Recht auf Wasser "Was hilft es, wenn alle Wasser, aber zu wenig zu essen haben?"

Wie kann das Menschenrecht auf Wasser umgesetzt werden? Sicher nicht mit übertriebenen Forderungen, sagen die Umweltökonomen Erik Gawel und Wolfgang Bretschneider - und auch nicht mit der Verteufelung von Konzernen.
Dürre in Indonesien: Noch immer 663 Millionen Menschen ohne menschenwürdigen Zugang zu Wasser

Dürre in Indonesien: Noch immer 663 Millionen Menschen ohne menschenwürdigen Zugang zu Wasser

Foto: Agung Parameswara/ Getty Images
Zu den Personen
Foto: Sebastian Wiedling, UFZ

Erik Gawel, Jahrgang 1963, lehrt als Professor für VWL an der Universität Leipzig und leitet das Department Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören auch die ökonomischen Herausforderungen des integrierten Wasserressourcen-Managements.

Foto: Annett Poppe

Wolfgang Bretschneider, Jahrgang 1979, hat in Leipzig und Halle Volkswirtschaft studiert und promoviert am UFZ zum Thema "Versorgungsgerechtigkeit in der Trinkwasserallokation". Seine Forschung zielt insbesondere auf die Rolle privater Haushalte hinsichtlich des Zusammenspiels von sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit.In einem gemeinsamen Beitrag  setzen sich Gawel und Bretschneider mit dem konzeptionellen Problemen bei der Umsetzung des Menschenrechts auf Wasser auseinander.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gawel, Herr Bretschneider, der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht, das laut Uno noch immer 663 Millionen Menschen verwehrt ist. Dennoch bezeichnen Sie Forderungen nach einem unbedingten Zugang zu Wasser als "abwegig". Sind Sie Zyniker?

Gawel: Ganz und gar nicht! Ohne jeden Zweifel steht jedem Menschen eine menschenwürdige Versorgung mit Frischwasser zu. Dieses Menschenrecht ist inzwischen weltweit anerkannt. Das Problem ist hier das Wort "unbedingt" - übersetzt könnte das ja bedeuten: Kostenloses Wasser für alle zu jeder Zeit in Spitzenqualität. Solche Vorstellungen einer "Paradies-Versorgung" wären der sichere Garant dafür, dass das Menschenrecht auf Wasser für alle niemals Realität wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Gawel: Weil sie zu unlösbaren Konflikten führen. Ein Beispiel: Das Recht auf Nahrung ist ebenfalls ein Menschenrecht. Es kann in vielen Teilen der Welt nur dann erfüllt werden, wenn Bauern ihre Felder bewässern können. Also muss auch ihnen ein Kontingent zugestanden werden, es kann nicht alles für die Frischwasserversorgung der Haushalte reserviert sein. Wem ist geholfen, wenn dort alle jederzeit sauberes Wasser, aber zu wenig zu essen haben?

SPIEGEL ONLINE: Wie muss das Menschenrecht auf Wasser dann definiert werden?

Bretschneider: Das ist die Gretchenfrage. Sie muss geklärt werden, sonst sind kaum Fortschritte möglich. Dazu ist ein zweifacher Perspektivwechsel notwendig. Der erste ist im Prinzip auch schon vollzogen: Erst im September haben die Vereinten Nationen ihre Millenniumsziele von 2000, die in diesem Jahr ausgelaufen sind, durch neue Nachhaltigkeitsziele ersetzt. Sie haben eine breitere Ausrichtung als die alten Ziele. In Bezug auf Wasser heißt das: Nun wird nicht mehr allein das soziale Anliegen betrachtet - also das Recht des Einzelnen auf Zugang zu Frischwasser. Zusätzlich werden auch ökologische und ökonomische Belange der Wasserversorgung mit bedacht. Diese Herangehensweise ist ein Fortschritt.

SPIEGEL ONLINE: Worin liegt da der Vorteil?

Gawel: Im Denken an das Morgen: Nur wenn wir heute beispielsweise Grundwasser nachhaltig bewirtschaften, können wir das Recht auf Wasser auch künftig erfüllen, vor allem angesichts steigender Bevölkerungszahlen. Und Wasserversorger können nur dann langfristig arbeiten, wenn ihre Kosten gedeckt werden. Soziale, ökonomische und ökologische Belange stehen nicht im Widerspruch, sondern hängen eng zusammen. Das ist übrigens Konsens, nur eine Minderheit beharrt noch auf der Forderung nach einem unbedingten Zugang zu Wasser. Allerdings fehlen praxistaugliche Konzepte.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren daher für einen weiteren Perspektivwechsel. Was meinen Sie damit?

Bretschneider: Es ist eigentlich simpel. Wir sollten nicht den abstrakten Begriff des Zugangs zu Frischwasser zum Ausgangspunkt machen, sondern das, was diesen Zugang einschränkt, weil wir das viel konkreter beschreiben können: Wir sprechen von vier Hürden: die räumliche Hürde - wie weit ist es bis zur Übergabestelle, und ist der Weg sicher? Die zeitliche - gibt es nur an bestimmten Tagen oder Tageszeiten Frischwasser? Die qualitative - muss das Wasser zum Beispiel noch abgekocht werden? Und die finanzielle - wie teuer ist das Wasser?

