich gelernt wurde, weil die alten Strukturen schnell wieder dominierten. Es gab und gibt kaum Puffer für etwaige Schocks. Das darf diesmal nicht passieren. Aus diesem Kreislauf müssen wir endlich ausbrechen.

Wir brauchen eine zukunftsfähige Politik, die klug zwischen kurzfristigen Erträgen und Investitionen in ein krisensicheres System abwägt. Wir müssen nicht nur aus der gegenwärtigen Pandemie, sondern aus der Dauerkrise lernen, die uns seit Jahren begleitet. Wir sollten den Weg zu einem stabilen System ebnen, indem wir Schwachstellen verringern und in Krisenprävention investieren. Wir brauchen eine präventive Politik, um künftigen Risiken offen zu begegnen, und wir brauchen Institutionen, die diese überwachen und bewerten.

Ein zentrales Leitprinzip für politische Entscheidungsfindungen sollte daher Resilienz sein. Wir müssen besser auf Krisen vorbereitet sein. Dabei müssen wir gegebenenfalls auch auf Effizienz zugunsten von Resilienz verzichten.

Es gilt, die Auswirkungen der bereits allgegenwärtigen Klimakrise so weit wie möglich zu begrenzen, indem wir einen entscheidenden Schritt in Richtung der Erreichung der Pariser Klimaziele gehen. Das Risiko zukünftiger Pandemien muss durch gezielte Investitionen in unser Gesundheitssystem inklusive Notfallkapazitäten verringert werden. Und das Risiko von Finanzkrisen muss reduziert werden, unter anderem durch höhere Eigenkapitalvorschriften und eine strengere Regulierung des Schattenbankensystems.

Einige sagen heute, dass wir die Covid-19-Krise jetzt lösen müssen und uns danach um alles Weitere kümmern können. Wenn wir so handeln, verpassen wir die Chance, aus der gegenwärtigen Krise so herauszukommen, dass wir die weiteren großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen können. Es macht keinen Sinn, weiter von einer Krise zur nächsten zu stolpern. Jetzt ist die Zeit für eine zukunftsfähige Politik der Resilienz - für die Transformation unseres Wirtschafts- und Sozialsystems.

Dieser Text spiegelt eine Stellungnahme mehrerer Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler im Rahmen des Projekts "Transformative Responses to the Crisis"  wider.