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Dürre-Notstand: Den Hahn zugedreht

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SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hilft diese Trennung?

Bretschneider: Wir können die Wechselwirkungen zwischen den Hürden sehr gut erfassen. Ein Beispiel: Selbst in einem armen Wüstenstaat könnte ein Wasserversorger die räumlichen, zeitlichen und qualitativen Hürden auf null setzen, indem er ein Leitungsnetz und eine Wasseraufbereitung nach deutschem Standard aufbaut - er müsste dafür aber so viel Geld verlangen, dass es sich kaum jemand leisten kann. Das Menschenrecht auf Wasser würde so keinesfalls erfüllt. Wahrscheinlich schafft man aber mit einer gut organisierten Versorgung über Tankfahrzeuge einen sinnvollen Ausgleich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hürden sind mit einem Menschenrecht auf Wasser noch vereinbar?

Bretschneider: Dafür gibt es drei Prüfsteine: Erstens müssen die Hürden funktional sein, was die Nachhaltigkeit betrifft. Wasser muss zum Beispiel einen kostenwahren Preis haben, damit es nicht verschwendet wird. Wenn ein Monopol-Wasserversorger allerdings überhöhte Preise verlangt, ist das nicht nachhaltig-funktional. Zweitens müssen die Hürden individuell zumutbar sein. Durch ein Minenfeld zum nächsten Brunnen laufen zu müssen, ist nicht zumutbar. Zugunsten der Landwirtschaft Brunnen trocken fallen zu lassen, ist ebenfalls nicht zumutbar. Und drittens dürfen die Hürden nicht diskriminieren. Es darf keine willkürlichen Privilegien für Personengruppen oder Unternehmen geben.

SPIEGEL ONLINE: Spricht nicht genau dieser Aspekt dagegen, die Wasserversorgung privaten Konzernen und ihrem Gewinnstreben zu überlassen? Dennoch bezeichnen Sie den Kampf vieler Aktivisten gegen eine Privatisierung als "unfruchtbaren Nebenschauplatz".

Gawel: Privates Wirtschaften und das Recht auf Wasser stehen in der Tat nicht prinzipiell im Gegensatz. Wir vertrauen doch bei der Brotversorgung auch auf die Gewinnerzielungsabsicht von Bäckern. Das ist grundsätzlich kein Problem - viel entscheidender ist die richtige Regulierung, also dass die Politik klare, gerechte und lokal angepasste Rahmenbedingungen setzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das aussehen?

Gawel: Ein Staat könnte zum Beispiel für einen kostenwahren Preis sorgen und gleichzeitig die Armen entsprechend finanziell unterstützen - anstatt den Preis für alle, also auch die Wohlhabenden, per Dekret zu senken. Eine angemessene Regulierung zu etablieren ist in der Praxis das eigentliche Problem. Sicher ist das im Bereich der Wasserversorgung, wo oft Monopole herrschen, wichtiger als beim Brot, und es ist auch weitaus schwieriger. Aber oft versprechen gemischte Lösungen mit öffentlichen und privaten Akteuren den größten Erfolg. Wir sollten solche Lösungen nicht von vorneherein ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie steht es mit dem Treiben von Lebensmittelkonzernen? Nestlé steht stark in der Kritik, weil es zum Beispiel in Pakistan Wasser aus Brunnen pumpt, in Flaschen füllt und zu einem Preis anbietet, den sich nur die Mittel- und Oberschicht leisten kann. Die Brunnen der Armen fallen derweil trocken...

Gawel: ...wobei selbst der Dokumentarfilm "Bottled Life", auf den Sie anspielen, offenlässt, ob das an der Wasserentnahme durch Nestlé liegt. Doch nehmen wir der Anschaulichkeit halber an, es sei so. In der deutschen Rechtsordnung könnte man diesem Zustand unter Berufung auf das öffentliche Interesse schnell ein Ende bereiten, auch wenn es geltende Verträge gäbe. Das Problem liegt also weniger bei den Konzernen, sondern bei möglicherweise korrupten und verantwortungslosen Eliten. Ausgerechnet die würden aber einen staatlichen Monopolversorger beherrschen, wenn man die Konzerne hinauswirft. Glauben Sie, das würde die Versorgung verbessern?

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Prognose: In welchem Jahr wird das Menschenrecht auf Wasser weltweit umgesetzt sein?

Gawel: Da wagen wir keine Prognosen. Es wird auf jeden Fall schneller gehen, wenn man sich auf die Hürden und ihren verträglichen Abbau konzentriert, als schlicht einen unbeschränkten Zugang zu fordern.

Animation: Warum das Wasser knapp wird

DER SPIEGEL, Alexander Epp